Ihm war ein Zahn gezogen worden, und daran wäre er fast gestorben. Denn die Wunde hörte nicht auf zu bluten. Der Patient litt an einer Gerinnungsstörung, schnelle Hilfe tat not. Die Ärzte entschieden sich, ihm den aktivierten BlutgerinnungsfaktorVII zu geben, im Handel erhältlich unter dem Namen Novoseven. Wenn dieses Präparat verordnet wird, geht es um Leben und Tod. Wegen der aufwendigen Herstellung ist Novoseven eines der teuersten Medikamente überhaupt: Eine Ampulle kann 5000Euro kosten.
Die Rettung für den Bluter kam aus einem unscheinbaren, zweigeschossigen Flachbau mit schwarzgrauer Fassade. In Haus 19b hat die Apotheke des Frankfurter Universitätsklinikums ihren Sitz. Apothekenleiter Nils Keiner und seine Mitarbeiter beschaffen, wenn es sein muss, in kurzer Zeit auch so exotische Heilmittel wie Novoseven. Weit häufiger stehen auf den Bestellzetteln, die das Fax in der Auftragsannahme ausspuckt, aber Namen wie Ibuprofen, Diclofenac und Acetylsalicylsäure - die „Klassiker“, wie Keiner sagt, vielgebrauchte, leichte bis mittelstarke Schmerzmittel. Sie machen einen großen Teil der Vorräte in der Apotheke aus, die rund 2000 verschiedene Arzneimittel auf Lager hat. Seit vergangenem August führt Keiner, 38 Jahre alt, die Oberaufsicht über die Bestände. Mit Großkaro-Jackett und fliederfarbenem Hemd sieht er aus wie ein kreativer Jungunternehmer. Sein Stellvertreter Rupert Klopsch trägt einen weißen Kittel über grauem T-Shirt. Der 51Jahre alte Pharmazeut strahlt eine Gelassenheit aus, die er sich in 18 Apotheken-Dienstjahren erworben hat.
„CITO!“ heißt es dann
Was die 70Stationen des Klinikums brauchen, können sie auch per Computer ordern. Aber viele bevorzugen das gute alte Telefax, das macht weniger Arbeit, und Zeit ist ein kostbares Gut im modernen Krankenhausbetrieb. Abteilungen mit großem Verbrauch sind gehalten, ihre Medikamente bis 10Uhr morgens zu bestellen. „Dann geht die Lieferung noch am gleichen Tag raus“, verspricht Klopsch.
Kranke Menschen halten sich aber nicht immer an Zeitpläne, und gestresste Ärzte und Pfleger auch nicht. Wenn sich im Vorratsschrank einer Station bedenkliche Lücken auftun oder ein Patient dringend eine bestimmte Arznei benötigt, landet ein Formular mit dem Aufdruck „CITO!“ in der Apotheke. Der lateinische Alarmruf „schnell!“ muss keine Lebensgefahr signalisieren. Auch Allergietabletten und Osteoporosemedikamente werden schon einmal auf diesem Weg angefordert. Denn oft liegen die Patienten des Klinikums nicht geduldig im Bett, sondern sitzen im Wartezimmer einer Ambulanz, wie Klopsch erklärt: „Die wollen ihre Spritze und dann nach Hause.“ Medikamente für den Massenbedarf müssen die Apothekenhelfer nicht selbst aus den Regalen zusammensuchen. Dafür gibt es den Kommissionier-Automaten, der mit Tablettenschachteln und Ampullenpackungen gefüllt werden kann. Geht eine elektronische Bestellung ein, wirft die Maschine das Gewünschte in eine Transportkiste. Der Automat ist von 1997 - fast schon eine Antiquität, die den in vier Jahren vorgesehenen Umzug der Apotheke in ein neues Gebäude wohl nicht mitmachen wird.
Vor Medikamenten bewahren
Im Erdgeschoss des Altbaus wird das Pflichtgeschäft abgewickelt, für die pharmazeutische Kür ist der erste Stock reserviert. Wer hier als Gast auch nur die Flure betreten will, muss blaue Überschuhe anziehen. In die Reinlabore selbst kommt niemand ohne weißen Overall, Mundschutz, Kopfbedeckung und Handschuhe hinein. Es gibt Schleusen, deren Innentüren sich nur öffnen, wenn die äußeren geschlossen sind. Arbeitsmaterial, das ins Labor soll, muss sterilisiert werden. All dieser Aufwand dient dazu, die Produkte vor den Keimen zu schützen, die Menschen mit sich herumschleppen.
