Es ist die schlimmste Flussfahrt seit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“. Der Niger verzweigt sich kurz vor seiner Mündung in unzählige Wasserläufe. Auf einem von ihnen dümpelt ein Boot mit zwei Reportern aus Port Harcourt, die nach der entführten Gattin eines britischen Ölmanagers suchen. Neben ihnen zwei Führer, um sie herum Rebellen im Kampf gegen Regierung und internationale Multis, Dörfer voller Toter, die Abgasfackeln der Ölquellen des Deltas, Ölschlamm an den Ufern, Ölschlieren auf dem Wasser, durch die ein menschlicher Arm am Boot vorübertreibt, „die Finger öffneten und schlossen sich zur Faust“. So höllisch geht es auf den ersten Seiten von Helon Habilas Roman „Öl auf Wasser“ zu, der auf Deutsch im vorigen Sommer, in Habilas Heimat Nigeria aber erst vor wenigen Wochen erschienen ist. Der 1967 geborene Schriftsteller gehört zu den Autoren, die am Freitag und Samstag Gast der „Afrikanischen Literaturtage“ in Frankfurt sind.
Was „afrikanische Literatur“ bedeutet, überlegt am Telefon auch er. Habila spricht von einem Vorort von Washington aus, dort lehrt er an der George-Mason-Universität des Bundesstaats Virginia seit einigen Jahren kreatives Schreiben. Jedes afrikanische Land sei anders, sagt er, und besitze seine eigene Literatur, oft gebe es, der verschiedenen Sprachen wegen, mehrere Literaturen in ein und demselben Land. Trotzdem sieht er auch Gemeinsamkeiten. Viele Länder teilten dieselben Erfahrungen - Kolonialismus, ältere Traditionen, der Panafrikanismus, der während der Kolonialzeit entstand. „Viele Länder gingen zur selben Zeit durch dieselbe Phase.“ Am besten gefalle ihm daher die folgende Formulierung: „eine afrikanische Literatur in verschiedenen Sprachen“.
Auf Englisch kann sich Habila am besten ausdrücken, sagt er.
Er selbst schreibt auf Englisch, in der Sprache seiner Schulbildung und seiner Universitätsausbildung, in ihr könne er sich am besten ausdrücken. Bis 1995 studierte Habila englische Literatur an der Universität der Stadt Jos, danach lehrte er sie am Polytechnikum in Bauchi. 1999 ging er an die Küste, in die Millionenstadt Lagos. Als Feuilletonredakteur arbeitete er für die Zeitung „Vanguard“, die viertgrößte des Landes mit Millionen von Lesern. Er rezensierte Bücher, führte Interviews, berichtete über den Literaturbetrieb von Nigerias größter Verlagsstadt und redigierte die Texte seiner Reporter. Aber er hatte etwas anderes vor. „Ich war nach Lagos gegangen, um Schriftsteller zu werden.“ Schon an der Universität hatte er geschrieben, seine Kurzgeschichtensammlung „Prison Stories“ erschien im Jahr 2000.
Zu dieser Zeit gab es in Nigeria kaum noch Niederlassungen internationaler Verlage, die unsichere politische Lage hatte sie vertrieben. Seit einigen Jahren, sagt Habila, gebe es dafür immer mehr kleine, unabhängige Verlage, gegründet von unternehmungslustigen Einheimischen, unter ihnen vier bis fünf mit exzellentem literarischen Ruf, „nicht groß, aber gut“. Und es würden immer mehr. „Denn es gibt einen Markt.“ Den gibt es tatsächlich: Nigeria hat mehr als 158 Millionen Einwohner, die nach Information, Unterhaltung, Bildung und politischen Debatten verlangen.
Dabei, sagt Habila, seien Bücher teuer und oft nur in Universitäten und Büchereien erhältlich. Inzwischen würden sie in den großen Städten aber auch durch Buchhandlungen vertrieben, von denen ebenfalls ständig neue entstünden. Anderswo verkauften Händler Bücher am Straßenrand, auf Matten, die sie über die Erde gebreitet haben. „Aber das sind vor allem billige ausländische Bücher.“ Und noch ein anderer Vertriebsweg, vermutlich der wichtigste, komme hinzu: Bücher werden verliehen und geborgt. „Eine informelle Bücherei.“
„Öl auf Wasser“ zunächst als Drehbuch geschrieben - aus dem Film wurde nichts
Wie viele nigerianische Exemplare von „Öl auf Wasser“ seit Ende November verkauft worden sind, hat Habilas Verleger seinem Autor noch nicht genau mitteilen können, die Nachfrage aber, schreibe er, sei groß. Das liege sicher daran, dass das Buch in Großbritannien schon seit 2010 erhältlich ist und dort exzellente Kritiken bekommen hat. Die Leser seien aber wohl auch gespannt auf Habilas literarische Bearbeitung eines politischen Problems, das Nigeria seit Jahren beschäftigt. Das Öl des Landes und seine Förderung durch ausländische Unternehmen haben mehr und mehr staatliche Korruption, Umweltverschmutzung und Gewalt zur Folge.
