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„Amigos“ im Porträt Keine Kunst

 ·  Erst mit Mitte fünfzig haben er und sein Bruder die Musik zum Beruf gemacht. Kaum zehn Jahre später ist Bernd Ulrich, Kopf und Sänger der „Amigos“, ein gemachter Mann. Ein Märchen der Volksmusik.

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Die Branche boomt, es gibt hinter dem Vorhang des unablässigen Lächelns kaum durchschaubare Hackordnungen und Hierarchien, es gibt Geschachere um Fernsehzeiten, knallhartes Management und ausgeklügelte Marketingstrategien. Und bei alldem bietet die Volksmusik auch noch immer die Chance, wie aus dem Nichts aufzusteigen, aus eigener Kraft. Wenn man beharrlich ist und die richtigen Gefühle trifft, wie schlicht das auch immer daherkommen mag. Bernd Ulrich hat es gezeigt.

Vor einigen Wochen ist es geschehen. Da las sich die Liste der am meisten verkauften Tonträger so: Amy Winehouse auf Platz drei, Udo Lindenberg auf Rang zwei - und ganz oben die Amigos. Nun gut, das war die Bestenliste von Karstadt in Gießen, nahe dem Heimatort des Schlager-Duos. Allerdings war diese Reihenfolge durchaus repräsentativ für die CD-Verkäufe bundesweit, und das für eine ganze Zeit. „Da stand Amy Winehouse weltweit auf Platz eins - nur nicht in Deutschland“, sagt Bernd Ulrich, Stimme und Sprecher der Amigos. Er sagt es ohne hörbaren Stolz, ohne Pathos. So, als sei es das Normalste auf der Welt für zwei Brüder aus Hungen-Villingen in Oberhessen.

Erfolg dank der Fans

Und vielleicht ist es das auch - diesen Gedanken legt ein Besuch bei Bernd Ulrich nahe. Links und rechts der Eingangstür sitzen zwei Steinlöwen, über dem Klingelknopf mit einem Porträt der Brüder Bernd und Karl-Heinz Ulrich sitzt eine Kamera. Der Hausherr steht am Ende des mit dunklem Stein ausgekleideten Gangs. Er führt vorbei an viel Edelmetall: eine goldene Schallplatte neben der anderen, dazu eine rechteckige Plakette für zwei Millionen verkaufter Scheiben - eine Zahl, die längst Geschichte ist.

„Dann kam ein Engel“

Die Amigos erklären ihren Erfolg vor allem mit der „Macht der Fans“. Als andere Musiker auf Rock und Pop setzten, traten die beiden schon in den Siebzigern nur mit Schlagern auf. Sie spielten zunächst in Oberhessen und erschlossen sich, meist nur durch Mundpropaganda gefördert, weitere Regionen.

Die Amigos fühlen sich wohl in der Volksmusik und auf diesem Markt. Geschätzte 160 Millionen Euro werden in Deutschland jedes Jahr für Tonträger aus diesem Segment ausgegeben. In etwa die gleiche Summe nehmen die Vertreter von volkstümlicher Musik und Schlagern durch Konzerte ein. Wobei Dorffeste und ähnliche Veranstaltungen gar nicht erfasst werden - jene Auftritte, die die Amigos allmählich bekannt gemacht haben.

Die Musik, die hat geholfen

Bernd Ulrich, im Dezember 1950 geboren, trägt Sportsfashion-Hose und Shirt, jeweils in Schwarz und mit den drei Streifen. Schon am Telefon ist er gleich zum „Du“ übergegangen - aber es ist nicht das branchenübliche Schubidu-Du, das Vertrautheit schaffen soll. Er ist eher das in Dorfkneipen übliche bodenständige Du. Allerdings fragt Ulrich nicht „Willste ’n Bier?“ - was noch nicht einmal so fern läge, schließlich hat der Mann vier Jahrzehnte als Brauer in Lich gearbeitet. Er fragt: „Willste ’nen Kaffee?“ und bringt ihn, frisch gebrüht, selbst.

Im Wohnzimmer dominiert Schwarz, Ulrich sitzt auf einem weißen Ledersofa, ganz vorne, auf der Kante, zu seinen Füßen liegt ein schwarz-weißer Flauschteppich. 14 Edelmetall-Scheiben hängen hinter ihm an der Wand. Ulrich fischt sich eine Zigarette vom Glastisch. „Es kommen Leute zu uns, die sagen, unsere Musik habe ihnen geholfen, über schwere Zeiten hinwegzukommen“, sagt er.

„Wir bespielen eine gewisse Klientel“

Da ist vor allem das Lied „Dann kam ein Engel“.  Er und sein Bruder würden belächelt, von Rock- und House-Musikern etwa. Das sei im Grunde in Ordnung - Musik sei schließlich Geschmackssache. „Aber warum kommen solche Leute auf unsere Internetseite und geben blöde Kommentare ab?“, fragt er und will wohl keine Antwort.

