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Anders forschen in Neubau : Geschirr spülen mit einer Zuckerlösung

Sauberfrau: Chemikerin von Clariant in Höchst testet neue Waschzusätze des Unternehmens auf ihre Reinigungskraft an Farblappen Bild: Helmut Fricke

Eine offene Architektur mit viel Glas nebst Kaffee-Ecken - all das hilft: Im Innovationszentrum von Clariant in Höchst arbeiten Forscher anders als früher.

          Der nussige Geschmack der mit Honig getränkten orientalischen Leckereien liegt noch auf der Zunge, da erinnern die bekleckerten Tellerchen schon an den Abwasch. Zu diesem Zweck zu einer Lösung zu greifen, die Zucker und Kokosnussöl enthält, scheint absurd. Und doch ist es das keineswegs.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Forscher des Chemieunternehmens Clariant haben unter anderem im Innovationszentrum am Industriepark Höchst waschaktive Stoffe auf der Grundlage von Zucker und Kokosnussöl entwickelt. Diese Spülmittelzusätze sind aber nicht das Einzige, an dem die Chemiker arbeiten und das im Alltag ungezählten Menschen gute Dienste tun soll. Auch Silbertinten für Smartphones und andere Elektronikgüter gehören dazu, ebenso spezielle Chemikalien, die Textilien vor Grauschleiern bewahren und unempfindlicher gegen Schmutz machen sollen.

          Offene Architektur und viel Glas

          Nun muss der Konzern mit Hauptsitz in der Schweiz für seine Industriekunden immer wieder etwas Neues auf Lager haben. Aber solche Innovationen sind nicht nur deshalb für Clariant als börsennotiertes Unternehmen wichtig: Sie lassen auch Rückschlüsse zu, ob die mit dem Bau des im Oktober 2013 eröffneten Innovationszentrums in Frankfurt-Höchst verbundene Absicht greift, Forschern mit Hilfe von offener Architektur und viel Glas kreativere Ideen für Produkte zu entlocken als bisher. Schließlich muss sich die Investition von 100 Millionen Euro auszahlen.

          Im 500 Mitarbeiter zählenden Clariant Innovation Center, wie der Glasbau genannt wird, arbeiten Forscher, die in der Vergangenheit auf mehrere Standorte des Konzerns verteilt waren. Indem sie nun unter einem Dach tätig sind, können sie sich besser austauschen als zuvor. Ecken mit Kaffeeautomaten in dem lichten Gebäude seien zum Beispiel ein „wunderbares Mittel, um die Leute aus den Büros zu locken und über ihre Arbeit reden zu lassen“, sagt Johannes Benkhoff, der als Leiter chemische Forschung von Clariant in Höchst zeichnet. Auf diese Weise flössen Erfahrungen aus mehreren Werken des Unternehmens an einem Ort zusammen.

          Der Effekt des kurz CIC genannten Innovationszentrums geht nach den Worten von Benkhoff aber noch darüber hinaus. Die Forscher haben nicht nur neue Produkte wie jene Spülmittelzusätze aus einer Zuckerlösung entwickelt, sondern auf Basis der gleichen Chemie auch Plattformen für viele neue Anwendungen. Dazu zählten der Pflanzenschutz und Shampoos. Clariant arbeite auch an neuen Erzeugnissen für die Öl- und Gasindustrie. „Früher haben Forscher entweder an Zusätzen für Waschmittel gearbeitet oder an Stoffen für die Ölindustrie oder den Pflanzenschutz“, erläutert er.

          Die Chemiker seien klar auf bestimmte Produkte fokussiert gewesen, weil sie bestimmten Abteilungen zugeordnet gewesen seien. Dabei stelle es für einen Forscher im Grunde keinen Unterschied dar, ob er mit einem Stoff für diese oder jene Anwendung arbeite. Wenn Clariant heute etwa ein Erzeugnis für die Ölindustrie auf Zuckerbasis entwickele, geschehe dies aus einem gewollten Prozess heraus und sei kein Zufallsprodukt. Mittlerweile dient das CIC als Vorbild für ein ähnliches Zentrum von Clariant in Indien, wie es heißt.

          Als Ergebnis von 30 Jahren Erfahrung, die vor dem Bau des CIC nicht zusammenkamen, bezeichnet Benkhoff auch neue Silbertinten. Diese Tinten für Leiterplatten seien dünner als das menschliche Haar. Konkurrenten arbeiteten dagegen noch mit ähnlichen Produkten in Haaresbreite. In Zeiten, in denen etwa Smartphones immer dünner werden, könnte dies ein Vorteil für Clariant sein. Zumal sich die mit den Silbertinten bedruckten Leiterplatten biegen lassen. „Das ist Hightech“, hebt Benkhoff hervor.

          Gewöhnliche Technik nutzt das Chemieunternehmen dagegen, um seine Innovationen im Labor zu testen. Schließlich müssen sie sich ja dereinst im Alltag beweisen und bewähren. So machen Mitarbeiter zum Beispiel Teller mit einer bestimmten Mischung aus Fett, Kohlehydraten und Eiweißen schmutzig, um dann zu schauen: Wie viele Teller lassen sich mit einem Spritzer Spülmittel einschließlich der selbst entwickelten Zusätze auf Basis von Zucker und pflanzlichem Öl reinigen? Dazu gehören Spülbecken und Spülmaschine. Und für einen Shampootest steht eine Puppe mit Echthaar-Perücke bereit. Benkoff: „Am Ende müssen wir zeigen, dass unser Mittel macht, was wir von ihm erwarten.“

          Quelle: F.A.Z.

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