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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ambulante Pflegedienste Versorgt in den eigenen vier Wänden

 ·  Wer zu Hause alt werden will, den Alltag aber nicht mehr alleine bewältigen kann, braucht Hilfe. Können Angehörige diese nicht leisten, helfen ambulante Pfleger beim Waschen und Anziehen, sorgen für Ordnung im Haus und haben ein offenes Ohr für ihre Patienten.

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Mit einem der vielen Schlüssel an ihrem Bund schließt Christine Hohmann die Tür zur Wohnung von Gisela Wackermann auf. Hohmann ist Krankenschwester und arbeitet als Pflegefachkraft für die evangelische Hauskrankenpflege der Diakonie. Gisela Wackermann aus Heddernheim ist eine von drei Patientinnen, um die sie sich an diesem Mittwochmorgen kümmert.

Die Rentnerin schläft noch. Leise geht Hohmann in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Sie kocht Kaffee, dann stellt sie einen Teller mit zwei Scheiben Roggenbrot, ein Schälchen Butter, ein weiteres mit Erdbeermarmelade und ein Glas Orangensaft auf ein Tablett und trägt es ins Wohnzimmer. Danach öffnet sie vorsichtig die Schlafzimmertür.

1200 Menschen nutzen diese Dienste

„Sie sind ja schon wach!“, ruft Hohmann erstaunt, als sie den Raum betritt. Sachte zieht die Pflegerin die Bettdecke zurück und umwickelt Gisela Wackermanns Beine von den Zehen bis zu den Knien mit neuen Kompressionsverbänden. „Heute ist ein herrlicher Tag, nicht wahr?“, fragt Hohmann. „Ja, richtig schön!“, antwortet die zierliche Frau und blickt aus dem Fenster in den wolkenlosen Himmel.

Gisela Wackermann ist 89 Jahre alt und gehört zu den knapp 1200 Frankfurtern zwischen 85 und 90 Jahren, die nach Angaben des Statistischen Landesamtes die Angebote ambulanter Pflegedienste wahrnehmen. Ihre Altersgruppe ist die mit den meisten Pflegefällen. An zweiter Stelle stehen die 80 bis 85 Jahre alten Männer und Frauen mit rund 990 Pflegebedürftigen.

Die Diakonie legt fest, wie lange sie bleiben kann

Gisela Wackermann nimmt am Wohnzimmertisch Platz und schaut auf das Tablett. „Alles da!“, sagt sie zufrieden und trinkt einen Schluck. „In einem Altenheim zu leben wäre furchtbar. Da sind nur Kranke um einen.“ Wie sie lassen sich immer mehr pflegebedürftige Frankfurter zu Hause versorgen. Von rund 3200 im Jahr 1999 ist die Zahl der in den eigenen vier Wänden Betreuten auf rund 5100 im Jahr 2011 gestiegen. In ganz Hessen werden rund 90.000 Menschen von Pflegeeinrichtungen betreut.

Hohmann setzt sich hinter das Steuer ihres kleinen Dienstwagens. Die nächste Patientin wartet in Bockenheim. Eine gute Dreiviertelstunde war sie in Heddernheim. Wie lange sie bei den Patienten bleiben soll, legt die Diakonie fest. Je nach Patient dauern ihre Hausbesuche zwischen 30 und 75 Minuten. Bleibt sie länger, muss sie das in ihrem Pflegeplan vermerken. Bevor Hohmann den Zündschlüssel dreht, schaut sie auf ihr Smartphone. Die Diakonie-Station schickt ihr den Plan als Datei. „Pro Tag fahre ich zu acht bis zehn Patienten“, sagt sie. Hat sie Frühdienst, beginnt ihr Tag um 6.30 Uhr und endet gegen 13.30 Uhr. Bei Spätdienst ist sie von 16.30 Uhr bis 20.30 Uhr unterwegs, fünf Tage die Woche. Zu den regulären Arbeitszeiten kommen unbezahlte Überstunden. Hohmann verdient monatlich 1500 Euro netto - und ist damit durchaus zufrieden.