Er braucht sie nicht, und er hat sie nicht mehr nötig. Ulrich geht mit seinem Bruder, einem früheren Lastwagenfahrer, einen, wie er das nennt, ganz klaren Weg: „Wir bespielen eine gewisse Klientel“, sagt er. Ihre Musik sei keine Kunst. „Die Fans sollen nach dem zweiten Hören den Refrain mitsingen können.“

Der „Musikantenkaiser“ verlangte von ihnen eine Entscheidung

Ihre Lieder seien zu flach, wird den Amigos vorgeworfen, in Internetforen zum Beispiel. Aber dann sind da Lieder wie „Gebrochene Kinderherzen“, in denen die Brüder sexuellen Missbrauch thematisieren, sie setzen sich als Botschafter der Opferschutzorganisation Weißer Ring für Prävention ein.

Und alle Kritik überstrahlt der gewaltige Erfolg. Das Duo hat bisher rund viereinhalb Millionen Tonträger verkauft, meist in Drogerieketten. Der Klientel, „Menschen von 45 aufwärts“, sei Dank, Leute, die noch CDs besitzen und dafür noch Geld ausgeben wollen. Sie katapultierten das neueste Album in Deutschland und Österreich auf Platz eins. Nicht zu vergessen jene Fans, die Amigos-Musik aus dem Internet legal heruntergeladen haben - auch das gibt es, obwohl Fans von volkstümlicher Musik nicht gerade an der Front der Technik-Freaks stehen, wie Ulrich bestätigt.

Über Umwege zum Erfolg

Zu Quotenkönigen sind die Brüder aber nur über Umwege und dank ihrer Ausdauer geworden. Zwar haben sie ihre erste Platte schon 1986 eingespielt, doch zu Verkaufsschlagern wurden ihre CDs erst nach einem Auftritt in der MDR-Fernsehshow „Achims Hitparade“. Nachdem ihre Plattenfirma beim MDR für sie geworben hatte, erhielten sie klare Vorgaben für den Auftritt: „Ich habe ihnen gesagt, wie die Klamotten und die Haare aussehen sollen“, erinnert sich Hansjoachim Seiferth, Chef der Agentur Harmonika. Die Brüder fügten sich und wurden von den Zuschauern belohnt. Per Publikums-Voting gewannen sie zuerst den „Musikantenkönig“ und schließlich 2006 auch die Gesamtwertung, den „Musikantenkaiser“. Ein Jahr später kam die „Krone der Volksmusik“ hinzu und eine Nominierung für den „Echo“, den sie 2011 gewannen.

Der „Musikantenkaiser“ hat ihr Leben umgekrempelt, von ihnen eine Entscheidung verlangt. Sie kündigten ihre Brotberufe. Das sei ihnen schwergefallen, erinnert sich Ulrich. „Wenn die Kinder nicht schon aus dem Haus gewesen wären, hätten wir es vielleicht nicht gemacht.“

„Der ist genau so, wie er früher war“

Seither sind die Amigos im Frühjahr und im Herbst unterwegs, derzeit steht eine 60-Städte-Reise auf dem Programm. Parallel zu den Konzerten brachten sie ein Album nach dem anderen heraus, 2008 und 2009 sogar jeweils zwei CDs. Material hatten sie genug, vor dem Durchbruch 2006 waren sie viele Jahre über die Dörfer getingelt, hatten Lieder geschrieben, sogar einen Verlag gegründet.

Wer Millionen Tonträger unters Volk gebracht hat, dürfte, sofern er nicht allzu viel falsch gemacht hat, auch Millionen auf dem Konto haben. Ulrichs Antwort lässt Raum für Spekulationen: „Einen Ferrari vor der Hütte oder ein Haus auf den Malediven - das braucht doch kein Mensch.“ Ob seine alten Kumpels in der Stammkneipe ihm nicht mal ab und zu sagten, jetzt mach mal halblang? Ulrich schüttelt den Kopf. „Das brauchen sie nicht, so sind wir nicht erzogen worden.“

Einfach auf dem Boden geblieben

Der Wirt des Dorfgemeinschaftshauses kann das bestätigen. „Der ist genau so, wie er früher war“, sagt er. Er kenne die Ulrichs seit 28 Jahren. „Der Bernd würde für Freunde sein letztes Hemd geben, und der Karl-Heinz ist genauso“, sagt der Mann, der seine Gaststätte in „Amigo mio“ unbenannt hat.

Vor Ulrichs Wohnhaus steht ein mittelgroßer Geländewagen für die gepflegte Überlandfahrt. Der Hausherr trägt eine sportliche goldene Uhr nebst Goldkettchen am rechten Handgelenk, am linken ein Amigo-Tattoo nebst indianischem Bandmotiv. Richtig Geld ausgegeben haben er und seine Frau, wie er hervorhebt, nur für das Haus, das sie vor zwei Jahren bauen ließen. „Bis dahin haben wir im Haus der Schwiegereltern oben gewohnt“, erzählt er und wedelt mit der Rechten Richtung Eingangstür, die den Blick auf das alte Vorderhaus freigibt. Dort sei es mit der Zeit aber etwas eng geworden.

Anders als andere erfolgreiche Musiker umgeben sich die Brüder nicht mit Heerscharen dienstbarer Geister. Zwar schreibt ihnen ein Autor mittlerweile einen Teil der Lieder - ihr Büro und die Fanpost betreuen sie mit ihren Frauen selbst. Und das soll auch so bleiben: „Wir kriegen hin und wieder eine Anfrage, ob wir nicht einen Manager brauchen. Danke, antworte ich dann: kein Bedarf.“

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Jahrgang 1967, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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