Manchmal soll er auch die Menschen vor den Medikamenten bewahren. Zytostatika, wie sie in der Chemotherapie eingesetzt werden, töten Krebszellen, sie können aber auch gesunde Zellen entarten lassen. Wer als Pharmazie-Assistent mit solchem Gift hantiert, muss sich gut schützen und gleichzeitig mit höchster Sorgfalt arbeiten. Denn für die oft geschwächten Krebskranken kann schon ein kleiner Fehler in der Dosierung fatal sein. Die Waage im Labor für die Zubereitung der Zytostatika-Infusionen duldet nur eine Differenz von drei Prozent gegenüber der voreingestellten Menge - ist die Abweichung größer, wird das Wiegegut nicht freigegeben. Bevor ein Mitarbeiter überhaupt an die Zellgifte herangelassen wird, absolviert er eine Prüfung, bei der er mit dem schon in kleinsten Mengen sichtbaren Farbstoff Methylenblau umgehen muss. Klopsch sagt: „Da sehen wir dann, ob die Leute sauber arbeiten.“
Manches wird auch selbst hergestellt
Genauso gefährlich wäre Schlamperei in dem Labor, in dem die Ernährungslösungen für Frühgeborene und Schwerkranke abgefüllt werden. Was passieren kann, wenn solche Infusionen verunreinigt sind, hat sich 2010 an der Uniklinik Mainz gezeigt: Drei Babys starben, weil sie mit Darmbakterien infiziert wurden. Ein Haarriss in einer Flasche hatte das Unglück ausgelöst, die Klinik traf keine Schuld. Trotzdem ist man auch in Frankfurt seitdem noch vorsichtiger geworden. Nach Klopschs Worten wird darauf geachtet, dass im Reinlabor keine Flasche mehr als zwei Stunden herumsteht: Das schließe praktisch aus, dass sich Keime in den Lösungen vermehren könnten. Von allen Ansätzen werden Proben aufbewahrt, und wie im Zytostatika-Labor wird jeder Handgriff protokolliert. Klopsch ist sich sicher: „Wir können nach Jahren noch sagen, wer was wie zubereitet hat.“
Ein paar Räume weiter sind die Sicherheitsvorkehrungen nicht ganz so streng. Auf einer Laborwerkbank stehen zehn kleine Plastikdosen mit roten Deckeln. Sie enthalten eine Salbe mit Methoxsalen, einem Wirkstoff, der zur Behandlung von Schuppenflechte eingesetzt wird. Solche Präparate in überschaubaren Mengen selbst herzustellen gehört zu den traditionellen Aufgaben der Klinikapotheke.
Alles in die Transportbox
Mit einem noch recht neuen Projekt dagegen ist die Kollegin befasst, die in einem Reinlabor nebenan dicke Spritzen mit Kaliumchlorid aufzieht. Solche Fertig-Injektionen liefert die Apotheke, um die Ärzte und Schwestern auf den Stationen zu entlasten. Wirkstoffe wie Kaliumchlorid und Adrenalin werden sehr oft gebraucht, aber in falscher Dosis verabreicht, können sie tödlich sein, wie Klopsch erklärt. In der Spritze aus der Apotheke ist garantiert so viel drin wie draufsteht - ein Risiko weniger im hektischen Klinikalltag.
Ob Salbe, Spritze oder Infusion, letztlich findet das meiste, was die Apotheke bereitstellt, irgendwann den Weg in eine Transportbox. Im Erdgeschoss werden sie mit einer Förderanlage bewegt. Blau sind die Kisten für gewöhnliche Medikamente, rot jene für die Zytostatika, und in grünen Boxen werden die Betäubungsmittel verpackt, die die Apothekenhelfer aus Panzerschränken holen müssen. Nach der Endkontrolle werden die Kisten verplombt, und der Klinik-Fahrdienst bringt sie zu den Stationen.
Am Geld soll eine sinnvolle Behandlung nicht scheitern
Manchmal, wenn es eilig ist, muss auch der Hausbote ran oder einer der Apotheker selbst. Um 16.30Uhr ist Betriebsschluss, aber eine Rufbereitschaft sorgt dafür, dass ein Bluter oder Leukämiekranker auch nachts die rettende Arznei bekommt. „In einer Dreiviertelstunde sollte das Medikament an Ort und Stelle sein“, hat sich Klopsch zum Ziel gesetzt. Wesentlich flotter geht es, wenn die anfordernde Station an die Rohrpostanlage angeschlossen ist. Dann kann die Lieferung in die gelbe Bombe mit dem Aufdruck „Dringend, Notfall“ gepackt und mit Hochdruck auf die Reise geschickt werden.
Auch wenn Therapiefreiheit gilt, können die Klinikärzte nicht nach Lust und Laune bei der Apotheke ordern. Es gibt eine Liste, auf der jene Präparate stehen, die üblicherweise einzusetzen sind, wie Apothekenchef Keiner erläutert. Falls ihm ein Wunsch zweifelhaft erscheint, wendet er sich an die Arzneimittelkommission des Klinikums, die in solchen Fragen das letzte Wort hat.
Auch wenn der Einspardruck überall wächst - am Geld soll eine sinnvolle Behandlung nicht scheitern. So bekam denn auch der Bluter nach der Zahnextraktion von den 5000-Euro-Ampullen mit dem Gerinnungsfaktor so viele wie nötig. Er brauchte vierzig Stück.