15.09.2005 · In der "Guten Stute" geht keiner gerne zum Bezahlen. Denn dann greift Ivo, der Wirt, unter seinen Tresen und zaubert zwei Flaschen hervor. In der einen bewahrt er Kruscovac auf, einen Birnenlikör aus Jugoslawien, in der anderen hält er Slivovitz bereit, einen herben Obstschnaps.
In der "Guten Stute" geht keiner gerne zum Bezahlen. Denn dann greift Ivo, der Wirt, unter seinen Tresen und zaubert zwei Flaschen hervor. In der einen bewahrt er Kruscovac auf, einen Birnenlikör aus Jugoslawien, in der anderen hält er Slivovitz bereit, einen herben Obstschnaps. Aus beiden Flaschen schüttet Ivo Flüssigkeit in ein Gefäß, das aussieht wie Asterix' Zaubertrankpulle. Das Gebräu reicht er dem scheidenden Gast, der es schnell hinunterkippt.
Wer Stunden zuvor die Souterrain-Kneipe im Gallusviertel betreten hat, ist an einem braunen Pferd vorbeigekommen, das Ivo, gerade 67 geworden und seit 36 Jahren in Frankfurt, vor langer Zeit auf dem Flohmarkt in Sachsenhausen erstanden hat. "Dachte, das wäre eine Attraktion", sagt der Mann mit dem schütteren Haarkranz, der in seinen weißen Hosen und dem weißen T-Shirt auch gut als Pflegekraft in einem Krankenhaus anfangen könnte. 4000 Mark soll die ausgestopfte Stute gekostet haben. Sie ist lebensgroß. Geht man an ihr vorbei, wiehert sie.
An den Wänden hängen Hufeisen jeder Größe, auf einem Holzgeländer liegt ein Plüschpony, und Ivos Gäste haben in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Postkarten mit barbusigen Damen geschickt, sondern auch Urlaubsgrüße mit Fohlen, Stuten und Hengsten auf der Vorderseite. Einem Stammgast soll Ivo - in Bosnien geboren, in Kroatien aufgewachsen - verraten haben, Pferde seien die besseren Menschen. Aber das ist Legende.
Am ersten Donnerstag im Monat ist es besonders schön in der "Stute". Dann legen Diskjockeys auf, die so vielversprechende Namen tragen wie "Gallus Günther" und "Daniel LS". Sie sind eine willkommene Abwechslung zum Programm von Antenne Bayern, das sonst aus dem Radio hinter dem Tresen dudelt. An solchen Abenden ist der Laden gut gefüllt, Ivo wuselt umher, schaut nach dem Rechten und überrascht seine Besucher mit einer halbvollen Tüte Erdnußflips der Marke "Ja". An manchen Samstagen hingegen unterhält er sich den ganzen Abend lang mit den einzigen beiden Gästen über Fußball.
Wann die "Gute Stute" öffnet, hängt von Ivos Laune ab. Alltags bittet er meistens gegen 15 Uhr in sein Lokal, samstags und sonntags gerne später. "Mann, war wieder ganzen Tag faul", sagt er dann, wenn er abends öffnet. Zur Speisekarte ist nicht viel zu sagen: Es gibt keine. Rindswurst macht Ivo auf Wunsch warm. Wenn auch ungern, denn das bedeutet "viel Arbeit". Ob der Rotwein zu empfehlen ist, bleibt umstritten seit dieser Geschichte vor ein paar Jahren. Damals soll Ivo einem Stammgast ein Fläschchen zu Weihnachten geschenkt haben. Als dem die Flasche zu Boden fiel, soll sie heil geblieben sein.
Den Kopf voll mit solch schönen Geschichten, verläßt man die Kneipe, das Gebräu im Blut, die Stute im Blick. Und Ivo steht hinter seiner Theke, einem überdimensionalen Holzfaß, und sagt: "Komm bloß nicht wieder."
TOBIAS RÖSMANN
("Gute Stute", Kölner Straße 42, Gallusviertel, Telefon 7 30 68 14, Internet www.gute-stute.com. Geöffnet montags bis freitags meistens von 15 Uhr an, samstags und sonntags meistens von 18 Uhr an.)