Home
http://www.faz.net/-gzg-7hcgd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Agrarpolitik Drei verschiedene Feldfrüchte als Zwang

Die neue Agrarpolitik der Europäischen Union stellt Bauern vor Herausforderungen und neue, komplizierte Regelungen.

© dpa Dicke Kartoffeln: Bauern kämpfen gegen allzu starre Regeln der Europäischen Union.

Die Bauern im Rheingau-Taunus müssen sich umstellen. Die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union (EU) wird im Zuge der bevorstehenden EU-Finanzperiode 2014 bis 2020 wieder einmal reformiert. Zu den Neuerungen gehört der Zwang zur Anbaudiversifizierung. Jeder Landwirt, der mehr als 30 Hektar Äcker bestellt - das betrifft fast alle Vollerwerbsbetriebe in der Region - muss künftig in jedem Jahr drei verschiedene Ackerfrüchte anbauen, beispielsweise Weizen, Raps und Roggen. Bisher genügte es, im Zuge der Fruchtfolge über drei Jahre hinweg die Feldfrüchte zu wechseln. Nun darf in jedem Jahr eine bestimmte Sorte nicht mehr als 75 Prozent der gesamten Ackerfläche bedecken, wenn der Landwirt weiterhin in den Genuss der vollen Direktzahlungen kommen will.

Mit diesen Facetten der EU-Agrarreform machte der Abteilungsleiter für Europapolitik im Bundeslandwirtschaftsministerium, Dietrich Guth, die Bauern im Rheingau-Taunus vertraut - und erntet Kopfschütteln. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes und Kreislandwirt Thomas Kunz kritisierte diese Vorgaben als wenig marktgerecht. Was nütze es den Bauern, neben gut verkäuflichem Weizen und Raps noch eine dritte Feldfrucht anzubauen, wenn diese nur unter Absatzschwierigkeiten verkauft werden könne und am Ende womöglich in einer Biogasanlage lande: „Müssen wir jetzt anbauen, was keiner braucht?“ Huth macht den Landwirten aber wenig Hoffnung, dass sich an dieser Regelung noch etwas ändern lassen werde. Andere Bestimmungen der Reform seien noch bis Ende November im Fluss und würden teilweise danach noch durch den Bund und die Länder in der Anwendung konkretisiert. Einiges werde zudem noch vom Ausgang der Bundestagswahl abhängen, sagt Huth mit Blick auf die Vorstellungen der Grünen zur Verteilung der europäischen Gelder auf die heimischen Bauern.

Mehr zum Thema

Fünf Prozent der Äcker sollen ökologisch sein

Sicher aber scheint, dass die Direktzahlungen bis 2019 in vier Etappen für die hessischen Bauern sinken werden, weil die EU zumindest eine Angleichung der in Europa stark variierenden Höhe der Zahlungen erreichen will. Während Bauern in Malta gegenwärtig bis zu 500 Euro je Hektar erhalten, sind es in den baltischen Staaten weniger als 60 Euro. Dieser Wert soll auf mindestens 196 Euro je Hektar steigen, was andernorts - auch in Deutschland - auf Kürzungen und auf eine Einebnung der bisher regionalen Unterschiede hinausläuft. Betriebe, die bisher mehr als 150.000 Euro von der EU erhalten, müssen sich auf Kürzungen in Höhe von 15 Prozent der darüberhinausgehenden Summe einstellen, Betriebe mit mehr als 300.000 Euro auf 25 Prozent oder mehr.

Noch nicht detailliert festgelegt ist auch das sogenannte Greening. Der Begriff steht für die Verpflichtung konventionell wirtschaftender Landwirte, fünf Prozent ihrer Äcker als ökologische Vorrangfläche auszuweisen und sie aus der normalen Bewirtschaftung zu nehmen. Diese Flächen können stillgelegt oder für den Anbau von Zwischenfrüchten und stickstoffbindenden Pflanzen genutzt werden.

Wer sicher weigert, muss auf 30 Prozent der ihm sonst zustehenden Direktzahlungen von rund 300 Euro je Hektar und Jahr verzichten. Welche Flächen als „Greening“-Flächen anerkannt werden, muss in Brüssel noch im Detail verhandelt werden. Dabei geht es beispielsweise um Hecken und Baumreihen neben den Feldern. Schon jetzt ist klar, dass wegen der zeitraubenden Verhandlungen und der bisherigen Verzögerungen die neuen Regelungen erst 2015 in Kraft treten können. Dann aber kommen auf die Landwirte viele neue Regelungen zu. Nur simpler wird es dadurch nicht, gibt Huth zu: „Das Projekt einer Vereinfachung der europäischen Agrarpolitik ist gescheitert.“

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bauernproteste Von armen Milchbauern kann keine Rede sein

Nächste Woche beraten die EU-Agrarminister über Hilfen für die Milchbauern. Dabei erhalten die schon heute Milliardensummen von der Europäischen Union. Mehr Von Hendrik Kafsack

01.09.2015, 15:47 Uhr | Wirtschaft
Agrarwirtschaft Ende der Milchquote - Chance und Herausforderung

Um die Überproduktion von Milch und ihren Erzeugnissen zu senken, führte die damalige Europäische Gemeinschaft 1984 die Milchquoten ein - nun läuft die Regelung aus, vor allem wegen der gestiegenen Nachfrage außerhalb der Europäischen Union. Für die Bauern auch in Deutschland ist das eine Herausforderung und eine unternehmerische Chance zugleich. Mehr

06.08.2015, 17:58 Uhr | Wirtschaft
Bauern gegen Mountainbiker Mein Wald gehört mir

Immer mehr Mountainbiker fahren im Schwarzwald - was nach dem Gesetz natürlich erlaubt und von der Tourismuswirtschaft gewünscht wird. Doch die Bauern der Region fühlen sich bedrängt. Sie fürchten Schadenersatzklagen. Mehr Von Rüdiger Soldt, Gutach

25.08.2015, 14:40 Uhr | Politik
Milch Fallende Preise bedrohen Bauern

Jahrelang regelte die Milchquote, wie viel Milch ein Bauer produzieren durfte. Seit dem 1. April 2015 gibt es die Quote nicht mehr, viele Landwirte haben kräftig investiert. Doch die fallenden Milchpreise bringen die Bauern in Schwierigkeiten. Mehr

26.08.2015, 16:36 Uhr | Wirtschaft
Naturschutz in Hessen M 2 streift frei umher

Luchse, Otter, Biber: Fast ausgestorbene Arten haben vom Naturschutz in Hessen profitiert. Die einen allerdings mehr als die anderen. Mehr Von Claudia Schülke

21.08.2015, 09:36 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 09.09.2013, 18:00 Uhr

Überzeugen statt verbieten

Von Ralf Euler

Die Drogenbeauftragte des Bundes hätte gern ein Verkaufsverbot für Alkohol ab 22 Uhr. Das ist eher ein Zeichen der Hilfslosigkeit, denn „Komasäufer“ lassen sich so nicht aufhalten. Hessen hat da den richtigen Ansatz. Mehr 2 4