Geschrieben hat Habila „Öl auf Wasser“ zunächst als Drehbuch für einen Film, 2008 war es fertig. Als aus dem Film nichts wurde, hat er es umgearbeitet, in nur sechs Monaten. Den erzwungenen Umzug von einer Gattung in die andere bedauert er nicht - im Roman könne er komplexer schreiben. Zwar wirke das Kino unmittelbarer, aber die Literatur habe einen entscheidenden Vorteil: „Sie braucht Zeit.“ Ein Roman könne tiefer gehen, indem er versuche, das Bewusstsein der Menschen zu zeigen. Kunst und Wirklichkeit, literarische Sprache und Elend, dazu hat Habila seine eigene Meinung: „Ich glaube, dass alles miteinander in Beziehung steht.“ Die Kunst hat für ihn eine ästhetische und ethische Fragen zusammenfassende Funktion: „Sie ist etwas, das etwas möglich macht.“ Er selbst wolle auf eine Art und Weise schreiben, die künstlerisch schön sei. „Aber ich will auch, dass die Leute zornig werden.“ Zornig darüber, dass es Menschen gibt, die andere Menschen ausbeuten. „Was sie ganz einfach nicht tun sollten.“ Und eines sei schließlich sicher: „Kunst muss mehr sein als etwas, das man bewundern kann.“
Habilas nächster Roman handelt von nigerianischen Emigranten, ein Thema, das ihn persönlich betrifft. Es solle aber auch darum gehen, dass Afrika sich auf bestimmte Weise öffne: „Afrikaner reisen mehr als je zuvor.“ Habila selbst lebt seit zehn Jahren im Ausland: Zuerst ging er mit einem Stipendium für fünf Jahre nach England, seit 2007 lebt er in den Vereinigten Staaten. Als Nachwuchswissenschaftler und Universitätsdozent hatte er es leichter als die meisten anderen Migranten. Die Trennung von zu Hause, Familie und Heimat, die schwierige Gewöhnung an die fremde Kultur und das Heimweh hat aber auch er erlebt.
Er versucht, jedes Jahr nach Nigeria zu fahren, zuletzt war er im August dort. Seine Mutter, seine Brüder und seine Schwestern leben noch immer in seiner Heimatstadt Kaltungo im nördlichen Bundesstaat Gombe, der zu denen gehört, in denen die Islamisten von Boko Haram ihre Terroranschläge verüben. Überall seien Soldaten stationiert, die Kirchen würden bewacht, es gebe Ausgangssperren. „Das Leben hat sich verändert.“ Es sei wie Krieg. Und: „Man kann nicht viel tun.“ Nur schreiben.
Auf Einladung des Zentrums für interdisziplinäre Afrikaforschung hält Helon Habila am 22. Januar eine Vorlesung an der Frankfurter Goethe-Universität. Sie trägt den Titel „How To Mix Oil And Water With Literature“ und beginnt um 18 Uhr in Raum 411 des Hauptgebäudes auf dem Campus Westend.
Die „Afrikanischen Literaturtage“ finden am nächsten Wochenende im Literaturhaus Frankfurt statt. Veranstaltet werden sie, wie die „Arabischen Literaturtage“ vor einem Jahr, von der Frankfurter Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Am 25. und 26. Januar gibt es anderthalb Tage lang Lesungen, Werkstattgespräche, Diskussionen und Filmvorführungen. Zu den Gästen zählen neben Helon Habila so unterschiedliche Autoren wie Fatou Diome (Senegal), Nii Parkes (Ghana), Mike Nicol (Südafrika), Chirikure Chirikure (Zimbabwe), Maaza Mengiste (Äthiopien), Patrice Nganang (Kamerun) und Conceição Lima (São Tomé und Principe). Eintrittskarten kosten 6 Euro (ermäßigt 4 Euro), das Kombiticket, das Einlass zu allen Veranstaltungen verschafft, ist für 25 Euro erhältlich (ermäßigt 18 Euro) und kann über www.literaturhaus-frankfurt.de vorbestellt werden. Ein ausführliches Programm und weitere Informationen finden sich im Internet unter der Adresse www.litprom.de.