Pflegekassen übernehmen Teil der Leistungen

In Bockenheim angekommen, zieht sie ihren weißen Arbeitskittel an und geht vor Dora Schmidt, der Frau im Sessel neben ihr, in die Hocke. Behutsam zieht sie eine schwarze Socke über deren linken Fuß. Hohmann hilft der 92 Jahre alten Frau beim Anziehen, sie bringt ihr den Müll runter und wäscht sie. Heute war Dora Schmidt schneller. „Ich hab mich schon gewaschen“, sagt sie und lächelt.

Leistungen wie Waschen und Ankleiden übernehmen die gesetzlichen Pflegekassen. Ambulante Pflegekräfte putzen auch die Wohnungen ihrer Patienten, kochen und kaufen für sie ein, machen den Abwasch. Diese Unterstützung im Haushalt bezahlen ebenfalls die Pflegekassen. Für die medizinische Versorgung, etwa die Gabe von Medikamenten und Verbandswechsel, kommt in der Regel die gesetzliche Krankenkasse auf.

Bis ins hohe Alter selbstbestimmt leben

Für Daniela Dörfler-Greiner, die Pflegedienstleiterin der Hauskrankenpflege der Diakonie, hat die Pflegeversicherung dazu beigetragen, dass sich mehr Leute zu Hause versorgen lassen. „Wer in die Pflegekasse einzahlen muss, will auch von deren Angeboten profitieren.“ Versorgen Angehörige oder Bekannte die Patienten, zahlt die AOK je nach Pflegestufe monatlich zwischen 235 und 700 Euro an die Pflegebedürftigen aus. Die drei Stufen sind gestaffelt nach der Dauer des täglichen Pflegebedarfs. Kümmern sich ambulante Pfleger um die Patienten, geht das Geld aus der Kasse direkt an deren Pflegedienst. In dem Fall zahlt die AOK monatlich zwischen 450 und 1550 Euro.

Die immer älter werdende Bevölkerung sei ein weiterer Grund dafür, dass es mehr Pflegebedürftige gebe, sagt Dörfler-Greiner. Sie wollten bis ins hohe Alter selbstbestimmt leben. In einem Pflegeheim könnten sie das nicht. Laut Statistiken sind rund 71 Prozent der Pflegebedürftigen zwischen 80 und 85 Jahren Frauen - in der Gruppe der zwischen 85 und90 Jahre alten sind es sogar 78 Prozent. „Das ist die Kriegsgeneration“, erklärt Dörfler-Greiner. Weil die Männer dieser Jahrgänge im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, entstand der deutliche Frauenüberschuss.

Ausbildung zum Pfleger wird oft abgebrochen

Doch für die vielen Pflegebedürftigen gibt es nicht genug Personal. „In unserer Branche herrscht akuter Fachkräftemangel“, sagt Dörfler-Greiner. Das niedrige Gehalt, die flexiblen Arbeitszeiten und die körperlich wie geistig anstrengende Tätigkeit trügen dazu bei, dass das Ansehen des Berufs nicht besonders hoch sei. Eine bessere Ausbildung könne es jedoch steigern, meint Dörfler-Greiner. „Es müsste Pflegestudiengänge geben“, sagt sie und fügt hinzu: „Der Pflegeberuf ist ein Frauenberuf.“ Deshalb müssten die Arbeitszeiten dem Leben von Frauen angepasst werden, die arbeiten, sich aber auch um Kinder und Familie kümmern wollten.

Diejenigen, die sich für eine Ausbildung zum Pfleger entschieden, brächen diese oft vorzeitig ab, sagt Heiko Kunze. Er ist Pflegedienstleiter beim Frankfurter Pflegedienst Humanitas. „Viele halten den psychischen Druck in diesem Beruf nicht aus“, sagt Kunze. Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums beendete etwa jeder Zehnte die dreijährige Ausbildung zum Alten- oder Krankenpfleger nicht. Als besonders belastend beschreibt er die Palliativpflege: Man wisse, dass man einem Menschen trotz intensivster Betreuung nicht mehr helfen könne. Dennoch müsse man seine Emotionen auf Distanz halten, um in dem Beruf arbeiten zu können. „Wer eine gute Pflegekraft sein will, muss sich dazu berufen fühlen.“

