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Alt-Frankfurt Als der Schupo noch den Verkehr regelte

 ·  Der junge Mann, der vor genau 50 Jahren aus Berlin nach Frankfurt zog, vermisste in seiner neuen Heimat Atmosphäre und Weitläufigkeit. Eine unsentimentale Erinnerung an 1962.

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Gewöhnlich verklärt die Erinnerung. Mit Frankfurt geht es mir anders. Das Frankfurt vor fünfzig Jahren ist mir als öde, zusammengestückelt und provinziell in Erinnerung. Als ich im Sommer 1962 aus dem ummauerten West-Berlin heraus in die doch schon wieder mit aller Welt verbundene Wirtschaftsmetropole am Main zog, hatte ich eine Großstadt erwartet und war enttäuscht. Gewiss: Frankfurt pulsierte sichtbar mehr als das eingeschlossene West-Berlin. Die „Zeitung für Deutschland“, die F.A.Z., war gerade aus gemieteten Räumen am Goetheplatz in einen zehngeschossigen Neubau an der Mainzer Landstraße gezogen zur Societäts-Druckerei, die inzwischen in Mörfelden produziert. Messetrubel an vielen Tagen. In der Innenstadt um die Börse herum Banker und Börsianer. Lebhafter Autoverkehr. Ein imposanter Bahnhof, an dem - anders als in Berlin - ständig Züge ankamen und abfuhren. Und natürlich der Weltflughafen Rhein-Main.

Doch ich vermisste die großstädtische Atmosphäre und Weitläufigkeit der Berliner Stadtteile, die wilhelminische Pracht, breite Straßen und einen Boulevard wie den Kurfürstendamm, dessen beste Jahre freilich auch schon vorüber waren. Wenn ich vom Flughafen kommend über die eindrucksvolle Forsthausstraße, heute Kennedy-Allee, und dann über die Mainbrücke auf die Innenstadt zufuhr, stach mir immer das Gründerzeit-Eckhaus mit dem Gasthausschild „Solber-Ernst“ ins Auge. Das erschien mir viele Jahre lang sinnfällig für den biederen Geist dieser Stadt. Dabei war der Solber nichts weniger als eine hessische Variante des in Berlin beliebten Eisbeins.

Frankfurt wurde zur „amerikanischsten Stadt Westdeutschlands“

Frankfurt 1962, das war nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs in meiner Erinnerung ein kleinteiliger Häuserbrei ohne Struktur und Mitte. Das waren zwar weniger Autos als heute, aber mehr Straßen mit Autos entsprechend dem planerischen Zeitgeist der „autogerechten Stadt“, der brutale Schneisen wie die Berliner Straße durch die Innenstadt geschlagen hatte. Der Verkehr floss durch die Freßgass’ und über den Opernplatz, vorbei an der Ruine der Alten Oper, über deren Wiederaufbau gestritten wurde. Auch auf der Einkaufsmeile Zeil rauschten die Autos. Entsprechend musste sich die hessische Landbevölkerung an den Samstagen auf den Bürgersteigen drängen. An großen Kreuzungen regelten noch Schupos den Verkehr. Auf Plätzen und Trümmergrundstücken wie vor dem Römer oder an der Börse, überall parkten Wagen; denn Parkhäuser waren erst im Kommen.

Frankfurt 1962, das war auch eine von amerikanischem Militär geprägte Stadt mit einem Hauptquartier im ehemaligen IG-Farben-Haus. Dahinter amerikanische Siedlungen und Kasernen und das große PX-Einkaufszentrum am Alleenring. Kein Wunder, dass Frankfurt zur amerikanischsten Stadt Westdeutschlands wurde.

Mangel an bezahlbarem Wohnraum trieb die Menschen in die gesichtslosen Schlafstädte

Die Enge der Stadt und der Mangel an rieb schon damals die Neu-Frankfurter in die ringsum wachsenden gesichtslosen Schlafstädte. 1961 hatte der Bau der Nordweststadt begonnen. Der öffentliche Nahverkehr hielt keinen Vergleich mit dem historisch gewachsenen großstädtischen West-Berliner Netz aus. Der U-Bahn-Bau wurde gerade in Angriff genommen mit Riesenbaustellen in der Innenstadt, Jahre später der S-Bahn-Bau, von der Vernetzung des Rhein-Main-Gebiets ganz zu schweigen.

Im Rückblick wird deutlich, dass Frankfurt 1962 nach dem Ende des Wiederaufbaus im Umbruch war, noch getragen von der Schwungkraft des Wirtschaftswunders, das seinen Höhepunkt erreicht und Ludwig Erhard zu ersten Maßhalteappellen veranlasst hatte. Die in Frankfurt besonders virulenten Krisen und gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der späten sechziger und dann der siebziger Jahre zogen erst herauf.

