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Veröffentlicht: 30.01.2015, 17:01 Uhr

Alltag eines Taubblinden Das Alphabet in der Hand

Sein Tag ist still, um ihn herum ist es dunkel, er ist blind und taub. Karl-Erich Kreuter hat eine Behinderung. Dem Gesetz nach gibt es sie gar nicht.

von Volker Haaß
© Wolfgang Eilmes Was sie ihm sagen will, teilt sie ihm mit den Fingerspitzen mit: Dolmetscherin Susen Köhler und Karl-Erich Kreuter auf der Straße.

Er weiß, dass er Richtung 11 Uhr gehen muss. Nach wenigen Schritten spürt er die erste Säule. Einmal drum herum, dann kommt auf 12 Uhr die zweite Säule, das Gleiche wieder. Jetzt muss er die Gartenmauer rechts neben sich spüren. Er geht ein paar Schritte, bis ihm der am Ende mit einer Kugel verdickte lange Stock, den er vor sich herschiebt, einen Absatz im Bordstein anzeigt. Nach rechts drehen und an der anderen Seite der Ummauerung entlang den Weg hinauf. Irgendwann ist da die Bushaltestelle. Einmal links rum bis zum Randstein. Da weiter entlang, bis der Briefkasten erreicht ist. Ein Katzensprung. Ihn tun zu können ist der Lohn nach einem halben Jahr Training.

Karl-Erich Kreuter geht spazieren. Er sieht dabei nichts, und er hört auch nichts. Deshalb trägt er an diesem Mittwoch eine grüne Signalweste mit großen Merkzeichen, eines steht für „blind“, eines für „taub“, und dazu einen Blindenstock. Ein eigenes Merkzeichen für Taubblinde gibt es nicht. Behindertenverbände und -stiftungen setzen sich seit Jahren dafür ein. Auch dafür, den Krankenkassen die speziellen Ansprüche von Taubblinden zu verdeutlichen.

Geistige Landkarte im Kopf

Bisher bekommt Karl-Erich Kreuter für das Mobilitätstraining zweimal wöchentlich eine Assistenz bezahlt. Dann üben Ewa Jankowska und Dolmetscherin Susen Köhler Rundgänge wie den zum Briefkasten mit ihm, finden Orientierungshilfen auf dem Weg. Und schreiten ein, wenn zum Beispiel in den neu gepflasterten Gehweg ein Blumenbeet eingelassen ist, das Kreuter noch nicht kennt. Dann redet Köhler mit dem taubblinden Mann, indem sie seine Hand nimmt und Zeichen gibt.

Die Sprache, in der die beiden kommunizieren, nennt sich Lormen. Die Dolmetscherin streicht über Kreuters Handinnenfläche und tippt mit ihren Fingerspitzen Zeichenkombinationen ein: das „S“ ist ein Kreis in der Mitte, das „R“ ein Prasseln auf den Handballen, beim „T“ streicht sie einmal den Daumen rauf und runter. Analoges Touchscreening. Kreuter spricht jede Silbe nach, bis ihm das ganze Wort beziehungsweise der Satz klar wird. Wenn er antwortet, redet er wie ein Gesunder, was daran liegt, dass er mehr als 30 Jahre lang hat hören können. Köhler bestätigt das Gesagte mit zwei Klapsern auf die Hand oder streicht über die Hand, wenn es nicht stimmt.

Stellen einprägen und Schritte zählen

Es kommt nicht oft vor, dass die beiden Assistentinnen beim Spaziergang helfen müssen. Kreuter kennt jeden Stein, weiß, dass nach der Hecke von Herrn Glas der Zaun von Herrn Garck kommt und dass dessen Haus nach hinten versetzt steht. Wenn er sich unsicher ist, tastet er die Stelle erst einmal mit dem Fuß ab und nickt kurz, sobald er sich sicher fühlt. Es kommt auch vor, dass Kreuter statt auf die Kreuzung zu in einen Hofeingang hineinläuft, dann hat er die Stelle auf seiner geistigen Landkarte, wie er es nennt, noch nicht verinnerlicht.

Beim Mobilitätstraining geht es vor allem ums Wiederholen und Erinnern, Kreuter muss sich alle Stellen und Besonderheiten einprägen. Manchmal zählt er sogar die Schritte bis zum nächsten markanten Punkt. Auf diese Weise läuft er in eineinhalb Stunden eine ganze Runde durchs Dorf, insgesamt sind es 1,7 Kilometer.

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