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Agrarpolitik Drei verschiedene Feldfrüchte als Zwang

Die neue Agrarpolitik der Europäischen Union stellt Bauern vor Herausforderungen und neue, komplizierte Regelungen.

© dpa Vergrößern Dicke Kartoffeln: Bauern kämpfen gegen allzu starre Regeln der Europäischen Union.

Die Bauern im Rheingau-Taunus müssen sich umstellen. Die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (EU) wird im Zuge der bevorstehenden EU-Finanzperiode 2014 bis 2020 wieder einmal reformiert. Zu den Neuerungen gehört der Zwang zur Anbaudiversifizierung. Jeder Landwirt, der mehr als 30 Hektar Äcker bestellt - das betrifft fast alle Vollerwerbsbetriebe in der Region - muss künftig in jedem Jahr drei verschiedene Ackerfrüchte anbauen, beispielsweise Weizen, Raps und Roggen. Bisher genügte es, im Zuge der Fruchtfolge über drei Jahre hinweg die Feldfrüchte zu wechseln. Nun darf in jedem Jahr eine bestimmte Sorte nicht mehr als 75 Prozent der gesamten Ackerfläche bedecken, wenn der Landwirt weiterhin in den Genuss der vollen Direktzahlungen kommen will.

Mit diesen Facetten der EU-Agrarreform machte der Abteilungsleiter für Europapolitik im Bundeslandwirtschaftsministerium, Dietrich Guth, die Bauern im Rheingau-Taunus vertraut - und erntet Kopfschütteln. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes und Kreislandwirt Thomas Kunz kritisierte diese Vorgaben als wenig marktgerecht. Was nütze es den Bauern, neben gut verkäuflichem Weizen und Raps noch eine dritte Feldfrucht anzubauen, wenn diese nur unter Absatzschwierigkeiten verkauft werden könne und am Ende womöglich in einer Biogasanlage lande: „Müssen wir jetzt anbauen, was keiner braucht?“ Huth macht den Landwirten aber wenig Hoffnung, dass sich an dieser Regelung noch etwas ändern lassen werde. Andere Bestimmungen der Reform seien noch bis Ende November im Fluss und würden teilweise danach noch durch den Bund und die Länder in der Anwendung konkretisiert. Einiges werde zudem noch vom Ausgang der Bundestagswahl abhängen, sagt Huth mit Blick auf die Vorstellungen der Grünen zur Verteilung der europäischen Gelder auf die heimischen Bauern.

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Fünf Prozent der Äcker sollen ökologisch sein

Sicher aber scheint, dass die Direktzahlungen bis 2019 in vier Etappen für die hessischen Bauern sinken werden, weil die EU zumindest eine Angleichung der in Europa stark variierenden Höhe der Zahlungen erreichen will. Während Bauern in Malta gegenwärtig bis zu 500 Euro je Hektar erhalten, sind es in den baltischen Staaten weniger als 60 Euro. Dieser Wert soll auf mindestens 196 Euro je Hektar steigen, was andernorts - auch in Deutschland - auf Kürzungen und auf eine Einebnung der bisher regionalen Unterschiede hinausläuft. Betriebe, die bisher mehr als 150.000 Euro von der EU erhalten, müssen sich auf Kürzungen in Höhe von 15 Prozent der darüberhinausgehenden Summe einstellen, Betriebe mit mehr als 300.000 Euro auf 25 Prozent oder mehr.

Noch nicht detailliert festgelegt ist auch das sogenannte Greening. Der Begriff steht für die Verpflichtung konventionell wirtschaftender Landwirte, fünf Prozent ihrer Äcker als ökologische Vorrangfläche auszuweisen und sie aus der normalen Bewirtschaftung zu nehmen. Diese Flächen können stillgelegt oder für den Anbau von Zwischenfrüchten und stickstoffbindenden Pflanzen genutzt werden.

Wer sicher weigert, muss auf 30 Prozent der ihm sonst zustehenden Direktzahlungen von rund 300 Euro je Hektar und Jahr verzichten. Welche Flächen als „Greening“-Flächen anerkannt werden, muss in Brüssel noch im Detail verhandelt werden. Dabei geht es beispielsweise um Hecken und Baumreihen neben den Feldern. Schon jetzt ist klar, dass wegen der zeitraubenden Verhandlungen und der bisherigen Verzögerungen die neuen Regelungen erst 2015 in Kraft treten können. Dann aber kommen auf die Landwirte viele neue Regelungen zu. Nur simpler wird es dadurch nicht, gibt Huth zu: „Das Projekt einer Vereinfachung der europäischen Agrarpolitik ist gescheitert.“

Quelle: F.A.Z.

 
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