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Antiquare in Frankfurt „Das ist nur auszuhalten, wenn es einem Spaß macht“

Ein Gewerbe im Wandel: Die meisten Frankfurter Antiquare kämpfen ums Überleben. Einhellig vermissen sie die Sammler, die einst für regen Umsatz sorgten.

© Fiechter, Fabian Vergrößern Gibt auf: Joachim Walter schließt sein Antiquariat „Der Rabe“ in Frankfurt

So sieht man sich wieder: Eben war der Kunde noch bei Annette Haschtmann am Bornwiesenweg, jetzt spricht er bei Orban & Streu an der Eckenheimer Landstraße vor und fragt nach demselben Titel. Aber auch Thomas Orban kann mit Niklas Franks Buch „Meine deutsche Mutter“ nicht dienen. Und die Ausgaben, die im Internet für 94 und 65 Euro angeboten werden, sind dem Kunden offensichtlich zu teuer. Er zuckt mit den Schultern und verabschiedet sich. Vermutlich war er unterwegs auch schon bei Joachim Walter im „Raben“ am Oeder Weg 40 und stattet demnächst Uwe Körnig im Antiquariat nebenan noch einen Besuch ab: „Synergetische Effekte“, nennt das Joachim Walter, denn das Wort „Konkurrenz“ ist verpönt unter den Frankfurter Antiquaren. Doch die Synergien können den „Raben“ nicht mehr beflügeln.

Claudia Schülke Folgen:  

Ende März nächsten Jahres macht Walter seinen Laden zu. „Vor anderthalb Jahren ist mir die Miete um 30 Prozent erhöht worden“, sagt er. Ein typisches Nordend-Schicksal. Aber 2100 Euro für 80 Quadratmeter kann der Antiquar, der das Geschäft 2002 von Lotte Rabeneck übernommen hatte, einfach nicht mehr erwirtschaften: „Die Schere der Bilanz klafft immer weiter auseinander.“ Der Umsatz gehe zurück, weil weniger Laufkunden kämen und die traditionellen Sammler ausstürben. Die ersten Regale sind schon leer, weil zu wenig gute Literatur nachkomme. Etwa zwei Drittel trage das Ladengeschäft zum Umsatz bei, ein Drittel der Internetversand. Aber Walter hat nur noch 1500 Titel im Internet, weil die Dumpingpreise gemeinnütziger Vereine und privater Anbieter ihn zunehmend frustrieren.

Reclam-Heft statt Gesamtausgabe

„Immer mehr Leute versuchen, ihre Bücher auf eigene Faust zu verkaufen“, bedauert der gelernte Altphilologe. Auch den „Bücherschrank“, der zwischen ihm und der Kollegin Haschtmann am Oeder Weg aufgestellt wurde, habe er zunächst unterschätzt: „Dieser ,Kühlschrank’ wird sehr frequentiert.“ Aber wenn sich jeder umsonst herausnehmen könne, was er wolle, verlören die Leute das Bewusstsein für den Wert eines Buches. Die Studenten bringen ihn ebenfalls zur Verzweiflung: „Neulich habe ich einem eine Büchner-Gesamtausgabe für fünf Euro angeboten, aber der junge Mann wollte nur eine Reclam-Ausgabe des ,Woyzeck’.“ Walter, erst 54 Jahre alt, will sich künftig wieder als Lateinlehrer verdingen. Er ist überzeugt: „Das Antiquariat ist ein aussterbendes Gewerbe.“

Davon will Annette Haschtmann nichts wissen. Klar, auch sie kämpfe ums Überleben, aber „voller Zuversicht“. Mit der Miete hat sie zumindest bis Ende 2017 keine Probleme. Anders als Walter ist sie auch spezialisiert. Schon ihr Vater hatte ein juristisches Fachantiquariat aufgebaut. Davon zehrt die Tochter noch heute: „Ohne Spezialisierung könnte ich zumachen.“ Sie verschickt Kataloge an ihre juristischen Stammkunden und bestellt neue Bücher im Sortimentshandel. Etwa 5000 Titel hat sie im Laden, 18 000 im Netz und 25 000 Neuzugänge im Lager. Über ausbleibenden Nachschub kann sie nicht klagen. Die Sammler vermisst auch sie, aber dafür gebe es einen kleinen Studentenstamm, der sich für Philosophie interessiere. „Und auf Selbstausbeutung läuft es letztlich immer hinaus.“

Auch Thomas Orban und Ines Streu beuten sich selbst aus: von neun bis neun. „Das hält man nur aus, wenn es einem Spaß macht“, sagt Orban. Seit 2004 verkauft er mit seiner Frau alte Bücher auf 100 Quadratmetern an der Eckenheimer Landstraße 36, vor allem Francofurtensien, aber auch klassische Literatur, Geschichte, Philosophie und Filmtheorie. Etwa 4000 Titel haben sie im Laden, 10 000 im Netz und ungezählte in den beschrifteten Kisten im Lager. Nachschubsorgen kennen sie nicht, das sieht man schon an den Büchertürmen neben dem Verkaufstisch: Diese Titel müssen noch ins Netz gestellt und akribisch beschrieben werden. Etwa 35 Titel am Tag schafft Orban. Er wundert sich über den Kollegen Wolfgang Rüger dribbdebach, der nach eigener Auskunft 100 Titel täglich ins Netz stelle. „Nonstop“, vermutet Orban.

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