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Schauspielerin April Hailer : Zwischen Bühne und Kuhstall

Fühlt sich wohl auf der Bühne im Burghof und in der Stadt: April Hailer vor der Bad Vilbeler Wasserburg Bild: Wolfgang Eilmes

April Hailer begeistert das Publikum der Burgfestspiele Bad Vilbel als Protagonistin im Musical „Sunset Boulevard“. Dabei war sie zunächst unsicher, ob sie die Rolle überhaupt annehmen wollte.

          Eigentlich wollte sie nicht. Als April Hailer im vorigen Winter nach Bad Vilbel kam, um vorzusingen, fand sie es ziemlich trist. „Ich war mir unsicher, ob man das hier hinkriegt, auf so einer kleinen Freilichtbühne“, erinnert sich die Schauspielerin, die an die 60 Meter breite Bühne im oberfränkischen Wunsiedel gewöhnt war. Sie wollte in die psychischen Abgründe ihrer Rolle vordringen, das Wesen der Norma Desmond erfassen, jener Stummfilmdiva, die in Billy Wilders Film „Sunset Boulevard“ zur Mörderin wird, weil sie den Anschluss an die Zeit des Tonfilms verpasst hat.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ein Mensch, der die Außenwelt nicht mehr als seine Welt wahrnimmt“, sinniert Hailer. In Bad Vilbel fehlte ihr die „Magie des Lichts“. Schließlich singt Norma im Musical, das Andrew Lloyd Webber aus Wilders Film gemacht, von den „Träumen aus Licht“, dem Stummfilm eben. „Ich habe sehr mit mir gerungen. Aber Claus-Günther Kunzmann hat auf mich gewartet.“

          Herz hängt an der Musik

          Zu Recht. Der Intendant der Burgfestspiele Bad Vilbel wusste: die oder keine. Nach vier Wochen sagte Hailer zu. Sie hatte das Potential der kleinen „Unplugged“-Bühne erkannt: „Da kann man schauspielerisch ins Detail gehen, in die Tiefe, und man sieht es.“ Stimmt: Sogar aus der letzten Reihe der überdachten Tribüne erkennt der Zuschauer, welches Drama sich da unten abspielt, und kann über Norma Desmond sagen: Ja, sie war ein Star, und ich weiß jetzt, warum.

          Aber Hailer hat sich nicht nur die Festspielbühne erspielt und das Publikum erobert, sie hat auch die Stadt und ihre Bürger schätzen gelernt: „Die Menschen hier sind freundlich, eine entgegenkommende Offenheit begegnet mir.“ Sie fühlt sich wohl in Bad Vilbel. Überhaupt kennt sie die Gegend. In Frankfurt hat sie auch schon gewohnt, als sie am TAT beim „Untergang der Titanic“ dabei war und im Freien Schauspiel Ensemble gearbeitet hat.

          Ihr Herz hängt an der Musik. Als Gabriele Hailer kam sie 1959 als Tochter eines musikbegeisterten Ingenieurs und einer Religionslehrerin in Heidenheim an der Brenz zur Welt und wuchs mit vier Geschwistern in Aalen auf, wo sie mit Musik und Französisch als Leistungskursen das Abitur machte. Ihr Vater, auf der Oboe kundig, führte seine Kinder in die Welt der Musik ein. „Wir haben alle Blockflöte gespielt und Bachchoräle gesungen“, erinnert sich Hailer.

          Debüt als Bauernmädchen

          Sie hat Violine und Bratsche spielen gelernt und mit 17 Jahren endlich auch die Oboe. Noch heute weiß sie, wie sich ein Oboen-Rohr zusammensetzen lässt. Als die „vier Hailer-Oboen“ wurde die Familie von Orchestern engagiert. Kein Wunder, dass die Älteste sich schon vor dem Schulabschluss beim Oboisten Friedrich Milde an der Musikhochschule Stuttgart ausbilden ließ.

          Nach dem Abitur ließ sie ihren Vornamen ändern. „April“ wollte sie heißen. Damit verband sich für sie etwas Androgynes, Frühling und frischer Wind. „Das entsprach meiner Identität. Das bin ich“, sagt sie heute. Der Standesbeamte ließ sie abblitzen. Dann schaltete sich ihr Vater ein, sogar der Bürgermeister, und die Geburtsurkunde wurde geändert. Dass April Hailer auch prima als Künstlername taugt, war eher ein Nebeneffekt.