Viele Weltfirmen sind seither mit ihren Gebäuden verschwunden

Dem Umgestaltungswahn und planerischen Unvermögen jener Jahre und der damit verbundenen Immobilienspekulation fiel leider vieles Erhaltungswürdige zum Opfer, vor allem im Westend. Wo heute der EZB-Turm steht, zuvor Sitz der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, existierte seinerzeit noch ein, wenn auch beschädigter, wilhelminischer Prachtbau mit dem pompösen Restaurant „Kaiserkeller“ und dem „Arnold-Grill“. Wo am Anlagenring gerade die ehemalige schwarz verkleidete Chase Manhattan-Bank („Kaba von Frankfurt“) revitalisiert wird, stand bis 1964 das ansehnliche Gebäude der ehemals jüdischen Bank Lazard Speyer-Ellissen.

Viele Weltfirmen sind seither mit ihren Gebäuden verschwunden: Zum Beispiel das AEG-Hochhaus am Main, einst Sitz des untergegangenen weltbekannten Elektrokonzerns. In Höchst erinnern nur noch einige denkmalgeschützte Bürogebäude und die Jahrhunderthalle an den zerschlagenen Chemiekonzern. Oder jetzt die Abbruchhalde gegenüber dem Theater, wo die Weltfirma Degussa saß.

Theateraufführungen wurden seinerseits im Börsensaal aufgeführt

Nahezu alle Hochhäuser, die Frankfurt heute ein großstädtisches Profil verleihen, hat es 1962 noch nicht gegeben. Höchstes Bauwerk war der hässliche, aber von vielen Frankfurtern bis heute geliebte Henninger-Turm, dessen Drehrestaurant freilich großartige Blicke auf die Stadt erlaubte. Als erstes modernes Hochhaus war damals gerade das Zürich-Hochhaus am Opernplatz fertig geworden. Inzwischen ist es durch den Opernturm, die nächste Hochhausgeneration, ersetzt worden.

Dass die als Mainhattan verschriene Stadt einmal eine der ausgedehntesten Fußgängerzonen in Deutschland haben würde, hätte sich 1962 niemand träumen lassen. Die Alte Oper, heute ein kultureller Mittelpunkt, war bis in die siebziger Jahre eine ausgebrannte Ruine. Der Theaterkomplex am Willy-Brandt-Platz in seiner heutigen Gestalt wurde nach einem Umbau des ehemaligen Schauspielhauses erst 1963 eröffnet. Ich habe noch Theateraufführungen im Börsensaal gesehen.

Von kleinkariert bis urban, mit viel Lebensqualität

Der Römerberg war 1962 eine öde Parkfläche. Die rekonstruierten Altstadthäuser gegenüber dem Römer, beliebtes Fotomotiv für Besucher, sind erst in den achtziger Jahren entstanden. Die 1972 bezogene Betonburg des Technischen Rathauses ist inzwischen wieder abgerissen, um Platz für weitere Altstadtrekonstruktionen zu schaffen. Auch der scheußliche Klotz des Historischen Museums ist beseitigt für eine modernere Lösung.

Frankfurt hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren dramatisch verändert: Ich denke zum Beispiel an das Museumsufer, das es 1962 nicht gab, oder den neuen Universitätscampus im Westend, der nach dem Wegzug der Amerikaner als eines der schönsten städtischen Universitätsgelände Deutschlands am IG-Farben-Hochhaus geschaffen werden konnte. Aus der wenig attraktiven, kleinkarierten Stadt von 1962 ist ein Frankfurt großstädtischer Urbanität mit viel Lebensqualität geworden und mit viel mehr Grün, als viele glauben. Keine Millionenmetropole, sondern ein Ort mit der Härte und Dynamik einer Großstadt und zugleich der Überschaubarkeit eines mittelgroßen Gemeinwesens. Aus dem eng begrenzten Frankfurt von ’62 ist im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main geworden. Sie gilt als eine der bedeutendsten Metropolregionen in Europa und als Gegenmodell zu den problembeladenen Megacities dieser Welt. Bleibt die spannende Frage, wie man sich in weiteren fünfzig Jahren an das Frankfurt von 2012 erinnern wird.

Jürgen Jeske trat im Jahr 1962 in die Wirtschaftsredaktion dieser Zeitung ein und war von 1986 bis 2002 einer der Herausgeber. Er ist Präsident der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft.

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