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Tarife für Schornsteinfeger : Keine Kehrtwende im Kehrbezirk

Treue Kunden: Hauseigentümer nutzen die neue Wahlfreiheit bei Schornsteinfegern nicht. Bild: Picture-Alliance

Seit gut drei Jahren können Eigentümer den Kaminkehrer frei wählen und Preise aushandeln. Das macht aber niemand. Ärger über Rechnungen gibt es trotzdem.

          Frau B. aus Bad Homburg ist auf die Zunft nicht gut zu sprechen. „Jetzt schwärmen sie wieder aus, die Schornsteinfeger, die für Messarbeiten, die kaum Zeit in Anspruch nehmen, horrende Rechnungen stellen dürfen, durch Gesetze abgesegnet“, schreibt die Leserin. Seit Jahren zackert die Hausbesitzerin mit dem Mann, der ihr qua Revier zugeteilt ist. Der Bezirksschornsteinfeger - inzwischen der Bevollmächtigte.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass sich Frau B. mit der Stoppuhr auf die Lauer legt, lässt sich nur vermuten. Jedenfalls passt sie genau auf, wenn der Schornsteinfeger zu Besuch ist, um anschließend festzustellen, dass 45,89 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer für fünf Minuten Arbeit ein stattlicher Lohn sei.

          Genau 563 Bezirke und damit Bezirksbevollmächtigte gibt es in Hessen. Sie haben die Oberaufsicht über Heizungsanlagen, Kaminöfen und Schornsteine und prüfen inzwischen zweimal in sieben Jahren, ob alles in Ordnung ist und keine unangemeldeten Feuerstätten eingebaut wurden. Feuerstättenschau heißt das in der Fachsprache.

          Wahlfreiheit geht mit Bürokratieaufwand einher

          Die Prüfung gab es auch früher schon, doch weil die Europapolitiker in Brüssel wollten, dass mehr Wettbewerb einkehrt, wurde das Schornsteinfeger-Handwerksgesetz zum 1. Januar 2013 dahin gehend gelockert, dass die Eigentümer für die klassischen Kehrarbeiten einen zugelassenen Schornsteinfeger aus dem gesamten Bundesgebiet beauftragen können. Die Kosten fürs Kehren sind - anders als die Gebühren für die hoheitliche Feuerstättenschau - nicht mehr reglementiert und können frei ausgehandelt werden. Einsparungen von 20 bis 30 Prozent sollen dadurch möglich sein.

          Doch keiner nutzt die neue Freiheit. Etwa 98 Prozent der Hauseigentümer in Hessen sind ihrem Schornsteinfeger treu geblieben, sagt Harald Stehl, Geschäftsführer des Landesinnungsverbands Hessen. Das entspricht etwa der Treuequote auf Bundesebene.

          Man muss dazu sagen: Die Erwartungen waren von Anfang an gedämpft, denn die neue Wahlfreiheit geht mit einem hohen Bürokratieaufwand einher. Dafür, dass die Sicherheitsprüfung in bestimmten Fristen erfolgt, ist seit 2013 der Eigentümer zuständig und nicht mehr der Bezirksbevollmächtigte. Er ist es auch, der nach wie vor die Bücher führt. Das muss man erst einmal verstehen. In einem vierseitigen Schreiben, dem sogenannten Feuerstättenbescheid, mussten die Bezirksbevollmächtigten ihre Kunden vor dem 1. Januar 2013 informieren, welche Sicherheitschecks in welchem Zeitintervall zu veranlassen sind. Das hat offenbar viele abgeschreckt. Dass viele Schornsteinfeger die Schreiben nutzten, um ihre Pfründe zu sichern und dafür zu werben, dass alles beim Alten bleibt, tat sein Übriges.

          Erhoffter Wettbewerb bleibt aus

          So oder so, der Eigentümerverband Haus & Grund sah schon damals wenig Anreiz für Privateigentümer zu wechseln. „Es kommt nicht immer auf den letzten Euro an“, sagt Frank Ehrhardt, Geschäftsführer des Landesverbandes Hessen. „Viele haben zu ihrem Schornsteinfeger Vertrauen, vor allem wenn er die Arbeit auch noch gut macht.“ Ehrhardt findet aber auch, dass es den Hausbesitzern nicht leichtgemacht wurde. „Viele Eigentümer wissen es schlichtweg nicht.“

          Wenig wechselwillig zeigten sich bisher auch Wohnungsbaugesellschaften. „Wir hatten uns mehr Wettbewerb erhofft“, sagt Stephan Gerwig, Justitiar beim Verband der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft. Ihm sei von 185 im Verband organisierten Unternehmen gerade einmal eines bekannt, das gewechselt habe.

          Es ist aber nicht nur die Bürokratie, die abschreckt, die neue Regelung scheitert schlichtweg an der Praxis. Für Eigentümer ist es schon schwer, über die Internetseiten der Innungen oder das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle an vernünftige Daten des zuständigen Bezirksbevollmächtigten zu kommen, geschweige denn an freie Schornsteinfeger in der Nähe. Verbraucher bekommen immer nur den Schornsteinfeger für ihren Bezirk genannt. Eine Liste mit den Schornsteinfegern in einer Stadt? Fehlanzeige. Schon eher funktioniert es mit Google. Auch gab es im Internet verbraucherfreundliche Versuche, etwa die Seite www.fegerfinden.de, doch die funktioniert nicht mehr. „Zu wenig Interesse von Seiten der Schornsteinfeger“, heißt es.

          Verbraucherin glaubt: „Alles fauler Zauber“

          Innungsgeschäftsführer Stehl sieht Schwachstellen bei der Listung. Er hätte gern ein Portal mit mehr Freiheit beim Suchen. „Wir sind dran“, sagt Stehl und empfiehlt vorerst die Seite www.myschornsteinfeger.de.

          Der Geschäftsführer kennt Wuchervorwürfe wie die von Frau B. „Viele vergessen schlichtweg den Aufwand, der hinter unserer Arbeit steht“, sagt er. Nicht alle Immobilien seien Selbstläufer. Ein Haus mit mehreren Eigentumswohnungen und separaten Gasanschlüssen müsse unter Umständen mehrmals angefahren werden, um jeden Eigentümer anzutreffen. „Das ist immer eine Mischkalkulation“, sagt Stehl. Der ehemalige Bezirksschornsteinfeger führt einen deutlich angestiegenen Bürokratieaufwand ins Feld. „Wir machen vieles, was der Bürger nicht sieht.“

          Das durchschnittliche jährliche Betriebseinkommen eines Schornsteinfegermeisters mit einem Mitarbeiter, einem Auszubildenden und einer Bürokraft beziffert er mit 140.000 Euro im Jahr. 45 Euro in fünf Minuten erschienen sicherlich hoch. Doch davon müssten Lohnkosten - ein Schornsteinfeger mit Meisterprüfung verdient laut Tarif 18,56 Euro pro Stunde - abgezogen werden, ebenso Sozialabgaben und Rücklagen. Damit ein Betrieb in der oben genannten Personalstärke wirtschaftlich tragbar sei, müssten Stundensätze zwischen 61 und 75 Euro verlangt werden, rechnet Stehl vor.

          Ob das Frau B. überzeugen wird? Sie hat so ihre Zweifel, ob das, was geprüft wird, bei modernen Brennwertheizungen wie der ihren überhaupt sein muss. „Alles fauler Zauber“, schreibt sie. „Genauso könnte man Bremser und Heizer in modernenen Elektroloks mitfahren lassen.“

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