Sein bester Freund war lange Zeit ein sehr stiller Zeitgenosse. Schon nach ein paar gemeinsamen Abenden konnte Fabian nicht mehr von ihm lassen, wollte immer mehr Zeit mit ihm verbringen, immer länger, immer intensiver. Immer öfter brauchte er diesen Freund, der ihn tröstete und beruhigte. Die Freundschaft wurde immer enger - bis Fabian, der heute 23 Jahre alt ist und in Wirklichkeit anders heißt, nicht mehr ohne Alkohol leben konnte. Dann stießen noch ein paar Mitglieder zu seinem Freundeskreis: Liquid Ecstasy, Amphetamine und Cannabis. Am Ende verlor Fabian für mehr als zehn Jahre die Kontrolle über sein Leben.
Der Abstieg begann, als sich seine Eltern trennten. Fabian war erst sechs Jahre alt und lebte fortan bei seinen Großeltern. Zu seinem Vater hatte er zwar Kontakt, aber zu Hause wollte der ihn nicht haben. Mit seinem Schmerz blieb der Junge allein - und trank mit elf Jahren zum ersten Mal Alkohol, eine halbe Flasche Eierlikör. Als er dann zu seiner Mutter und ihrem neuen Mann zog, begann er, regelmäßig Bier zu trinken. „Der Jugendraum, in dem wir uns trafen, lag außerhalb, und es gab keine Aufsicht. Also konnte man trinken, soviel man wollte“, erinnert sich Fabian.
Alkoholkonsum geht insgesamt zurück
Peter Ruppert kennt viele solcher Geschichten. Er ist Vorstandsvorsitzender der Gemeinnützigen Selbsthilfegemeinschaft Junge Suchthilfe. Einer der Gründe, warum Jugendliche zur Flasche greifen, ist in seinen Augen die gesellschaftliche Akzeptanz. „Alkohol ist weltweit anerkannt und wird nicht als Droge angesehen. Bei allen möglichen Anlässen kann man ein Getränk bekommen. Es ist gesellschaftlich erlaubt und wird durch die Werbung in Radio und Fernsehen positiv verbreitet.“ Und so beginne der Konsum oft schon in der Schule. Manche Jugendlichen tränken, um ihre Unsicherheit zu überwinden, andere, um ihre Probleme zu verdrängen. Dritte stünden vor allem unter Gruppenzwang, sagt Ruppert.
Nach den Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht der Alkoholkonsum bei Zwölf- bis Siebzehnjährigen zwar zurück: Während 2004 noch 21Prozent der Jugendlichen dieser Altersgruppe mindestens einmal in der Woche Alkohol tranken, waren es 2010 nur noch 13Prozent. Allerdings gibt es laut Bundeszentrale gleichzeitig einen Trend zum „Rauschtrinken“, also dem Konsum von mindestens fünf alkoholischen Getränken an einem Abend.
Mit siebzehn rauchte Fabian jeden Tag Cannabis und trank Bier
Bei Fabian kam zum Alkohol das Rauschgift. An den Wochenenden sei er gar nicht mehr nach Hause gegangen, erinnert er sich heute. Er habe nur noch gefeiert und Drogen genommen; die Mutter und der Stiefvater hätten nichts gemerkt. Bald reichten die Exzesse am Wochenende nicht mehr aus, und Fabian merkte, dass er auch unter der Woche das Verlangen entwickelte, sich zuzudröhnen. „Viele Jugendliche denken, dass sie ihre Probleme mit Alkohol lösen können“, sagt Suchthelfer Ruppert. „Sie flüchten sich in die Sucht und denken, dadurch würde alles gut.“
Mit siebzehn rauchte Fabian jeden Tag Cannabis und trank Bier. „Wenn ich zur Schule ging, deckte ich mich nach der dritten Stunde mit Alkohol und Gras ein.“ Ein 34Jahre alter Freund, der schon viele Lehren abgebrochen hatte, arbeitslos war und selbst jeden Tag trank, unterstützte die Sucht. „Um alles zu finanzieren, habe ich mit Haschisch gedealt“, sagt Fabian.
Erst als er die Droge nicht mehr im Internet bestellen konnte, kam Fabian zur Vernunft
So machte er im Rausch seinen Führerschein, holte Hauptschul- und Realschulabschluss nach und begann schließlich sogar eine Ausbildung als Auto-Mechatroniker. „Ich habe dann auch unter der Woche Amphetamine genommen, um fit zu sein und mehr Leistung im Unterricht zu bringen.“ Selbst eine Polizeikontrolle, eine Verfolgungsjagd mit den Beamten und der Totalschaden seines Autos konnten Fabian nicht mehr von seinem Weg abbringen. „Mein Ausbilder und auch meine Familie wussten nach dem Unfall Bescheid, aber das war mir egal.“ Schließlich nahm er mit einem Klassenkameraden sogar Liquid Ecstasy, eine flüssige Partydroge, die ihren Konsumenten kurze Glücksgefühle beschert, aber auch extrem schnell abhängig macht. Ohne diese Droge sei er schon bald unkonzentriert gewesen, sagt Fabian. Er habe angefangen zu schwitzen und Halluzinationen bekommen. „Ich bin nachts aufgewacht und musste was von dem Zeug nehmen, weil ich ohne nicht mehr schlafen konnte.“
Erst als er die Droge nicht mehr im Internet bestellen konnte, kam Fabian zur Vernunft. Er brauchte Ersatz, aber trinken wollte er nicht, weil er seinen Ausbildungsplatz nicht aufs Spiel setzen wollte. Also entschied er sich auf Anraten seines Hausarztes für eine Entgiftung in einer Klinik. Zwei Wochen ohne Alkohol und Drogen, nur Zigaretten waren erlaubt. Noch heute erinnert sich Fabian an die wilden Träume und akustischen Halluzinationen, die ihn dort plagten.
