http://www.faz.net/-gzg-95ls0

„No Roots“-Sängerin Merton : Verwurzelt im Mertonviertel

  • -Aktualisiert am

Alice Merton singt am Klavier beim SWR3-New-Pop-Festival. Bild: Victor Hedwig

Shootingstar Alice Merton hat mit ihrem Song „No Roots“ einen Nerv getroffen. Doch ganz entwurzelt ist die gebürtige Frankfurterin nicht. Ein Porträt.

          Fast sieht sie aus wie eine Kriegerin, wie sie da so in ihrem weißen Gewand auf der Bühne steht. Das liegt auch an der überdimensionalen Metallverzierung mit den langen roten Bändern, die sie als Kette vor der Brust trägt. Wie eine Rüstung. Trotzdem ist Alice Merton an diesem Abend alles andere als unnahbar. Ihre Lieder sind sehr persönlich, zwischendurch erzählt sie dem Publikum ihre Entstehungsgeschichte. „Einer der Gründe, aus denen ich Songs schreibe, ist, mir selbst zu sagen, wie ich mit Dingen umgehen soll“, sagt sie auf Englisch und singt „How many holes will it take to drown my soul?“. Ihren Gesang begleitet sie mit ekstatischen Bewegungen – die Zuschauer können den Schmerz, von dem der Song spricht, förmlich spüren.

          Sie kämpft also doch: Mit sich selbst und mit ihrer Geschichte, auch wenn sie gerade erst 24 Jahre alt ist. Allerdings ist sie in dieser kurzen Zeit auch schon elfmal umgezogen. Und das innerhalb von vier Ländern. Zur Welt gekommen ist sie 1993 in Frankfurt, bald darauf ging es über New York nach Kanada und später über England zurück nach Deutschland. Aus dieser zum Teil durchaus ein wenig traumatischen Erfahrung ist Mertons Single „No Roots“ entstanden. Damit wollte sie sich ihren Fans erst einmal vorstellen – und erreichte im vergangenen Jahr prompt die deutschen, österreichischen und schweizerischen Charts.

          Die wurzellose Generation

          Der Schlüssel zum Erfolg liegt wohl zu einem Großteil an der Authentizität der Sängerin, mit der sich die junge, international weitgereiste Generation gut identifizieren kann. Ihre Eltern, sagt Merton, seien sehr rastlose Menschen. Gerade planten sie den zwölften Umzug: „Ich weiß nicht, was sie da antreibt, aber ich glaube, ich entwickle mich in dieselbe Richtung.“

          Sie habe nie wirklich darüber nachgedacht, ob auch andere Menschen sich entwurzelt fühlten, fügt sie hinzu. Bis sie davon erfuhr, dass viele Hörer sich in ihrem Song wiedergefunden hätten: „Ich weiß immer noch nicht, ob es gut oder schlecht ist, dass wir jetzt so wurzellos sind und uns einfach ungebunden fühlen.“ Einerseits sei es schön, neue Orte zu entdecken. Andererseits verliere man Stabilität. Sie beobachte das auch in Beziehungen. Dass jemand sesshaft werde, komme selten vor: „Aber so entwickelt sich einfach die Gesellschaft.“

          Auch wenn Merton heute Gefallen daran findet – als Kind fiel es ihr schwer, nirgendwo richtig Wurzeln schlagen zu können. Vor allem der ständige Abschied von Freunden machte ihr zu schaffen. „No Roots“ spiegelt das wider. Es ist eigentlich ein trauriges Lied, auch wenn es nicht so klingt: „Ich mag es eben, ernsthafte Themen zu Upbeat-Tempo-Nummern zu machen, also trotzdem tanzbar.“ Während ihrer Konzerte hüpft und tanzt sie daher auch über die Bühne, inklusive Headbanging, und fordert alle Anwesenden auf, es ihr gleichzutun: „Springt einfach, es befreit euren Geist und macht so viel Spaß.“

          Beim SWR3-New-Pop-Festival gehörte die Sängerin zu den Headlinern. Bilderstrecke

          Sie sagt es auf Englisch, ihrer Muttersprache. Erst mit 13 Jahren, als die Familie nach München gezogen war, hat sie Deutsch gelernt, die Muttersprache ihrer Mutter. Selbst wenn sie in Interviews fließend Deutsch spricht, fühlt sie sich damit auf der Bühne noch immer nicht wohl. Auch dazu gibt es eine Geschichte. In der zehnten Klasse wollte sie im Deutschunterricht ein Referat freier halten als sonst und nicht alles ablesen, wie sie es bis dahin gehalten hatte. Nach nur zwei Jahren in Deutschland war das für sie nicht einfach, „aber ich wollte es versuchen“. Als sie nach dem Referat ihre Note wissen wollte, sagte der Lehrer zu ihr, sie habe keine Note verdient, weil er zu beschäftigt damit gewesen sei, ihre „Ähs“ und „Ähms“ zu zählen. Dann habe er ihr eine Tabelle gezeigt, in der er festgehalten hatte, wie oft sie „äh“ oder „ähm“ gesagt hatte. „Seitdem habe ich wirklich Schwierigkeiten, vor vielen Leuten Deutsch zu sprechen“, sagt Merton, die während des gesamten Interviews auf Deutsch keinen einzigen Füll-Laut benutzen muss.

          Weitere Themen

          Arbeit am Akkord

          ESC-Kandidaten im Camp : Arbeit am Akkord

          Die sechs Kandidaten für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest stehen fest. Im Songwriting-Camp arbeiten sie intensiv an neuen Liedern für den Wettbewerb. Aber wie gewinnt man den ESC eigentlich?

          So stimmt die Stimme Video-Seite öffnen

          Eine Sprechtrainerin erklärt : So stimmt die Stimme

          Heidi Puffer ist auf der Suche. Das, was sie zu finden erhofft, ist nicht zu sehen, wohl aber zu hören. Denn immer dann, wenn Puffer eingeschaltet wird, droht auch der hörbare Rest in monotonem Einklang zu verschwinden.

          Was hast du zu verlieren?

          Autobiographie von Eric Idle : Was hast du zu verlieren?

          Monty-Python-Komiker, Freund der Stars und Schöpfer des Welthits „Always Look on the Bright Side of Life“: Eric Idle erzählt in seiner Autobiografie von seinem bewegten Leben.

          Anita, Yoko und me, too

          Marianne Faithfull im Gespräch : Anita, Yoko und me, too

          Marianne Faithfull ist einundsiebzig Jahre alt. Mit siebzehn wurde sie ein Star, jetzt erscheint „Negative Capability“, ihr 21. Album. „Es war furchtbar“, sagt sie über die sechziger Jahre im Pop. Ein Gespräch.

          Topmeldungen

          Vereinigte Staaten : Wer kann Donald Trump besiegen?

          Sollen die Demokraten nach links rücken oder doch lieber die Mitte besetzen? Die Welt verfolgt gebannt den Ausgang des Richtungskonflikts in den Vereinigten Staaten. Nicht wenige hoffen auf eine Empfehlung des ehemaligen Präsidenten Obama.

          „Totale Verwüstung“ : Trump besucht Brandgebiet in Kalifornien

          Häuser, von denen nur noch die Schornsteine stehen und mehr als tausend Vermisste: Das Ausmaß der Brände in Kalifornien ist gewaltig. Donald Trump besucht einen besonders schwer betroffenen Ort – und zeigt sich erschüttert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.