Home
http://www.faz.net/-gzg-t1j1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ABC des Radsport Haare ab! Helden fahren unten ohne

21.07.2006 ·  Ich habe den Eindruck, daß ich als Freizeit-Rennradler nicht ernst genommen werde ohne rasierte Beine. Soll ich mich diesem Zwang widersetzen, wie mein Schwager rät, oder doch zum Rasierer greifen?

Von Michael Eder
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ich habe den Eindruck, daß ich als Freizeit-Rennradler nicht ernst genommen werde ohne rasierte Beine. Soll ich mich diesem Zwang widersetzen, wie mein Schwager rät, oder doch zum Rasierer greifen?

Lieber Leser, in aller Deutlichkeit: Die Haare müssen ab! Aber vorneweg: Kennen Sie Holly? Walk On The Wild Side? Wo Lou Reed singt: „Holly ...shaved her legs and then he was a she.“ Das gilt nicht im Radsport, da fahren Sie mit rasierten Beinen nicht automatisch in der Transvestitenwertung, ganz im Gegenteil: Nur mit rasierten Beinen werden Sie in der Szene als Held der Landstraße, als harter Hund, akzeptiert. Nur so gehören Sie dazu.

Achten Sie auf den Zeitvorteil!

Allerdings ist nicht zu bestreiten, daß die Beinrasur ziemlich dämlich ist. Deshalb liegt die Schwierigkeit in der Außendarstellung: Sie brauchen eine halbwegs vernünftig klingende Begründung und sollten auf Zwischenfälle vorbereitet sein. Wenn zum Beispiel Ihr zwölfjähriger Sohn Sie im Bad antrifft, während Sie sich gerade mit einem Damenrasierer die Haare vom Oberschenkel schaben, kann es passieren, daß der Kleine zeitnah fragt, was das Wort pervers bedeutet. Überhören Sie dies, und verweisen Sie auf den preisgekrönten Film „Höllentour“ von Pepe Danquart, in dessen eindrucksvollster Szene sich Radprofi Rolf Aldag in der Badewanne die Haare von den sonnenverkohlten Beinchen rasiert. So machen das Profis. Aber warum machen es Amateure? Wobei Amateure schon übertrieben ist. Freizeitsportler träfe die Sache eher, oder Möchtegernsportler, das wäre vielleicht das richtige Wort.

Sie können versuchen, mit Gewichtsersparnis zu argumentieren. Ordentlichen Haarwuchs vorausgesetzt, kann das Beinfell schon mal zehn Gramm ausmachen, und jeder weiß, was Gewicht beim Radeln, vor allem beim Bergfahren, bedeutet. Nicht umsonst kaufen Radler für viel Geld federleichte Teile aus Carbon, mit denen sie ihr Rad bestücken, nicht ohne Grund bohren sie Löcher in die Bremskörper, um ein paar Gramm zu sparen. Zehn Gramm sind eine ganze Menge, bei den dreizehn Kilometern hinauf nach Alpe d'Huez macht das schnell mal eine Hundertstelsekunde aus. 1:15,15 statt 1:15,16 Stunden, das sind Unterschiede. Sollte diese Argumentation nicht ganz einleuchten, so benutzen Sie das Wort Aerodynamik, das meist großen Eindruck hinterläßt.

Häßliche Haarverklebungen in den Wunden

Erwähnen Sie, daß babyglatt rasierte Haut den Luftwiderstandsbeiwert exponentiell verbessert. Grund: keine Luftverwirbelungen mehr durch Flatterhaare. Das bringt vor allem bei hohem Tempo wertvolle Zehntelsekunden, etwa bei langen Einzelzeitfahren. Weil Sie jedoch weder lange Einzelzeitfahren bestreiten noch jemals mit etwas unterwegs sind, was man höheres Tempo nennen könnte, mag auch der Hinweis auf die Aerodynamik nicht jeden Zweifler in Ihrem Familienkreis überzeugen. Dann hilft nur noch eines: Argumentieren Sie medizinisch: Gesundheit duldet keinen Widerspruch. Glatte Beine wirken Haarwurzelentzündungen entgegen, die nach der abendlichen Massage auftreten können. Massiert werden allerdings wieder nur Profis, hilft also auch nicht weiter.

Aber - aufgepaßt, jetzt kommt's: Nach Stürzen verhindert die Rasur häßliche Haarverklebungen in den Wunden. In ihnen genügen die kleinen Steinchen, die als Erinnerung von der Straße bleiben und die ein Profi mit der Stahlbürste unter der Dusche zu entfernen pflegt. Ja, die Radler, das sind beinharte Burschen, und wer einer sein will von ihnen, der muß nicht schnell fahren können und auch nicht gut, er muß nur eines haben, damit man ihn erkennen kann: sauber rasierte Beine. Und wer weiß: Vielleicht hat damals Lou Reed ja auch nur ein bißchen was verwechselt, vielleicht war Holly gar kein Transvestit, sondern bloß - ein Radler, ein Rennradler.

Quelle: F.A.Z., 22.07.2006, Nr. 168 / Seite 77
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr