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Veröffentlicht: 04.12.2012, 19:46 Uhr

„about blank“ in der Kunsthalle Darmstadt Monumentaler Rahmen für das Nichts

Die aktuelle Ausstellung „about blank“ in der Kunsthalle Darmstadt präsentiert vier Bildhauer, deren Arbeiten sich mit der Leere beschäftigen und bisweilen doch mühelos ganze Räume füllen.

von Katinka Fischer, Darmstadt

Der Vanitas-Begriff der Gegenwart entsteht im Internet und heißt „about blank“. Die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt heißt wie das leere Dokument, das nach dem Einwählen ins weltweite Netz auf dem Monitor erscheint. Ein wenig führt der Titel in die Irre, weil er an Kunst denken lässt, die sich mit der digitalisierten Welt auseinandersetzt, an die flache Leere einer immer stärker durch Bildschirme geprägten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Aber es geht um Leere im skulpturalen Sinn, um Leere im Raum.

Kunsthallendirektor Peter Joch hat dafür vier Bildhauer ausgewählt, in deren Arbeiten Leere aufmerksam macht auf etwas, das fehlt, also vom Verschwinden handelt. Nicht nur im Hinblick auf schiere Größe ragt Gregor Gaida hervor. Der hölzerne Bilderrahmen, den der 1975 geborene, heute in Bremen lebende Pole geschaffen hat, dominiert den zentralen Saal des Ausstellungshauses. So hoch wie die Wand und so dick wie eine Mauer rahmt er doch nur das Nichts. Auf diese Weise wird der Rahmen selbst zum Objekt, aus dessen Ecken Steine werfende Anarchos wachsen und nach guter Künstlersitte einen alten Kunstbegriff zertrümmern. Dazu passt das akribisch bearbeitete, aber rohe Holz, das wiederum mit der spätbarocken Opulenz des Dekors kontrastiert.

Groteske Form für Militarismus

Überhaupt ist Holz Gaidas Material. Auch die Reichstagsfiale hat er daraus nachgebaut. Damit spielt er auf das berühmte als Montage entlarvte Foto an, das russische Soldaten bei Kriegsende zeigt, wie sie die rote Fahne in das Krönchen des Regierungssitzes stecken. Die triumphale Geste war hohl. Aus dem gewohnten Zusammenhang herausgelöst, wird Gaidas Objekt zu einem von aller Ikonographie befreiten Etwas. Denkmäler vom Sockel zu holen und Pathosformeln zu entlarven als das, was sie sind, formelhaft nämlich, ist Gaidas Methode. Er gibt Reiterstandbildern und damit jeglichem Militarismus groteske Form, versieht Krieger mit dem Anstrich bröckelnder Statuen, neutralisiert Flaggen und ist mit einem amputierten (befremdlicherweise in SEK-Montur steckenden) Renaissance-Körper auch formal nicht weit entfernt von seiner Nachbarin Magdalena Abakanovic, deren bei weitem nicht so voluminösen Arbeiten sich neben Gaidas Monumentalität aber behaupten.

Ähnlich akribisch untersuchen diese aus Fiberglas modellierten, oft wie abgeformt wirkenden und mit Jute ummantelten Gliedmaßen die Figur. Das teilt auch der Titel der vielteiligen, installativ im Raum verteilten Gruppe mit: „Anatomy“. Die „povere“ Anmutung der Plastiken setzt sich in den Holzbohlen fort, die als Sockel dienen und die Körper-Fragmente damit zugleich zu autonomen Skulpturen erheben. So spielt die renommierte Künstlerin, die 1930 geboren wurde und in Warschau lebt, einerseits mit Musealität, andererseits wirken die Körperteile eben nicht nur wie Fragmente eines einstigen oder noch unfertigen Ganzen, sondern gewaltsam abgerissen.

Knallkörper zwischen Stahlplatten

An ein gigantisches Spitzendeckchen erinnert das Motiv, das Heike Weber mit Silikon auf ein flaches blaues Podest „gezeichnet“ hat. Tatsächlich aber haben die Künstlerin Muster orientalischer Teppiche inspiriert. Oft sind in solche vermeintlich allein dem dekorativen Zweck dienenden Gebrauchsgegenstände politische Botschaften in Form von Panzern oder Waffen eingewebt. Diesen durch seine filigrane, ästhetische Hülle gut getarnten Gedanken schleust Webers Teppich jetzt in den Ausstellungsraum ein.

Die 1971 geborene Städel-Schülerin Sandra Kranich schließlich kehrt den Vanitas-Begriff um und bewahrt etwas so Vergängliches wie ein Feuerwerk vor dem Verschwinden. Sie hat Knallkörper zwischen zwei Stahlplatten gesteckt und entzündet. Was bleibt, sind die Brand- und Schmauchspuren, die die Explosion auf die glänzende Oberfläche „gemalt“ hat. Nun überwuchern sie die kühl konstruktiven Formen, die die Künstlerin aus den Platten ausgeschnitten hat. Während diese Arbeiten die Grenzen zwischen Tafelbild und Objekt ausloten, sind Kranichs abgefackelte und zu Blöcken gepresste Feuerwerkskörper eindeutiger skulptural, aber freilich auch das Ergebnis einer Performance, einer Inszenierung und programmatisch für die ganze Ausstellung. Deren Exponate weisen alle Merkmale klassischer Bildhauerei auf und sind doch brisante Themen vermittelnde Konzeptkunst.

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Die Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, dauert bis zum 3. März und ist dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.

 

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