Die angekündigte Stellenstreichung bei Karstadt wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Dependancen in Frankfurt und Darmstadt treffen. In welchem Umfang, ist noch offen. Wie Johann Rösch, Bundesfachbereichsleiter Handel der Gewerkschaft Verdi und Mitglied des Karstadt-Aufsichtsrates, am Dienstag dieser Zeitung sagte, stehen die beiden Standorte auf einer Liste von 15 Häusern, in denen die Unternehmensleitung einen zu geringen Umsatz im Vergleich zu den Personalkosten ausgemacht hat.
Wie berichtet, sollen bei Karstadt 2000 von insgesamt 18.000 Vollzeitstellen wegfallen. Diese Stellen verteilen sich auf 24.000 Beschäftigte, weil im Handel vergleichsweise viele Frauen und Männer in Teilzeit arbeiten. Alles in allem betreibt Karstadt derzeit noch 86 Warenhäuser, 28 Sporthäuser, drei sogenannte Premiumhäuser und den Online-Shop Karstadt.de.
Nicht ganz überraschend
Rösch forderte die Unternehmensleitung dazu auf, die Unsicherheit für die Belegschaft so rasch wie möglich zu beenden. Er hoffe, dass innerhalb der nächsten beiden Wochen konkrete Aussagen getroffen würden. Von Karstadt war gestern keine Stellungnahme zu bekommen.
Für Horst Gobrecht kam die Ankündigung, dass im Verlauf der nächsten zweieinhalb Jahre diese 2000 Stellen gestrichen werden sollen, nicht ganz überraschend. Der Gewerkschafter, der für Verdi in Südhessen den Handel betreut, berichtete gestern, dass er schon vor einem Jahr bei Verhandlungen aus den Reihen der Unternehmensleitung ziemlich unmissverständlich die Ankündigung zu hören bekommen habe, dass es nach dem Auslaufen des Sanierungstarifvertrags zum 1.September dieses Jahres einen Stellenabbau bei Karstadt geben werde. „Aus Sicht des Unternehmens ist nun der Bremsklotz weg, der einen Abbau verhinderte“, sagte Gobrecht weiter. Dass der Vorsitzende der Geschäftsführung von Karstadt, Andrew Jennings, in dieser Zeitung von größtmöglicher Verantwortung und Sozialverträglichkeit sprach, beruhigt Gobrecht nicht. Vor allem deshalb nicht, weil er von Mitarbeitern der Karstadt-Dependancen, die in seinem Zuständigkeitsbereich liegen, wisse, dass schon heute die Personaldecke sehr dünn sei. „Die Frauen und Männer ächzen unter der Last, weil zu wenig Leute auf der Fläche sind“, berichtete Gobrecht.
Von „Boulevard plus“ war die Rede
Ist also der kunstsinnige und als sozial eingestellter Retter der Warenhauskette gefeierte Investor Nicolas Berggruen doch nicht so sehr anders als andere Finanzinvestoren? „Auch Berggruen will Rendite sehen - und zwar ziemlich schnell“, antwortete Gobrecht auf diese Frage. Und das einfachste Rezept der einschlägigen Beratungsunternehmen sei immer, Arbeitsplätze abzubauen, um so die Kosten zu reduzieren. Das schlage sich dann rasch und auf den ersten Blick günstig in den Zahlen nieder. Wie Gobrecht allerdings weiter berichtete, führe eine zu dünne Personaldecke schon jetzt dazu, dass Kunden immer öfter Karstadt unverrichteter Dinge wieder verließen, weil nicht genug Personal für eine Beratung der Kundschaft vorhanden sei.
In Rhein-Main ist schon im März eine Karstadt-Dependance ganz verschwunden, die am Hanauer Freiheitsplatz. 1929 war das inzwischen niedergelegte Gebäude als Kaufhaus Wronker eröffnet worden, später hieß es Kaufhaus Hansa. Nach dem Zweiten Weltkrieg firmierte es für Jahrzehnte als Filiale des Hertie-Konzerns. Von der Frankfurter Dependance auf der Zeil hieß es sogar einige Zeit lang, sie solle eine Art kleines KaDeWe werden und in die Premium-Riege der Karstadt-Warenhäuser aufrücken, neben dem Alsterhaus in Hamburg, dem echten KaDeWe in Berlin und dem Oberpollinger in München.
Von diesen Plänen war die Karstadt-Unternehmensleitung allerdings schon abgerückt, lange bevor seinerzeit die Karstadtmutter Arcandor in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet und vor drei Jahren dann insolvent wurde. Das Haus werde so am Markt ausgerichtet, dass der größtmögliche Ertrag zu erwarten sei, hatte es damals geheißen. Und von einem „Boulevard plus“ genannten Standard war intern die Rede, der das Haus auf das Niveau der Frankfurter Dependance der Galeria Kaufhof hieven sollte.