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Äpfelweinkneipen leiden : Kälte und Nässe sorgen für freie Bahn in den Bädern

  • -Aktualisiert am

Einmaliger Badespaß: Vor dem Abflug nach Kirgistan testen Eredon und seine Mutter das Freibad Hausen. Bild: Kretzer, Michael

Es ist kalt, ständig regnet es und die Sonne zeigt sich selten. Für manchen ist dieses Wetter existenzbedrohend, anderen gefällt es.

          14 Grad Lufttemperatur, das Wasser im Freibad Hausen ist auf 26,5 Grad erwärmt worden. Für Pensionär Curt die perfekten Schwimm-Temperaturen. „Im Sommer gehe ich nie ins Freibad“, sagt er. „Jetzt sind kaum Menschen da und so ist das Wasser sehr sauber.“ Zwei Mal in der Woche komme er her, um für eineinhalb Stunden seine Bahnen zu schwimmen. „Danach brauche ich noch eineinhalb Stunden für duschen, eincremen und stylen.“

          Tief braun von einem Brasilienurlaub liegt er neben der Wasserrutsche auf den von der Sonne erwärmten blauen Tartan-Fließen. Keiner rutscht. Niemand sonnt sich auf der Liegewiese, die so frisch aussieht, dass man sich nicht traut, sie zu betreten. Zwanzig andere Gäste ziehen ihre Bahnen.

          „Beim Schwimmen wird einem warm“

          „Passen sie auf, dass sich das Kind keine Lungenentzündung holt“, ruft Curt einer Frau zu, die mit ihrem kleinen Jungen an ihm vorbei läuft. Für Kinder sei dieses Wetter noch nichts. Der fünfjährige Eredon will nicht warten und klettert mit seiner Mutter ins Becken. Für eine Woche waren die beiden in Deutschland und wollten unbedingt ein deutsches Freibad sehen. In Bischkek, der kirgisischen Hauptstadt, in der sie leben, ist der Eintritt in Schwimmbäder teuer. Die ganze Zeit während ihres Besuches haben sie auf besseres Wetter gewartet - vergeblich. In vier Stunden geht ihr Flieger und nun ist es ihre letzte Chance.

          Eredon ist im flachen Teil des Beckens. Er boxt mehrmals hintereinander ins Wasser, um seine Mutter nass zu spritzen. Der Rettungsschwimmer läuft im langen Trainingsanzug mit Windjacke darüber vorbei. Nun will auch Pensionär Curt schwimmen. Er steigt die Treppen ins Schwimmbecken hinab, ballt die Fäuste, schüttelt die Schultern. „Beim Schwimmen wird einem warm“, sagt er. Wie kalt es draußen ist, merkt der kleine Eredon als er das Wasser verlässt. Schnell wickelt seine Mutter ihm ein Handtuch um den Kopf, mit einem weiteren umwickelt sie seinen Körper. Gebückt tippelt er in Badelatschen zu den Umkleidekabinen.

          Geburtstags-Gesellschaften wollen kommen

          Auf dem Minigolfplatz an der Nidda ist es nicht wärmer. Die dunkle Wolkendecke reißt immer wieder auf und Sonnenstrahlen scheinen durch die Lücken. Fängt es gleich an zu regnen? Für Rudi Straßheimer ist das entscheidend: „Wenn die Bahnen nass sind, macht das Spielen keinen Spaß“, sagt der Inhaber der Anlage in Heddernheim. Zwei Mütter und ihre Kinder haben sich trotzdem auf den Platz gewagt. Eingepackt in Regenjacken schlagen sie die Bälle über die Bahnen.

