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Alt-Sachenhausen Bäckerei statt Ballermann

 ·  In Alt-Sachsenhausen in Frankfurt soll mehr Normalität einziehen. Das wünscht sich nicht nur ein Investor, sondern auch die Stadt - trotzdem verzichtet sie auf den Paradieshof.

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Kilian Bumiller ist ein Mann mit Witz. „Das kleine Schwarze in Größe 36“ nennt der Investor das schiefergedeckte Häuschen an der Kleinen Rittergasse. Pechschwarz ist die Fassade, winzige 36 Quadratmeter misst die Grundfläche. Bumiller hat das um 1850 erbaute Häuschen gekauft, wie so viele andere Gebäude in Alt-Sachsenhausen. Rund 15 Adressen in dem kleinen Altstadt-Viertel gehören mittlerweile dem sympathischen Bauherrn mit dem losen Mundwerk. Er will sie nach und nach sanieren und den Abstieg des Quartiers aufhalten.

Bumillers neueste Erwerbung ist das „Oberbayern“, jedenfalls ein Teil der über zwei Häuser reichenden Kneipe. Ballermann-Kneipen wie diese haben zum schlechten Ruf Alt-Sachsenhausens beigetragen. Junggesellen-Abschiede und Flatrate-Saufen sorgten dafür, dass die meisten Einheimischen um Alt-Sachsenhausen inzwischen einen großen Bogen machen. Bumiller will das ändern. „Mein Traum ist, dass die Frankfurter das Viertel wieder entdecken.“ Ob der Mietvertrag für das „Oberbayern“ verlängert wird, steht noch nicht fest. Bumiller wünscht sich „ein Stück Normalität“ in dem Viertel. Nicht nur Kneipen, die mit Jägermeister für einen Euro um Kundschaft werben, sondern „normale“ Geschäfte, „eine Bäckerei zum Beispiel“.

„Wir brauchen keine Michelin-Sterne“

Tageslicht - das ist noch so ein Begriff, mit dem Bumiller sein Bild von Alt-Sachsenhausens Zukunft beschreibt. An zwei Adressen hat er schon gezeigt, was er darunter versteht. Am Frankenhofgässchen ist in eines seiner Häuser die Brasserie Hugo eingezogen. Die Einrichtung des szenigen Lokals spielt mit dem Charme der Apfelweinkneipe, die sich vorher hier befand. An den dunkelgrün gestrichenen Wänden hängen Hirschgeweihe, auf die schweren Holztische kommt originelle Kost. Von diesem Stil hätte Bumiller gern mehr. „Wir brauchen keine Michelin-Sterne, kein Westend.“ An der Kleinen Rittergasse hat er einen Neubau errichtet. Im Erdgeschoss ist die für ihre leichtbekleideten Bedienungen bekannte Burger-Bar Hooters eingezogen, oben ist Platz für Wohnungen. Der Investor hofft auf Nachahmer. „Wenn einer sein Haus streicht, dann tut es auch der Nachbar.“

Es wird höchste Zeit, denn man kann dem Verfall des Viertels beinahe zusehen. Nebenan muss an der Großen Rittergasse ein barockes Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert abgerissen werden, weil der Eigentümer es verkommen ließ. Bumiller ist nicht allein. Neben dem „kleinen Schwarzen“ errichtet der Investor Steen Rothenberger einen Neubau, der mit Fachwerk-Formen spielt. Auch ein Wohnhaus an der Kleinen Rittergasse und das für seine Architektur prämierte Wohngebäude von Marie-Theres Deutsch an der Paradiesgasse tun dem Viertel gut.

Die Stadt hofft, dass sich auch andere Eigentümer stärker für ihren Stadtteil engagieren. Um das Amüsierviertel in ein vielfältig genutztes Quartier umzuwandeln, hat sie schon vor zwölf Jahren ein Förderprogramm für Alt-Sachsenhausen aufgelegt. Von den etwa 120 Häusern im Kern des Stadtteils sind seither 69 Gebäude mit 315 Wohnungen saniert worden. Außerdem wurden sieben Neubauten mit 45 Wohnungen errichtet. Gassen wurden gepflastert, Brunnen neu gestaltet. Weil sich die Stadt weniger störendes Gewerbe und mehr Wohnraum wünscht, versucht sie mit 15 000 Euro Umwandlungsprämie die Wirte zur Rückgabe ihrer Konzession zu bewegen - mit geringem Erfolg.

„Quast ist der große Verlierer“

Von dem 15-Millionen-Euro-Budget des Förderprogramms sind noch fünf Millionen übrig. Mit dieser Summe wollte die Stadt eigentlich den Bau des Paradieshofs fördern. Doch ausgerechnet dieses Kernprojekt hat sie nun gestrichen. Der Paradieshof sollte mit der „Fliegenden Volksbühne“ eine andere Klientel nach Alt-Sachsenhausen bringen. Kultur im Kneipenviertel lautete die Losung. Das hatte schon beim Kuhhirtenturm funktioniert, der zum Ort der Erinnerung an den Komponisten Paul Hindemith umgebaut wurde.

Die fünf Millionen sollen nun anders investiert werden. Planungsdezernent Olaf Cunitz (Die Grünen) findet den Verzicht auf den Paradieshof bedauerlich für den Stadtteil, steht aber zu den Sparbeschlüssen. Er will sich über Alt-Sachsenhausen grundsätzlich neue Gedanken machen. Eine städtische Gesellschaft könnte leerstehende Häuser erwerben, denn die Erwartungen der Stadt hätten sich nicht erfüllt: „Es juckt mich, dass ein alter Stadtteil zum Fachwerk-Ballermann wird.“

Bumiller meint, das Theater im Paradieshof hätte Alt-Sachsenhausen gutgetan. „Es ist schon enttäuschend. Quast ist der große Verlierer. Aber wir auch.“ Doch er ist kein Schwarzseher. „Der Stadtteil hat Charme, Dichte. Er kann romantisch werden.“

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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