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Anne-Frank-Schule, Frankfurt „Ich kam mir als Verlierer vor“

04.07.2009 ·  Joy Grays aus der Klasse 8c der Anne-Frank-Schule, Frankfurt, im Interview mit Frau G., die keine Ausbildung hatte und darum lange keine Arbeit fand. Sie berichtet, was das für sie bedeutete.

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Joy Grays aus der Klasse 8c der Anne-Frank-Schule, Frankfurt, im Interview mit Frau G., die keine Ausbildung hatte und darum lange keine Arbeit fand. Sie berichtet, was das für sie bedeutete.

Können Sie uns sagen, wie es dazu kam, dass Sie arbeitslos geworden sind?

Nach meiner mittleren Reife habe ich keine Ausbildung gemacht, was ein großer Fehler war. Ich wollte mehr Geld verdienen, als es während einer Ausbildung möglich war. Dann verschlug es mich ins Ausland. Nach meiner Rückkehr aus Amerika stellte ich fest, dass es nicht mehr möglich war, ohne Ausbildung eine gute Anstellung zu finden.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich ging zum Arbeitsamt (heutiges Job Center).

Hat man Ihnen dort geholfen?

Ja. Man schlug mir vor, eine Umschulung zu machen. Meine Englischkenntnisse würden mir helfen, mich für den Beruf der Kauffrau für Bürokommunikation zu qualifizieren. Diese Ausbildung war in Teilzeit, von 8 bis 13 Uhr, und dauerte drei Jahre.

Was ist das für ein Beruf?

Man ist Sekretärin. Kauffrau für Bürokommunikation ist der moderne, neue Name. Man organisiert alles für den Chef, von seinen Terminen über Geschäftsreisen bis hin zu Sitzungsunterlagen.

Haben Sie dann nach der Umschulung eine Arbeit bekommen?

Leider nicht. Obwohl ich einen sehr guten Abschluss hatte, war die Lage auf dem Arbeitsmarkt sehr schlecht. Man suchte nur Mitarbeiter mit langer Berufserfahrung. Diese hatte ich leider nicht. Die Erfahrung, die ich vor meinem Umzug nach Deutschland gesammelt hatte, zählte nicht mehr.

Was haben Sie alles unternommen, um eine Arbeit zu finden?

Ich habe mich als arbeitssuchend beim Arbeitsamt gemeldet. Ich stellte meinen Lebenslauf ins Internet (Monster.de, Jobpilot). Ich blätterte in den Zeitungen, suchte mir Anzeigen heraus, schrieb zwischen 15 und 30 Bewerbungen in der Woche. Außerdem bewarb ich mich online direkt bei Firmen, die Jobs anboten.

Hatten Sie Erfolg dabei?

Leider nicht, ich hatte mir mehr erhofft. Im ersten Jahr bekam ich am laufenden Band Absagen. Nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch lud man mich ein. Jeden Tag war ein Umschlag im Briefkasten. Wenn er dick war, wusste ich, dass man mir meine Unterlagen zurückgeschickt hatte.

Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Ganz, ganz schlecht. Ich kam mir als Verlierer vor - als ob ich nichts könnte und niemand wäre.

Wie sind Sie in dieser Zeit finanziell über die Runden gekommen?

Erst einmal ganz gut. Dann aber kam Hartz IV, und es wurde eine Katastrophe. Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Wenn ich die Miete bezahlte, war für den Strom nichts mehr übrig. Wenn ich aber alle anderen Rechnungen bezahlte, konnte ich die Miete nicht bezahlen, und uns drohte der Rauswurf aus der Wohnung.

Hat Ihnen jemand geholfen?

Ich bekam finanzielle Hilfe von meiner Familie und meiner Freundin. Vor Weihnachten habe ich dann noch einen Job in einer Bäckerei angenommen, um mehr Geld zu haben. Ich schämte mich, kein Geld für Geschenke für meine Kinder zu haben. Leider hat von den 400 Euro Verdienst das Arbeitsamt das meiste abgezogen. Ich durfte nur 180 Euro behalten.

Wie war die Situation für Ihre Kinder?

Ich habe versucht, meine Kids nichts merken zu lassen. Meine Laune war schlimm, ich schrie viel rum, war deprimiert und immer unglücklicher. Ich musste auch den Geburtstag der Kids ausfallen lassen, weil ich mir ja kaum Essen für uns leisten konnte, geschweige denn zu feiern. Die Kinder haben versucht, das zu verstehen. Aber ich denke, unglücklich waren sie trotzdem.

Konnten Sie die Freizeit, die Sie ja leider hatten, für Ihre Kinder nutzen?

Ich konnte meinen Kindern bei den Hausaufgaben helfen, Essen kochen. Ich war da, wenn sie nach Hause kamen. Aber genutzt hat das nicht sehr viel. Ich war so schlecht gelaunt, dass es für die Kinder besser gewesen wäre, wenn ich nicht zu Hause wäre.

Auf was mussten Sie noch verzichten?

Ich konnte den Kindern keine Schulsachen kaufen, Klassenkassen waren der Horror, auch für Ausflüge musste ich mir Geld leihen. Die Kids bekamen keine neuen Klamotten, konnten nicht ins Kino oder ins Schwimmbad gehen. Gesund essen war auch nicht möglich, da frisches Fleisch, Obst und Gemüse teuer ist. Fertigessen war billiger und somit bei uns an der Tagesordnung.

Wie lange waren Sie arbeitslos?

Etwa eineinhalb Jahre. Ich bewarb mich bei einer Zeitarbeitsfirma und bekam dort sofort die Möglichkeit, in eine Festanstellung zu gehen. Das Gehalt war mies, aber ich hatte einen Job. Ich war sehr glücklich!

Was würden Sie Schülern raten?

Macht euren Abschluss! Nur ein guter Abschluss wird euch Türen öffnen.

Die Fragen stellte Joy Grays aus der Klasse 8c der Anne-Frank-Schule, Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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