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Alte Apfelsorten : Missionar in Sachen Streuobstwiese

Liebhaber alter Apfelsorten: Günter Possmann, Seniorchef einer Frankfurter Kelterei, auf Apfelblütenwanderung Bild: Michael Kretzer

Viele Bauern lassen Boskop und Berlepsch verkommen. Der Seniorchef der Kelterei Possmann aber will die Kultur der alten Apfelbäume retten.

          Der Frostspanner knabbert gerne an Eiche, Buche und Ahorn. Vor allem aber liebt er blühende Apfelbäume. Gerade hat der Frostspanner einen noch köstlicheren Leckerbissen entdeckt - den Frankfurter Apfelweinkönig Günter Possmann. Bei der Apfelblütenwanderung der Firma Possmann im Arboretum Main-Taunus bei Eschborn ließ sich eine Raupe auf dem Hals des Seniorchefs nieder und naschte dort ein wenig. Zum Glück besitzt der Schriftsteller Andreas Maier scharfe Augen. Er entdeckte den Schädling und entfernte ihn.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Freilich sieht man im Arboretum, jener Parklandschaft zwischen Schwalbach, Sulzbach und Eschborn, den Frostspanner nicht als Feind an. In dem intakten, von Hessen-Forst gepflegten Biotop mit Wiesen, Feldern und Wäldern gibt es genügend Vögel, die sich nur zu gerne über die Raupen hermachen und eine explosive Zunahme der Frostspanner verhindern.

          Herbe Äpfel für den Ebbelwei

          Wiesen, Felder, Wälder - „Halt“, ruft Possmann, „da fehlt doch was.“ Die Streuobstwiesen nämlich, seine Lieblingswiesen. Von den Apfelbäumen dort bezieht Possmann jene herben Äpfel, die man für Apfelwein braucht. Den Rheinischen Bohnapfel, den Winterzitronenapfel, natürlich auch den unverzichtbaren Boskop und viele andere Sorten. Aber Vorsicht beim Boskop. Er ist triploid veranlasst, was bedeutet, dass er mit seinen Pollen andere Apfelblüten nicht befruchten kann. Wer also Boskop-Bäume pflanzt, sollte tunlichst auch eine paar diploide Apfelbäume danebensetzen, die dem Boskop Pollen hinüberschicken, wie Manfred Völkel vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen in Wiesbaden rät, der alles über Obstbäume weiß und noch mehr über die Beschneidung derselben.

          Völkel gehört mittlerweile zum Inventar der Apfelblütenwanderung, zu der Possmann abermals mit einer fidelen Schar von Apfelweinliebhabern, Apfelzüchtern und Naturfreunden zum 42. Mal aufgebrochen ist. Diese Wanderung führte jedoch nicht wie in den Vorjahren in die Streuobstwiesen des Taunus, der Wetterau oder des Odenwalds, sondern in die Metropolenlandschaft bei Eschborn, von der die wenigsten wissen, dass sie mehr bietet als Einkaufsmärkte und Büroburgen - nämlich ein wunderbares Erholungsgebiet mit diversen Waldformationen, wie man sie sonst nur in Kleinasien, Japan, Russland, China und Nordamerika findet.

          Europäisch, sogar echt hessisch, ist die riesige Streuobstwiese im Arboretum, die vor etwa 25 Jahren mit diversen Apfelsorten bepflanzt wurde. Der Baumbestand sehe gar nicht schlecht aus, erklärt Fachmann Völkel den Blütenwanderern. Aber dann entdeckt sein fachmännisches Auge einen Apfelbaum, der nicht richtig beschnitten wurde. Da müsse man eigentlich mit der Säge ein paar dicke Äste abschneiden, erläutert er. Denn der optimale Apfelbaum habe drei, allenfalls vier Leitäste, aus denen dann die Fruchtäste entwüchsen. Wichtig sei es, die 50-Prozent-Regel zu beachten.

          50-Prozent-Regel? Von der hat selbst Possmann, der doch alles über Apfelbäume und ihre Früchte weiß, keine genaue Vorstellung. Der Fruchtast dürfe allerhöchstens halb so dick sein wie der Leitast, klärt Völkel auf. So genau wollen es die Blütenwanderer aber dann doch nicht wissen. Sie interessiert mehr, wie die Apfelernte im Herbst ausfallen wird. Gut sehe es aus, erläutert Völkel. Die Blüte sei fast optimal verlaufen. Ihre beiden gefährlichsten Feinde, Frost und Trockenheit, hätten bisher ihr Haupt nicht erhoben. Aber noch ist der reife Apfel nicht in der Kelter. Es könne noch jede Menge passieren, warnt Völkel: ein Hagelschlag etwa oder eine Frostnacht, unter der die besonders empfindlichen jungen Früchte zu leiden hätten.

          Eine Streuobstwiese in einem Biotop - so in etwa sieht für den Apfel- und Naturfreund Possmann das Paradies aus. Fehlen nur noch die Kühe, die überflüssige Äste abfressen und die Stämme frei halten von Trieben. Auch diese Viecher gibt es im Arboretum. Ein Bauer hält auf den Wiesen eine Herde von Angus-Rindern. Sie grasen hin und wieder auch unter den Apfelbäumen der Streuobstwiese.

          Also doch ein vollständiges Paradies? Im Vergleich zu den Streuobstwiesen andernorts in Hessen auf jeden Fall. Denn die meisten Besitzer pflegten ihre Obstwiesen nicht mehr und ließen alles verkommen, klagt Andreas Maier, in dessen Romanen der Apfelwein keine geringe Rolle spielt. Gegen diese Verwilderung eines Kulturgutes will Possmann mit seiner jährlichen Apfelblütenwanderung, die auch eine Aufklärungs- und Schulungsveranstaltung für Besitzer von Streuobstwiesen sein soll, angehen. Die Leute vom Arboretum hat er freilich nicht groß missionieren müssen. Sie machen schon jetzt apfelmäßig alles richtig.

          Quelle: F.A.Z.

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