          Ihre Aufnahmeprüfung für das Studium von Schauspiel und Regie am Salzburger Mozarteum hat sie heimlich gemacht. „Ich versprach mir vom Theater ein Mehr an Leben“, sagt sie. Sie habe „in andere Welten eindringen“ wollen. Ihr Debüt gab sie 1981 am Stadttheater Heidelberg als Bauernmädchen in Marlowes „König Edward II.“. Gerne erinnert sie sich an den damaligen Hausregisseur David Mouchtar-Samorai: „Er machte hoch sinnliches, aufregendes Theater.“ Obwohl sie die Recha in Lessings „Nathan“ übernahm und eine Doppelrolle in Wedekinds „Frühlings-Erwachen“, fühlte sie sich nicht so eingesetzt, wie sie es sich vorgestellt hatte. Deshalb blieb es bei dem Zweijahresvertrag – ihrer einzigen Festanstellung.

          Nach der Bühne kam das Fernsehen

          Als freie Schauspielerin kam Hailer nach Frankfurt und nahm hier unter anderem Gesangsunterricht bei der Opernsängerin Tamar Rachum. Damit qualifizierte sie sich auch gleich für die Rolle der Lilian Holiday in „Happy End“ von Kurt Weill am Staatstheater Stuttgart. Sie trat am Nationaltheater Mannheim in Bruckners „Krankheit der Jugend“ auf und im Circus Krone als Titelheldin im Musical „Annie Get Your Gun“, einer Münchner Koproduktion mit dem Theater am Gärtnerplatz.

          Zwölf Jahre Bühnenkarriere hatte sie hinter sich, als das Fernsehen sie 1993 für sich entdeckte: mit der Serie „Wie bitte?!“, in der Probleme des kleinen Mannes im Comedy-Format gelöst wurden. „Immerhin etwas Sinnhaftes“, sagt sie heute im Rückblick. Fünf Jahre später bekam sie ihre eigene „April Hailer Show“ im ZDF. Im „Tatort“ war sie 2002 einmal dabei, aber am meisten berührt hat sie das Fernsehspiel „Drei Tage im April“ unter der Regie von Oliver Storz: eine Geschichte aus den letzten Kriegstagen in einer schwäbischen Kleinstadt.

          Kochen für die Bäuerin

          Doch Hailer ist nicht nur in Musicals und Fernsehshows präsent. In Berlin hat sie in Workshops und Seminaren auch privat unterrichtet und in Salzburg als Dozentin für „Musikdramatische Gestaltung, szenisch“ am Mozarteum gelehrt. Neuerdings unterrichtet sie an der August-Everding-Akademie in München Schauspiel für Musical-Darsteller.

          Auf „Sinnhaftes“ legt sie Wert, nicht nur als singende Schauspielerin. Im Vinschgau unterstützt sie ehrenamtlich Bergbauern in Not: steht um 5 Uhr auf, mistet den Stall aus, füttert und melkt, kocht für die Bäuerin. „Es verbraucht einen auf gute Art und Weise“, ist sie überzeugt. Auch die Zeit mit ihrem 88 Jahre alten Vater ist ihr viel wert. Sie umsorgt ihn gemeinsam mit ihren Geschwistern. Erholung? Die findet sie in ihrer ruhigen Wohnung in Köln oder in ihrem Schrebergarten. Wenn „Sunset Boulevard“ im September abgespielt ist, reist sie aber sofort wieder nach Südtirol, um auf „ihrem“ Hof nach dem Rechten zu sehen.

          Burgfestspiele Bad Vilbel: Das Programm Der kommenden Wochen

          Die nächsten Vorstellungen von „Sunset Boulevard“ mit April Hailer sind am 28., 29. und 31. Juli von jeweils 20.15 Uhr an sowie am 30. Juli von 18.15 Uhr an zu sehen. Weitere Vorstellungen bis 4. September, Informationen zu Terminen und zum Kartenvorverkauf im Internet unter www.kultur-bad-vilbel.de. Die Burgfestspiele enden am 10. September mit einer Vorstellung der Sechziger-Jahre-Revue „Summer in the City“.

          Als nächste Premiere in der Wasserburg wird vom 5. August um 20.15 Uhr an Carlo Goldonis Komödie „Der Diener zweier Herren“ gezeigt (weitere Vorstellungen bis 1. September, nächste Aufführung am 6. August von 18.15 Uhr an). Noch fünf Mal zu sehen ist die Komödie „Ziemlich beste Freunde“ (3., 4., 14., 15. und 29. August von jeweils 20.15 Uhr an), auch „Wie im Himmel“, ein Schauspiel mit Musik nach dem gleichnamigen Film von Kay Pollak, wird weiterhin gezeigt (7. und 8. August sowie 5. und 6. September von jeweils 20.15 Uhr an). Als Kinderstücke gibt es „Figaros Hochzeit“, „Tintenherz“ und „Jim Knopf und die wilde 13“, im Theaterkeller laufen „Er ist wieder da“, „Das Tagebuch der Anne Frank“ und „Tschick“. (balk.)

          Quelle: F.A.S.

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