Die Vorfreude steigt. „Zieleinlauf am Kurhaus - das ist großes Kino.“ Kai Walter, neben Rolf Aldag einer der beiden Renndirektoren des Wiesbadener Ironmanrennens über die Halbdistanz, geriet am Montag geradezu ins Schwärmen, als er über den Stand der Vorbereitungen für den 70.3 genannten Wettkampf über 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen berichtete. Zum sechsten Mal schon kommen die Triathleten in die hessische Landeshauptstadt. Zum dritten Mal kann der Ausrichter mit dem Pfund einer Europameisterschaft wuchern. Passend dazu scheinen auch die Rahmenbedingungen zu stimmen. Mehr als 2200 Ausdauerspezialisten aus fünfzig Nationen werden sich am Sonntag morgen von 7.30 Uhr an in verschiedenen Startgruppen schwimmend durch den Raunheimer Waldsee kämpfen, ehe es mit dem Rennrad auf die höchst selektive Strecke durch Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis geht. Zum guten Schluss wartet dann in der Innenstadt und im Kurpark ein Laufkurs, der viermal absolviert werden muss. Nach gut vier Stunden ist der ganze Spuk vorbei - allerdings nur für die Schnellsten im Feld. Das werden traditionell die Athleten sein, die mit dem Triathlon ihr Geld verdienen. Titelverteidiger Andreas Böcherer beispielsweise. Oder Herausforderer Michael Raelert, der zweimalige Weltmeister im Ironman 70.3. Thomas Hellriegel, dem Altmeister des Triathlons, dürfte es eher verwehrt bleiben, sich am Sonntag zur Mittagszeit mit dem Titel Europameister dekorieren zu lassen.
Der jüngere Bruder steht im Fokus
Trotzdem genießt der 41 Jahre alte Badener allerhöchsten Respekt. 1997 war er der erste Deutsche, der beim Klassiker auf Hawaii siegte. Im Vorjahr überquerte er als Achter nach 4:24:51 Stunden den Zielkanal vor dem Kurhaus. Sieger Böcherer benötigte 4:08:36 Stunden. „Die Radstrecke war sehr, sehr schwer“, sagte Hellriegel damals. „Einer Europameisterschaft absolut würdig.“ Genau das richtige also für ein abermaliges Comeback. Überhaupt: Wiesbaden hat sich in kurzer Zeit einen respektablen Ruf erarbeitet. Auch deshalb kommt Natascha Badmann aus der Schweiz nach Hessen. Die sechsmalige Hawaii-Siegerin will es im fortgeschrittenen Triathlonalter von 45 noch einmal wissen. Seit Wochenbeginn steht fest, dass ihr mit Yvonne van Vlerken eine Konkurrentin weniger entgegentritt. Die Holländerin klagt über Rückenprobleme und kann kein Fahrrad fahren.
Michael Raelert kann dies sehr wohl. Der jüngere der beiden Raelert-Brüder, die weiter ihren Traum von einem gemeinsamen Zieleinlauf auf Hawaii leben, steht besonders im Fokus. Der Champion von 2010 will nicht nur Widersacher Böcherer hinter sich lassen. Er muss auch noch bis zum Abrechnungstermin am 27. August ein paar Punkte für das ultimative Langstreckenrennen im Pazifik sammeln. Während Andreas Raelert fest mit Hawaii planen kann, gehört Michael Raelert noch nicht zu den Auserwählten. Der Freiburger Böcherer übrigens auch nicht. Deshalb wird der Titelverteidiger von Wiesbaden auf dem angestrebten Weg in die Vereinigten Staaten einen Stopp in Schweden einlegen. Ziel ist Kalmar, Schauplatz des Ironman am 19. August. Gut möglich, dass auch Raelert dort noch hin muss. Zuvor aber soll es „großes Kino“ geben: am Sonntag vor dem Wiesbadener Kurhaus.