Viele Pflegediensten fehle das Geld

Laut Dörfler-Greiner haben sich die evangelische und katholische Kirche jahrzehntelang fast allein um die ambulante Krankenpflege gekümmert. Das habe sich mit Einführung der Pflegeversicherung geändert: Viele Pflegefachkräfte hätten darin eine Chance gesehen, sich selbständig zu machen. Die Zahl der ambulanten Dienste in Frankfurt stieg stark an: Von 117 im Jahr 1999 auf 158 im Jahr 2011.

Die Zahl schwanke jedoch stark, sagt Kunze. Viele Pflegedienste schlössen, weil ihnen das Geld fehle. Vor allem private Anbieter gerieten öfter in finanzielle Engpässe und könnten ihr Personal nicht mehr entlohnen, wenn es nicht genug Aufträge gebe, sagt Dörfler-Greiner. Ihnen fehlten die Mittel, die den Trägern gemeinnütziger Dienste zur Verfügung stünden. Im Fall der Diakonie ist das der Evangelische Regionalverband Frankfurt. Dank dessen Geldreserven kann die Diakonie ihre Mitarbeiter auch dann entlohnen, wenn sie gerade nicht genug Kunden hat.

Einfach nur reden

Hohmann hilft Dora Schmidt aus dem Sessel. „Wie geht es Ihnen heute?“, fragt die Krankenschwester. „Schon viel besser!“, sagt Dora Schmidt und lächelt. Vor allem ältere Menschen seien oft vereinsamt und redeten gerne mit der Pflegekraft, sagt Dörfler-Greiner. Um diesen Gesprächsbedarf zu befriedigen, bietet die Diakonie neben der Hauskrankenpflege auch die sogenannte soziale Betreuung an. Dazu gehören neben Gesprächen Botengänge, etwa zur Post oder zur Bank, Vorlesen oder Spaziergänge. Diese Aufgaben übernimmt der Diakonische Betreuungsdienst, der die Leistungen der Hauskrankenpflege ergänzt.

Auch Humanitas bietet psychosoziale Hilfe an. Nicht nur alte Leute ohne Verwandtschaft, sondern auch solche, die ihren Alltag nicht mehr alleine strukturieren könnten oder einfach nur reden wollten, nähmen diese in Anspruch, sagt Kunze. Dazu gehörten auch Patienten mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen - und davon seien auch deutlich Jüngere betroffen. Ihnen könne man helfen, indem man mit ihnen über ihre Probleme spreche und nach deren Ursachen forsche. Dabei spielt das Zuhause der Betroffenen eine wichtige Rolle: „In ihren eigenen vier Wänden fühlen die Patienten sich sicher und schenken einem schneller Vertrauen“, sagt Kunze. Deshalb kümmert sich bei Humanitas eine Pflegekraft um höchstens fünf Patienten. So könne jeder Pfleger sich ausreichend Zeit für jeden nehmen und ihn kennenlernen, sagt Kunze.

Nach dem Besuch wird es still

„Haben Sie heute schon in die Zeitung geschaut?“, fragt Hohmann Gisela Wackermann, und zeigt auf das Blatt, das sie der Rentnerin aus dem Briefkasten mit nach oben gebracht hat. Die schüttelt den Kopf. „Das mache ich später“, sagt sie. Gisela Wackermann liest viel. In ihrem Wohnzimmer steht ein Fernseher, aber sie schaltet das Gerät nur selten ein. „Da sehe ich zu viele Schreckensnachrichten.“

Außer ihrer Tochter, mit der sie ab und zu bei sich zu Hause Kaffee trinkt, hat sie keine Angehörige mehr. Wenn Hohmann zum nächsten Patienten aufbricht, wird es wieder still im Wohnzimmer sein. Dann wird Gisela Wackermann die Tageszeitung aufschlagen oder den Vögeln zusehen, die vor dem Wohnzimmerfenster an den Meisenknödeln picken.

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