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Veröffentlicht: 15.03.2017, 11:41 Uhr

Angehende Jungbauern Schweine und Traktoren statt Laptop und Büro

In Hessen gibt es immer weniger Bauernhöfe. Dennoch streben mehr Lehrlinge in die Landwirtschaft als früher. Julia Rügner und Simon Vinzl zum Beispiel. Sie schätzen nicht nur die Vielfalt an ihrem Beruf.

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© Helmut Fricke Träumt schon vom eigenen Hof: Simon Vinzl, Lehrling

Wer schon einmal in einen Schweinestall hineingeschnuppert hat, der weiß: Dort riecht es anders als bei Douglas. Julia Rügner macht das nichts aus. Zwar mosere hin und wieder abends ihr Freund, wenn sie von der Arbeit nach Hause komme, sie dufte recht „intensiv“, erzählt die blonde Frau mit den praktisch zum Zopf gebundenen Haaren. „Ich selbst merke das nicht mehr.“ Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet Rügner nun in Otzberg auf dem Bauernhof von Peter und Kathrin Seeger. Dort lernt sie den Beruf der Landwirtin. Nun sind Frauen in der Landwirtschaft nicht selten. Mit ihren 32 Jahren stellt die Südhessin aber eine Ausnahme unter den Lehrlingen dar – zumal sie jahrelang etwas völlig anderes gemacht hat. Wie ihr Kollege Simon Vinzl kommt auch sie nicht von einem Hof.

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Bevor sie auf den Hof der Schweinemäster und Getreidebauern im Ortsteil Nieder-Klingen fand, war Rügner als kaufmännische Angestellte in einer Spedition tätig. „In meiner Freizeit bin ich geritten“, erzählt sie. Die Pferde standen demnach auf dem Hof eines damaligen Freundes. Mit der Zeit entfernte sie sich innerlich von ihrem Broterwerb – „ich wollte was anderes machen, nicht jeden Morgen ins Büro gehen, in einem Gebäude sitzen und nichts mitbekommen von der Welt da draußen“. Letztlich half ihr der Verkauf der Spedition, den Absprung zu wagen.

2000 Euro brutto im Monat

Zum Hof der Seegers ist die junge Frau per Internetrecherche gekommen. Im Netz sah sie eine Stellenausschreibung – die Seite des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen listet alle Lehrbetriebe auf. Rügner stellte sich bei den Seegers vor, arbeitete zur Probe und durfte bleiben. Die Frage, wie es ihr gefällt, beantwortet sie postwendend: „Es ist sehr gut.“ Landwirt sei ein sehr abwechslungsreicher Beruf. „Schon allein die ganze Technik“, sagt sie und holt mit dem rechten Arm weit aus. Auch sei die Tierhaltung vielfältig. Papierkram gehört aber auch dazu.

Die ganze Vielfalt vermitteln kann ein Betrieb alleine jedoch nicht. Kathrin Seeger gibt zu bedenken: „Den Wimmelbuch-Bauernhof gibt es halt nicht mehr.“ So empfehlen Fachleute angehenden Landwirten, den Lehrbetrieb jedes Jahr zu wechseln. Bei den Seegers lernt Rügner Schweinehaltung und -mast ebenso wie Getreideanbau kennen. Was es mit Milchviehhaltung auf sich hat und was heftige Preisschwankungen für einen Erzeuger bedeuten, hat sie anderthalb Jahre lang in Südhessen auf einem Hof mit Milchkühen erfahren. Ihre Zukunft sieht sie aber auf einem Schweinehof – Pferde kann sie nicht mehr riechen. Am liebsten arbeitet sie im Stall, in dem die Sauen die Ferkel werfen, wie Rügner weiter berichtet. „Abferkeln“ heißt das im Fachjargon. „Bei der Geburtsüberwachung ist sie spitze“, lobt Seeger ihren Quereinsteiger-Lehrling. Und sie macht keinen Hehl aus der Hoffnung, dass Rügner auf ihrem Hof bleiben wird.

45299209 © Helmut Fricke Vergrößern Kann Pferde nicht mehr riechen: Julia Rügner, Lehrling auf einem Hof von Schweinehaltern

Simon Vinzl träumt dagegen schon jetzt von einem eigenen Bauernhof. Ein angestellter Landwirt bekomme in der Regel einen mageren Lohn – Lehrlinge erhalten im ersten Jahr 615 Euro und im dritten Jahr 720 Euro. Als Einstiegsgehalt werden in der Branche weniger als 2000 Euro brutto im Monat genannt. Deshalb will Vinzl gleich nach der Lehre Agrarwissenschaft studieren. Für den 21 Jahre alten Mann mit den dunklen kurzen Locken wird es das zweite Studium sein. Nach dem Abitur hat der Groß-Ostheimer an der Fachhochschule Aschaffenburg anderthalb Semester Elektroinformationstechnik hinter sich gebracht.

In dieser Zeit half der Sohn eines Automechanikers und einer Zahnarzthelferin auf einem Hof mit, „wenn Not am Mann war“. Nun macht er aus der Rolle des Nothelfers eine Tugend. Wie Rügner preist Vinzl die Abwechselung, die er während der Arbeit erlebt. Kein Tag sei wie der andere. Einen Tag lang arbeite er im Stall, den nächsten Tag dann draußen auf dem Feld oder auf dem Hof an der Technik. „Und die Arbeit mit den Tieren ist einfach geil“, schwärmt er.

500.000 Euro je Arbeitsplatz

Was aber sagen die Freunde und Eltern zu seiner Berufswahl? Zwar lernten zuletzt 600 junge Frauen und Männer in ganz Hessen den Beruf des Landwirts – 320 mehr als vor 20 Jahren. Gleichwohl erfreuen sich andere Berufe weiter viel größerer Beliebtheit. „Meine Eltern hatten kurz zu kämpfen“, gibt er zu. „Wo willst du arbeiten? Du hast keinen Hof“, hätten sie gefragt. Klar ist derweil: Er befindet sich ebenso wie Rügner in guter Gesellschaft. Nach Angaben des hessischen Bauernverbands steigt die Zahl junger Leute, die Landwirt lernen, ohne selbst von Bauern abzustammen.

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Wo Vinzl einmal einen Hof bewirtschaften wird, ist Zukunftsmusik. Möglich ist es. Im Internet findet sich eine Börse mit Höfen, die weitergegeben werden sollen. Doch solch ein Unterfangen kostet viel Geld, wie es beim Bauernverband heißt. 500.000 Euro gelten wegen des Aufwands für Gebäude und Maschinen als Richtwert für die Investitionskosten je Arbeitsplatz. Deshalb sagt Vinzl: „Es muss hundertprozentig passen.“

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