          Straßheimer erwartet noch zwei Geburtstags-Gesellschaften. Sie wollen auf der Anlage feiern und picknicken. „Eigentlich hatten sich noch zwei Gruppen angemeldet. Aber die haben wieder abgesagt. Ihnen ist das Wetter zu unsicher“, sagt Straßheimer. Natürlich habe er Einbußen wegen des Wetters. Doch zum Glück könne er von seiner Rente gut leben. Der Siebzigjährige und seine Frau führen den Minigolfplatz seit gut vierzig Jahren. Eigentlich ist die Anlage am Nidda-Ufer ein riesiger Garten mit 18 Minigolf-Bahnen. Ein Thuja-Baum thront in der Mitte, am Eingang stehen Stiefmütterchen und Hortensien. Es duftet nach Gras, Straßheimer hat am Morgen den Rasen gemäht.

          Kaum jemand in der Äpfelweinkneipe

          Mehr als 100 Menschen könnten gleichzeitig auf dem Platz spielen, sagt er. „Pfingstsonntag war bisher der einzige Tag in diesem Jahr, an dem so viele Leute gekommen sind.“ An einen ähnlich schlechten Saisonstart könne er sich nicht erinnern. Auch bei Regen und Kälte müsse er regelmäßig die gut acht Kilometer von seinem Wohnort Steinbach nach Heddernheim fahren, um zu schauen, ob alles in Ordnung sei. Wenn Besucher kommen, steht er im Kiosk, teilt Golfschläger aus und verkauft Eis. Familien mit Kindern seien die häufigsten Kunden. „Die meisten kommen nur bei gutem Wetter. Wenn es regnet, gehen sie lieber unters Dach.“ Das nehme er ihnen nicht übel, sagt Straßheimer. Auch er sei lieber bei Sonnenschein auf dem Platz.

          Der Mangel an Sonne trifft den Affentorplatz in Sachsenhausen mindestens genauso hart. An den Tischen, die drei Äpfelweinkneipen rund um den Affen-Brunnen aufgestellt haben, hätten mehr als 400 Leute Platz; allein vor der Affentor-Schänke könnten 110 Gäste sitzen. Außer ein paar Zimmerern, die hier ihre Mittagspause verbringen, und einem Koblenzer Touristenpaar, das mit zwei Stockschirmen nach Sachsenhausen gekommen ist, um Äpfelwein zu probieren, ist niemand da.

          30 Prozent weniger Umsatz

          Durch das Wetter zur Schicksalsgemeinschaft verbunden, kommen die Gäste schnell ins Gespräch. Nach zwanzig Minuten aber haben die Touristen genug von der nassen Kälte, die langsam den Körper hochkriecht. Die Zimmerer, die vor allem draußen sitzen, weil sie gerne rauchen, sind das Wetter gewohnt und bleiben. Im Gegensatz zur Baustelle, habe man hier immerhin einen Schirm über dem Kopf, sagen sie.

          „Draußen sitzt jetzt nur der harte Kern“, sagt Silia Koludrovič, die seit zehn Jahren in der Affentor-Schänke kellnert. Aber auch in der Gaststube ist nicht viel los. An den 110 Plätzen drinnen sitzt nur ein halbes Dutzend Stammgäste bei Leberknödelsuppe und Seelachsfilet mit Kartoffelsalat. „Das liegt an den wenigen Parkmöglichkeiten in Sachsenhausen“, meint Koludrovič. Viele würden zu Fuß oder mit der S-Bahn kommen und blieben bei Regen dann lieber zu Hause. „Normalerweise sind wir zu viert in der Küche und zu dritt in der Stube. Heute machen wir das zu zweit“, sagt Koludrovič. Es gebe einfach nicht genug Arbeit.

          „Das Wetter ist für die Äpfelweinwirte mit Sommergarten eine Katastrophe“, sagt Peter Häfner, Vorsitzender der Vereinigung der Äpfelweinwirte, der das Gasthaus „Zum Löwen“ in Sossenheim betreibt. Im Vergleich zum vorigen Jahr, habe man im Mai 30 Prozent weniger Umsatz erwirtschaftet, meint er. „Das holen Sie nicht mehr auf. Und an den Juni mag ich gar nicht denken.“

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