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Akademiker in der Pflege Mit Masterstudium ans Krankenbett

 ·  Der Wissenschaftsrat will mehr Akademiker in der Pflege. Fachhochschulprofessorinnen in Frankfurt und Mainz finden das richtig, die hessische Ärztekammer warnt vor den Folgen.

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Marion Diegelmann ist so etwas wie eine Pionierin in Frankfurt: Sie ist, wie sie sagt, die einzige Krankenschwester im Uniklinikum, die an der Fachhochschule den Masterstudiengang „Pflege - Advanced Practice Nursing“ belegt hat. Gemeinsam mit vier Kolleginnen, die andernorts arbeiten, hat sie 2010 mit dem Studium begonnen und kommt nun ins fünfte Semester. Besonders interessiert sie die Palliativversorgung in der Intensivstation, in der sie arbeitet. „Da gibt es noch Entwicklungsbedarf.“ Dazu will sie in ihrem Studium ein Konzept erarbeiten. Ihre künftige Aufgabe sieht sie in einer „fachlichen Führung“, einer Unterstützung für ihre Kollegen und die Ärzte. „Pflegeexperten“ heißen akademisch ausgebildete Advanced Practice Nurses, wie Diegelmann eine werden möchte, zum Beispiel in der Freiburger Uniklinik, in der sie hospitieren konnte.

Von „fachlicher Führung“ spricht auch Diegelmanns Professorin Ruth Schwerdt, wenn sie die Tätigkeit der Absolventen beschreibt, für die es noch keine feste Stellenbeschreibung gibt. Der Masterstudiengang sei der erste seiner Art in Deutschland. Schwerdt ist überzeugt davon, dass es Angebote wie dieses braucht, um der zunehmenden Komplexität der Pflege gerecht zu werden und deren Qualität zu sichern.

Akademisch qualifiziertes Pflegepersonal

Mit Hilfe des Studiums sollen die Absolventen dazu selbständig Konzepte entwickeln und in die Praxis umsetzen können. Schwerdt hebt hervor, dass es mehr akademisch qualifiziertes Pflegepersonal geben müsse, nicht nur, um Kollegen anleiten zu können, sondern auch um besser auf Patienten und deren Angehörige einzugehen.

Die Professorin unterstützt damit das Ansinnen des Wissenschaftsrats, der vor kurzem gefordert hatte, dass zehn bis 20 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs in Pflege- und Therapieberufen Akademiker sein müssten. Grund seien eine wachsende Zahl multimorbider, chronisch kranker Menschen und mit dem Fortschritt in Diagnostik und Pflege verbundene komplexere Aufgaben.

Die zehn bis 20 Prozent, die der Wissenschaftsrat anstrebt, findet Schwerdt sogar noch zu wenig. Das sieht auch Renate Stemmer so, die Dekanin des Fachbereichs Gesundheit und Pflege der Katholischen Hochschule Mainz und Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft. Das Votum des Rats findet sie prinzipiell „notwendig und sinnvoll“, auch mit Blick auf die ambulante Pflege. „Damit Pflegekräfte Entscheidungen treffen können, etwa in der Anpassung von Therapien und deren Einbettung in den konkreten Alltag der Pflegebedürftigen, brauchen sie Fachwissen und müssen den Stand der Wissenschaft kennen“, sagt Stemmer. Sie schätzt, dass schrittweise rund 5000 Studienplätze in Deutschland zusätzlich geschaffen werden müssten, um die vom Wissenschaftsrat empfohlene Akademikerquote zu erreichen.

Ganz neu sind Pflegestudiengänge nicht. In der Fachhochschule Frankfurt gab es schon 1992 einen Diplom-Studiengang, er wurde 2006 in das Bachelorfach „Allgemeine Pflege“ umgewandelt. Der verwandte Studiengang in Mainz heißt „Gesundheit und Pflege“, wobei die Hochschule mit Pflegefachschulen kooperiert. Hinzu kommen an diesen beiden und anderen Hochschulen weitere Bachelor- und Masterstudiengänge. Diegelmann zum Beispiel hat ihren Pflege-Bachelor an der Hochschule Fulda gemacht. Zum Angebot gehören aber auch solche Studiengänge, die für andere Aufgaben qualifizieren, etwa im Pflegemanagement. Ein weiterer Masterstudiengang mit einem Schwerpunkt auf der Versorgung von Patienten in der Psychiatrie soll in Mainz demnächst hinzukommen.

Schwerdt zufolge „wird und muss die Spezialisierung in der Pflege zunehmen“. Ein Beispiel ist für sie die Palliativversorgung von Patienten, also das Feld, das sich Marion Diegelmann ausgesucht hat. Auch die junge Krankenschwester findet die Akademisierung der Pflegeausbildung wichtig, „damit mehr Fachlichkeit an den Patienten kommt“. Mediziner hingegen lehnen diese Entwicklung ab. So schließt sich die Landesärztekammer Hessen der Kritik der Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin im Deutschen Hochschulverband an und warnt: „Die zwangsweise Akademisierung des Pflegeberufs würde eine Entfremdung von der eigentlichen Pflege bedeuten und damit den Pflegemangel in Deutschland noch verstärken.“ Wer mit einem Haupt- oder Realschulabschluss in einem Pflegeberuf arbeite, leiste außerordentlich viel. Der Kammer zufolge reichen akademische Weiterbildungsangebote, eine grundsätzliche Akademisierung des Pflegeberufs sei weder erforderlich noch sachdienlich, auch könne sie ärztliche Leistungen nicht ersetzen.

„Facharztstandard nicht in Frage gestellt“

Diese Kritik geht für Diegelmann ins Leere. „Ich nehme Ärzten nichts weg. Die Komplexität der Pflege ist so vielfältig, da haben Pfleger genug mit ihren eigenen Aufgaben zu tun.“ Auch Schwerdt hebt hervor: „Der Facharztstandard wird nicht in Frage gestellt.“ Außerdem fühlten sich Ärzte mit zunehmender Kompetenz des Pflegepersonals entlastet. Ihre Mainzer Kollegin Stemmer sieht keine Gefahr für Fachschulen, an denen auch künftig die große Mehrheit der Pflegekräfte ausgebildet werde. „Da gibt es keine Konkurrenz.“

Möglicherweise steigen aber die Kosten. Die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin kritisiert, dass den Forderungen des Wissenschaftsrats ein Finanzierungskonzept fehle, wo doch Absolventen primärqualifizierender Studiengänge zu Recht eine höhere Vergütung erwarten würden als jene der dualen Ausbildung. Dem entgegnet Schwerdt, dass Geld eingespart werden könnte, wenn akademisch gebildete Pflegekräfte Ärzte entlasteten. Außerdem könnten jene Pfleger auch Präventionskonzepte entwickeln, was Kosten senke. Mit einer Akademisierung sind aber nicht nur Herausforderungen für Kliniken verbunden, sondern auch für die Fachhochschulen und deren Ausstattung. Stemmer bringt es so auf den Punkt: „Die Forschung muss ausgebaut werden.“

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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