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Antisemitismus im Fußball : Der Hass ist jederzeit abrufbar

Dresden gegen Cottbus: Diskussionsstoff auf dem Themenabend. Bild: dpa

Es ist eine lange, traurige Geschichte: Antisemitismus im Fußball ist nach wie vor ein Problem, wie der Themenabend vom FSV und Makkabi Frankfurt zeigt.

          Zwischen dem, was wir als Normalität empfinden, und dem Abgleiten ins Chaos liegt häufig nur ein schmaler Grat. Das konnte man im vergangenen Monat beim Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ in aller Welt live beobachten. Die Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt betraf auch Menschen jüdischen Glaubens. Solche offenen Gewaltausbrüche kommen zwar nur selten vor, aber es gibt in Europa wohl kaum ein Problem, das so sehr unter der Oberfläche schwelt wie der Antisemitismus.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das gilt auch für den Sport und besonders für den Fußball. Der FSV Frankfurt veranstaltete deshalb am Donnerstag zusammen mit dem jüdischen Verein Makkabi Frankfurt den Themenabend „Antisemitismus im Fußball“. Es ging um gegenwärtige Probleme, die Vergangenheit des FSV und die Verantwortung, die sich daraus ergibt. Vor einem Jahr sah sich der Verein noch massiver Kritik ausgesetzt. Die Verantwortlichen hatten einen Sponsorenvertrag mit der saudi-arabischen Fluglinie Saudia abgeschlossen, die sich weigert, israelische Staatsbürger mitzunehmen. Dem FSV war das offenbar nicht bewusst. Nach einem Bericht in dieser Zeitung forderte Ligapräsident Reinhard Rauball, die Entscheidung zu überdenken. Der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, nannte die Haltung von Saudia „zutiefst antisemitisch“. Daraufhin lösten die Verantwortlichen den Vertrag mit dem Sponsor auf.

          Eine eklatante Doppelmoral

          Auch Alon Meyer, Präsident von Makkabi Frankfurt, hatte sich damals beim FSV gemeldet; seitdem besteht die Kooperation beider Vereine. „Nicht nur, weil Makkabi ein jüdischer Verein ist, sondern auch, weil die eine sehr gute Jugendarbeit machen“, sagte Jens-Uwe Münker, einer der Geschäftsführer des FSV, am Donnerstag. Den Sponsorenvertrag mit Saudia bezeichnete er als „eindeutigen Fehler“, kritisierte aber dennoch die Reaktion von Politikern und Verbandsfunktionären. Dass man von Saudias Weigerung, Israelis mitzunehmen, nichts gewusst habe, diese „Dummheit kann man uns natürlich vorwerfen“. Aber das Verhalten einiger offenbare doch eine eklatante Doppelmoral. Politiker zum Beispiel hätten den FSV scharf kritisiert, nicht aber die Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien. Auch Ligapräsident Rauball habe den Sponsorenvertrag mit Saudia ins Visier genommen, den FC Bayern für seine vergoldete Reise nach Saudi-Arabien in dieser Winterpause aber verteidigt.

          Tatsächlich hatte Rauball dieser Zeitung in der Causa FSV gesagt: „Es darf kein Zweifel aufkommen, dass der deutsche Fußball keine Form der Diskriminierung duldet.“ Beim Spiel der Bayern in Riad war Frauen der Zutritt zum Stadion verboten - nun befand Rauball allerdings, der Fußball könne Probleme der Menschenrechtsverletzungen nicht alleine lösen. So kann der Eindruck entstehen, dass politische Grundsätze immer dann in den Vordergrund rücken, wenn es nicht gerade ums große Geld geht.

          „Jude“ als schlimmste Beleidigung

          Persönliche Abhängigkeiten sind auch ein Grund, warum der Antisemitismus in manchen Vereinen wuchern kann. In einer Gesprächsrunde mit Sportjournalist Ronny Blaschke, FSV-Aufsichtsratmitglied Eugen Emmerling, Makkabi-Präsident Alon Meyer und Angelika Ribler von der Sportjugend Hessen erklärte Münker, man könne leicht bei antisemitischen Parolen wegschauen, wenn einen dafür „im nächsten Jahr bei der Hauptversammlung 500 Fans wählen“. Wie weit der Antisemitismus in den Vereinen verbreitet ist, hatte Blaschke zuvor in einem Vortrag erläutert. Das Wort „Jude“ gelte in Fußballkreisen immer noch als schlimmste Beleidigung.

          2005 etwa hatten Fans aus Cottbus in einem Spiel ein Transparent enthüllt: Es zeigte einen Schriftzug der gegnerischen Mannschaft aus Dresden, umhüllt von Stacheldraht, der Buchstabe „d“ zum Davidstern stilisiert. 2011 verhielten sich Fans aus Dresden in einem Spiel gegen die Eintracht ganz ähnlich. Sie skandierten „Jude, Jude, Jude“ - als Antwort auf „Nazis raus“-Fangesänge aus dem Eintracht-Block, von denen sie sich offenbar angesprochen fühlten. Nicht alle, die mitsingen, seien wirklich rechtsextrem, sagte Blaschke, „aber durch die Anonymität, Emotionen und auch den Alkohol können antisemitische Tendenzen leichter an die Oberfläche geraten.“

          Herausforderung für Vereine

          Erleichtert wird das durch die lange Tradition antisemitischer Schmähgesänge im Fußball. Seit den sechziger Jahren singen Fans das „U-Bahn-Lied“ mitsamt der Zeile: „Wir bauen eine U-Bahn bis nach Auschwitz“; in den Achtzigern gründete sich im Umfeld der Hertha ein Fanklub mit dem Namen „Zyklon B“. Diese Dinge sind eingegangen in den kollektiven Wissensstand radikalisierter Fans, und sie sind jederzeit abrufbar.

          Nach den Worten Blaschkes halten sich dabei immer noch hartnäckig alte Vorurteile: Jüdische Menschen stünden wahlweise für Geldgier und den erkauften Erfolg des Gegners oder für eine „Cleverness“, die tendenziell mit einem negativen Vorzeichen versehen ist. Sie würden pauschal verantwortlich für die israelische Politik gemacht, der Opferstatus werde ihnen grundsätzlich abgesprochen. Das zeigt, vor welchen Herausforderungen die Fußballvereine stehen. Auch die großen. „Gerade aus dem Erfolg“, sagte Blaschke, „wächst eine Verpflichtung.“

          Quelle: F.A.Z.

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