Alexander Kluge beginnt seine Poetikvorlesung im Hörsaal 2 des Westend-Campus, wie es sich für einen deutschen Professor gehört, cum tempore, also eine Viertelstunde später als angegeben. Die ersten Zuhörer treffen eine Stunde früher ein, schon eine halbe Stunde vor Beginn findet man kaum mehr einen Platz. Der Altersdurchschnitt im Saal liegt bei geschätzten 60 Jahren. Während sich mittlerweile auch die Gänge füllen, signiert Kluge geduldig Bücher, auf dem Tisch stapeln sich zwei Dutzend Titel, die er in den vergangenen 50 Jahren verfasst hat.
In den siebziger Jahren, als Kluge als Honorarprofessor an der Frankfurter Universität seine legendären Filmseminare abhielt, waren die Reihen auch immer gut gefüllt gewesen. Doch so viele Zuhörer wie jetzt, nämlich an die tausend, hat er dann doch nicht angezogen. Damals hatte Kluge meistens aus dem Stegreif geredet: über den Film, über Literatur, über Philosophie, über falsches oder richtiges Bewusstsein, über alles und jedes, was junge, kraftstrotzende und aufmüpfige Nachwuchs-Intellektuelle, die sich nicht mit fadem Marxismus und öder Staatstheorie abfinden wollten, umtrieb.
Für diese Poetikvorlesungen aber hat sich der nun 80 Jahre alte Filmemacher, Schriftsteller und Jurist genau vorbereitet. Er spricht noch immer mit dieser sanften, schmeichelnden Leichtigkeit, die aus einem Weltwissen schöpft, wie es in längst vergangenen Zeiten wohl einmal Universalgelehrte besessen haben. „Das Handwerk für Text und Film. Die Poetik selbst“ lautet heute der Titel seiner Vorlesung. Kluge lässt dazu immer wieder Ausschnitte aus seinen Filmen auf eine Leinwand projizieren. Einmal sieht man eine Szene aus „Die Patriotin“. Ein strahlend schönes Paar schaut lange in einen Spiegel. Fred Tacke und seine Frau Hildegard sind im September 1939 auf Hochzeitsreise in Rom. Von dort aus muss der Mann in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Drei- oder viermal sieht er in den folgenden Jahren seine Frau während kurzer Wochenendurlaube. Als er Anfang der fünfziger Jahre aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, sollen die beide eine Ehe fortsetzen, die noch gar nicht bestanden hat. Kluge nennt das eine „Realmontage“. Die Realität, das Leben, die Geschichte bringen zwei Fremde, Fremdgewordene zusammen, die etwas miteinander anfangen müssen. Ein Filmregisseur, so erläutert der Filmemacher Kluge, lässt in ähnlicher Weise in der Filmmontage zwei Unvereinbarkeiten aufeinanderstoßen und hofft, dass darauf ein unsichtbares drittes Bild entsteht. Man könnte durchaus auch seine Poetikvorlesung im Hörsaal 2 als eine Realmontage auffassen. Denn hier stoßen ebenfalls zwei Zeiten aufeinander. Die jungen, euphorischen Zuhörer aus den Frankfurter Filmseminaren, aus den Filmvorführungen im Pupille-Kino der Universität und die einstigen Aktivisten der Sponti-Szene, die Kluges Film „In Gefahr und größter Not“ wegen seiner Bilder von der Räumung besetzter Häuser gar nicht oft genug anschauen konnten, sehen sich vier Jahrzehnte später als Rentner oder Fast-Rentner wieder unter dem Banner Kluges versammelt.
Oasen des Verstehens
In die unterschiedlichsten Richtungen sind die Lebenswege gegangen. Jener Filmenthusiast, der die Kluge-Filme fast auswendig kannte und eine Examensarbeit über „Die Patriotin“ geschrieben hat, ist heute Journalist. Eine andere Kluge-Verehrerin war viele Jahre lang Kinderärztin und ging vor kurzem in den Ruhestand. Und jener Chaot von damals, der nichts auf die Reihe zu bringen schien, ist tatsächlich Verleger geworden. Man erinnert sich an manches Gesicht aus jener Zeit, da Kluge für eine aufmüpfige Generation Frankfurter Studenten ein Idol war, ein intellektueller Elefant, der leichten Fußes Handstände machen konnte wie jener Elefant, den eine noch junge Hannelore Hoger als Leni Peickert in „Die Artisten in der Zirkuskuppel - ratlos“ in einem Frankfurter Hinterhof einem Dompteur abkauft. Noch immer ist dieser Kluge so atemberaubend klug. Noch immer fesselt er mit seinen überraschenden Bildern und Formulierungen. Noch immer vermittelt er das Gefühl, man können mit Kopf und Sinnen die ganze Welt erfassen, folgt man nur der Denkweise Kluges. Einmal kommt er auf das Internet zu sprechen. Auch dort gebe es Rohstoff für das Poetische, allerdings viel zu viel, wie es auch in den Wüsten zu viel Sand gebe. Die große Aufgabe bestehe darin, in dieser Internet-Wüste Oasen zu schaffen für menschliche Gefühle.
Manchmal, so sagt die frühere Kinderärztin, die sich jetzt im Ruhestand den Luxus einer solchen Poetikvorlesung leisten kann, beim Hinausgehen, habe sie während der zwei geballten Stunden Kluge Oasen gefunden, Oasen des Verstehens. Nicht dass sie Kluge Vorwürfe gemacht hätte, sein Überlegungen seien zu kompliziert und seine Gedankensprünge zu artistisch. Kluge-Fans sind es gewohnt, dass sie an Kluge-Ideen schwer zu knabbern haben. Das war schon vor 40 Jahren so. Man hat sich damals getröstet und tröstet sich heute mit dem Eingeständnis: Der Meister spielt in einer höheren intellektuellen Liga.