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Angst vor einem „Riedberg II“ „Freie Flächen sind doch nicht nutzlos“

Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig trifft Frankfurter Landwirte, die eine Sorge haben: Gibt es im Römer Pläne, auf die Äcker Reihenhäuser zu stellen?

© Rüchel, Dieter Vergrößern Statt Häusern waren hier auf dem Riedberg früher Wiesen und Äcker.

Auf den Termin am Montagmorgen warten die Frankfurter Landwirte in diesem Jahr schon ungeduldig. Sie wollen bei dem an und für sich traditionellen „landwirtschaftlichen Gespräch“, zu dem in jedem Jahr der Frankfurter Wirtschaftsdezernent einlädt, endlich eines wissen: Gibt es im Römer Pläne, die Äcker in Frankfurt lieber mit Reihenhäusern und Geschosswohnungsbau zu bebauen, als sie für den Anbau von Salat, Weizen und Zuckerrüben zu nutzen? Bisher ist der Slogan, Frankfurt ist Hessens größtes Dorf, der darauf anspielt, dass in Frankfurt 15 Prozent der Stadtfläche landwirtschaftlich genutzt wird, von den Landwirten als Werbung eingesetzt worden. Jetzt, wo angesichts eines unverhofften Bevölkerungswachstums über nichts stärker diskutiert wird, als über die Schaffung neuer Wohnungen, könnte er sich schnell ins Gegenteil verkehren.

Mechthild Harting Folgen:  

Da kommt es den Bauern zupass, dass sich für Montag auch Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) angemeldet hat. Heilig ist als Dezernentin das erste Mal dabei. Auch sie soll sagen, was sie von Frank Junkers Aussagen hält. Der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG hatte die Frankfurter Landwirte gleich zum Auftakt des Jahres beim Neujahrsempfang der Stadt aufgeschreckt, in dem er laut darüber nachgedacht hatte, ob „in den Grenzen Frankfurts großflächig Landwirtschaft betrieben werden muss“, oder ob die Flächen nicht dem Wohnungsbau zugeführt werden könnten.

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Schreckgespenst von Trabantenstädten

Dass Junker weiter angemerkt hatte, die Bauern sollten lieber im Umland Flächen nutzen, die derzeit „mit EU-Mitteln zu Brachen subventioniert werden“, kommentiert Kreislandwirt Matthias Mehl nur mit einem Schulterzucken. Es gebe im Ballungsraum keine brachliegenden Flächen, bei denen es sich lohnen würde, sie zu bewirtschaften. „Übrig sind nur Dreckecken.“ Wie groß der Mangel an Flächen ist, zeigt sich auch daran, dass die Stadt Eschborn derzeit für ihre Bauern in Frankfurt Äcker kauft. Ginge es nach Mehl, würde auch Frankfurt aktiv und sei es nur, um im Fall von neuen Straßen oder anderen Bauvorhaben tauschen zu können.

Junkers Einstimmung ins Jahr hat bei den Bauern das Schreckgespenst von Trabantenstädten auftauchen lassen, wie sie in den siebziger Jahren gebaut wurden, oder die Befürchtung geweckt, es könne einen „Riedberg II“ geben. Denn was sei günstiger zu bebauen, als ein freies Feld.

Von Feldmanns Devise hält Heilig nichts

Die allgemeine Einschätzung, Landwirte freuten sich über Baulandausweisungen, weil sie davon in beträchtlichem Maße profitierten, gilt Mehl zufolge nicht für Frankfurt. Den rund 50 Voll- und Nebenerwerbsbauern in der Stadt gehört nur in den seltensten Fällen der Boden, auf dem sie wirtschaften: „Rund 90 bis 95 Prozent der Acker in Frankfurt sind Pachtland.“ Die Flächen gehörten vor allem der Stadt, stadtnahen Stiftungen und Kirchen.

Heilig, die sich bisher in die Flächendiskussion nicht eingebracht hat, will nun die Gelegenheit nutzen, um den Landwirten den Rücken zu stärken. „Frankfurts Wohnungsprobleme lassen sich nicht auf Kosten der letzten Äcker und Wiesen lösen“, sagt sie und macht deutlich, dass sie von der Devise, „Bauen, bauen, bauen“, die der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) ausgegeben hat, nichts hält. Die „fatalsten Zeiten“ in der Stadtentwicklung sind nach Heiligs Auffassung immer diejenigen gewesen, wenn eine Maxime allen anderen vorangestellt worden sei: In den sechziger Jahren habe es das Primat des Autos gegeben, später, bis zum Häuserkampf im Westend, das der Büros, dann der Jobs und nun der Wohnungen.

Ausgleich schaffen

In Frankfurt ist die Hälfte des Stadtgebiets bebaut, die andere Hälfte ist frei, „aber doch nicht nutzlos“, sagt die Umweltdezernentin: „Das sind Flächen für das Stadtklima, für die Natur, für Sport und Bewegung, für Gärten und für die Erzeugung von Nahrungsmitteln.“ Heilig, die auch Gesundheitsdezernentin ist, verweist auch mit Blick auf den aktuellen Lebensmittelskandal: „Gesunde Ernährung ist ebenso ein Grundbedürfnis wie das Wohnen“. Sie meint, dass die Stadt sich eigentlich glücklich schätzen müsse, dass sich Frankfurter Landwirte im harten Wettbewerb behaupten und es beispielsweise bei Getreide und Brot überhaupt noch einen funktionierenden lokalen Kreislauf vom Acker über die Mühle im Osthafen und die Bäckerei bis zum Verbraucher gebe. Den gibt es übrigens auch bei Salat, Kräutern und Gurken, die die Frankfurter Gemüsebauern direkt im Frischezentrum, auf Wochenmärkten oder in ihren Hofläden an den Mann bringen. „Niemand kann in planerischer Selbstherrlichkeit einfach über die Flächen dieser Landwirte verfügen“, sagt Heilig und: „Die Landwirtschaft hat in Frankfurt dieselbe Existenzberechtigung wie die Finanzwirtschaft oder die Chemie.“

Eine klare Zusage, dass es mit ihr keine Bebauung von Frankfurter Grün geben werde, mag die Grünen-Politikerin allerdings nicht abgeben. Natürlich müsse Stadtentwicklung möglich bleiben, gerade mit Blick auf das wachsende Frankfurt. „Da kann auch mal eine Grünfläche eine neue Nutzung finden“, sagt sie, vorausgesetzt, andernorts werde ein Ausgleich geschaffen.

Heilig wehrt sich aber entschieden gegen den Reflex, „hier gibt‘s noch Grün, das können wir zubauen“. Der schwarz-grüne Magistrat müsse eine Stadtplanung vorantreiben, die allen Interessen gerecht werde. Das Gesamtkonzept müsse stimmen. Noch gibt es das nicht. Einmal erarbeitet, darf man gespannt sein, ob Heilig und die Landwirte gemeinsamen Terminen immer noch erwartungsfroh entgegen sehen.

Quelle: F.A.Z.

 
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