Der Tag der Umkehr kam schließlich, als seine Mutter miterlebte, wie er Blut erbrach
Kaum war er aus der Klinik heraus, ging alles wieder von vorne los: Wieder konsumierte Fabian täglich Alkohol und Cannabis - und verlor schließlich doch seinen Ausbildungsplatz. Sein Selbstbewusstsein hatte er ohnehin schon verloren, er fühlte sich wertlos. Zwei weitere Entgiftungen folgten. Vor der dritten trank Fabian eineinhalb Flaschen Wodka am Tag. Dieses Pensum erhöhte sich nach der erfolglosen letzten Entgiftung auf täglich zwei Flaschen. Nach dem Aufstehen trank der junge Mann ein großes Glas Wodka, anschließend musste er sich meist übergeben. Immer öfter würgte er Blut, mehrmals am Tag.
Der Tag der Umkehr kam schließlich, als seine Mutter miterlebte, wie er Blut erbrach. In diesem Moment habe er das Gefühl gehabt, sich selbst zu sehen: schwach, krank, abhängig und kurz vor dem Zusammenbruch. „Da dachte ich: nie wieder Alkohol. Das ist jetzt meine letzte Chance“, erinnert sich Fabian.
Fabian begann seine letzte Entgiftung im Winter 2010
Für Suchthelfer Peter Ruppert ist das eine typische Karriere. Viele Jugendliche stünden wie Fabian mit Anfang zwanzig unter enormem Leistungsdruck. Geist und Körper müssten immer funktionieren - und das gelinge manchen von einem gewissen Punkt an nur noch mit Alkohol. Der führe allerdings unweigerlich in die Sucht: Erst komme der soziale Verfall, dann der körperliche, irgendwann der totale Zusammenbruch. „Das ist oft die letzte Motivation, um mit dem Trinken aufzuhören.“
Fabian begann seine letzte Entgiftung im Winter 2010. Diesmal wollte er es wirklich schaffen, er blieb fünf Monate in der Klinik. Dort machte einen „harten Entzug“ mit allen Nebenwirkungen, lernte seine jetzige Freundin kennen, sammelte Fichtenholz, baute einen Hochsitz für seine Katze, nahm an Reitkursen teil. Um mit seinem „ehemaligen besten Freund“ endgültig abzuschließen, verfasste Fabian während des Klinikaufenthalts einen Abschiedsbrief an den Alkohol. Der sei, so schreibt er auf den beiden Seiten, zunächst ein treuer Begleiter gewesen, bei Feiern und wenn es ihm schlecht ging. Doch dann sei der Alkohol in seinen Alltag eingedrungen und habe immer mehr Probleme verursacht.
Eigene Wohnung und Ausbildung
Fabians Freundin, die selbst lange Zeit drogenabhängig war, hielt zu ihm, spendete Kraft und akzeptierte ihn auch als zitternden Ex-Alkoholiker. Und sie machte ihn auf die Frankfurter Selbsthilfegruppe der Jungen Suchthilfe aufmerksam. Gemeinsam gingen sie bald zu den wöchentlichen Treffen mit Sozialarbeiter Peter Ruppert und anderen ehemals abhängigen Jugendlichen. Einige sind inzwischen ihre Freunde geworden.
Bei Fabian ist seit drei Monaten wieder der Alltag eingekehrt: Mit seiner Freundin wohnt er in einer eigenen Wohnung, und er hat seine Ausbildung als Mechatroniker wieder aufgenommen. Der Dreiundzwanzigjährige hat die Sucht hinter sich gelassen und freut sich über die alltäglichen Dinge des Lebens: „Wenn ich auf der Arbeit eine Schraube in eine Tasche stecke, dann vergesse ich nicht, wo ich sie hingetan habe. Das ist nicht so wie früher, als ich alles verlegt habe.“ Aber Fabian muss auf der Hut sein. Auch nach einem Klinikaufenthalt und einer Therapie bleiben die Süchtigen für immer krank. Fabian hat das akzeptiert. Er steht zu seiner Vergangenheit. Aber jetzt will er sich endlich um die Zukunft kümmern.
Substanzen oder Verhalten
Peter Ruppert (JungeSuchtHilfe)
- 07.10.2011, 15:32 Uhr
Festhalten
St. Koch (Pensacola)
- 06.10.2011, 07:29 Uhr
Verändern ließe sich die öffentliche Wahrnehmung von
Alkohol ...
Christoph Weber (christoph+1)
- 05.10.2011, 17:48 Uhr