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AfD-Vorsitzende Frauke Petry : „Ab und zu mal radikal“

Kontert: Frauke Petry, Sprecherin des Bundesvorstands der AfD Bild: dpa

Ein Abend in kühler Atmosphäre mit Frauke Petry. Im Gespräch zeigt sich: von Journalisten hält die AfD-Vorsitzende nicht besonders viel. Auch an der Bundeskanzlerin arbeitet sie sich bei einer Podiumsdiskussion in Wiesbaden ab.

          Das Interview in der Suite des Wiesbadener Luxushotels „Schwarzer Bock“ verläuft in einer kühlen Atmosphäre. Jeder andere Politiker hätte die Frage, wie ihm Wiesbaden gefalle, dankbar aufgegriffen und schmeichelnde Worte gefunden. Frauke Petry aber, die Bundesvorsitzende der AfD, antwortet nicht auf derart irrelevante Fragen. Dass ihr Lebensgefährte, der nordrhein-westfälische Parteichef Marcus Pretzell, in der hessischen Landeshauptstadt aufgewachsen ist und an diesem Donnerstagabend neben ihr sitzt, ändert daran nichts. Ob Petry wusste, dass Pretzell in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre sogar der Jungen Union angehörte, lässt sich nicht klären.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Denn die Vierzigjährige will nur über Inhalte reden. Die Auffassung, dass sich viele Bürger für ihre Partei nur interessierten, weil sie von der Politik der Union enttäuscht seien, behagt ihr nicht. Sie betont die Gegensätze. Darüber könne auch die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass die Union in der Flüchtlingspolitik allmählich anfange, Positionen der AfD zu übernehmen, sagt sie.

          Von Journalisten hält Frauke Petry nicht besonders viel

          Petry hat in ihrer sächsischen Heimat mit ihrem früheren Ehegatten, einem Theologen, und vier Kindern jahrelang in einem Pfarrhaus gelebt. Verbindet eine Frau mit dieser Biographie gar nichts mit den C-Parteien? Beispielsweise das Familienbild? Die Antwort ist ein klares Nein. Petry kritisiert, dass die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) für das Betreuungsgeld gekämpft habe.

          Sie selbst hingegen finde die Wahlfreiheit der Eltern besonders wichtig. Tatsächlich hat Schröder sich mehr als jeder andere Spitzenpolitiker für das Recht der Familien eingesetzt, über ihre Lebensmodelle selbst zu entscheiden. Doch Petry lässt sich nicht gern korrigieren. Sie hat gern selbst recht. Und sie ist schlagfertig genug, kritische Einwürfe mit langen Schachtelsätzen zu parieren.

          Dass die Sächsin, die im westfälischen Bergkamen ihr Abitur gemacht hat, von Journalisten nicht viel hält, macht sie auch nach dem Interview in einem Erbenheimer Sportlerlokal in einer Rede vor rund einhundert Parteimitgliedern deutlich. Minutenlang klärt sie ihre Zuhörer über die „Pinocchio-Presse“ auf.

          Petry will zeigen, „dass wir uns keine Angst machen lassen“

          Um ein gutes Verhältnis zu den Medien bemühen sich hingegen die lokalen Vertreter der AfD. Ihre professionelle Pressearbeit ist in einem Konflikt mit den Demonstranten zum Vorschein gekommen, die auf der anderen Straßenseite des Lokals Stimmung machen. Der erste Aufruf zu einer Demonstration wurde zurückgenommen, nachdem die AfD den Initiator zu der Veranstaltung und zu einer Podiumsdiskussion eingeladen hatte.

          Schließlich hat die Wiesbadener Linke beim Ordnungsamt eine Kundgebung angemeldet. So treffen sich in Erbenheim an diesem Abend rund 30 Polizisten und einhundert Demonstranten. „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ steht auf einem Transparent. Wenn Autos vorbeikommen, wird ihnen ein Schild mit der Aufforderung „Hupen gegen Nazis“ entgegengehalten. Viele folgen der Aufforderung und bekommen dafür Applaus.

          Im Lokal loben die Veranstalter die Wirtin dafür, dass sie allen Drohungen widerstanden und die AfD nicht ausgeladen habe. Petry kündigt an, dass man beim nächsten Treffen in Wiesbaden einen Saal mieten werde, in dem mindestens 400 Menschen Platz fänden, „um zu zeigen, dass wir uns keine Angst machen lassen“.

          Ab und an ein bisschen radikal

          Es zählt zu den Methoden der AfD, sich die Angriffe der politischen Gegner zunutze zu machen. Nur weil sie vier Kinder habe, gelte sie schon als rechtsradikal, klagt Petry. Die Zuhörer, die sich mit Schnitzel und Pommes frites zu moderaten Preisen stärken können, sind nicht wirklich empört, eher ein bisschen amüsiert. Die Demonstranten auf der Straße und die guten Umfrageergebnisse zeigten, „dass wir gefährlich geworden sind“, stellt Petry fest. „Man verschweigt uns nicht mehr, man verlacht uns nicht mehr. Jetzt bekämpft man uns.“ Dabei dürfe die AfD ruhig „ab und zu mal radikal sein“, solange man sich auf rechtsstaatlichem Boden bewege.

          Das Flüchtlingsthema dient der Rednerin dazu, die Bundeskanzlerin zu attackieren. Angela Merkel (CDU) schotte sich in einem kleinen Beraterkreis ab. „Der kommt mir manchmal so vor wie das Zentralkomitee der SED im Jahr 1989.“ Aber Petry nimmt nicht nur die Regierung in Berlin, sondern auch die Brüsseler Politik ins Visier. „Die Europäische Union gleicht immer mehr dem, was der Westen früher am Osten kritisiert hat“, ätzt sie. Dafür beansprucht sie eine besondere Kompetenz, weil sie „im Sozialismus gelebt“ habe. 1989 war Petry 14 Jahre alt. Die Kanzlerin erlebte die Wende als Fünfunddreißigjährige.

          Bis heute scheint sie ihrer Kritikerin aus Sachsen einiges voraus zu haben. So sehr man Merkel auch mit guten Argumenten kritisieren mag – wer Politiker wie Petry erlebt, könnte beinahe zu der Auffassung gelangen, sie sei tatsächlich alternativlos.

          Quelle: F.A.Z.

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