Originalität ist einer seiner Wesenszüge. Auf Anhieb macht sich das an der Tür des renommierten Medizinprofessors bemerkbar, wo anstelle des üblichen Schildes mit Titel und Namen das Foto eines Ortsschildes hängt mit der Aufschrift: "Usadel, Landkreis Mecklenburg-Strelitz". Das kleine Bild ist ein Geschenk von Patienten, bei denen Klaus-Henning Usadel weit über die Grenzen der Region hinaus als Spezialist für Hormone, Diabetologie und Stoffwechsel-Erkrankungen bekannt ist - was freilich überhaupt nicht mit dem gleichnamigen Kreis zusammenhängt.
Die Endokrinologie ist für den kürzlich in den Ruhestand verabschiedeten Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums das "integrativste medizinische Fach". Denn ohne Hormone funktioniere im Organismus nichts. Im Endokrinologikum, einem ambulanten Zentrum in Frankfurt, hat der 1939 geborene Sohn eines ordentlichen Professors für Chirurgie auch schon eine neue Wirkungsstätte gefunden und bleibt den Patienten somit treu.
Bei aller Wertschätzung der hochspezialisierten Medizin ist Usadel an einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen gelegen. Noch bevor sich der Arzt für innere Medizin daher in dicke Krankenakten vertieft und seine Patienten untersucht, redet er ausgiebig mit ihnen. Von den Auswirkungen der Seele auf den Körper ist der gebürtige Tübinger, der sich mit diesen Zusammenhängen auch in seiner Freizeit intensiv befaßt, fest überzeugt.
Sein wissenschaftliches Interesse gilt besonders immunologischen Zusammenhängen bei der Entstehung von "Zucker" und Schilddrüsenerkrankungen sowie dafür wichtigen molekulargenetischen Risikomarkern. Dahinter steht das Bestreben, die Leiden früher zu erkennen und die Therapie weiter zu verbessern. Usadel hat sieben Schulungsstationen für Diabetiker in Hessen mit auf den Weg gebracht und ist Mitherausgeber des deutschsprachigen Standardwerks "Diabetologie in Klinik und Praxis". Für seine zahlreichen medizinischen Leistungen wurde der Vater von zwei erwachsenen Söhnen 2002 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
Dabei hatte die Medizin als Studienfach durchaus eine ernsthafte Konkurrenz. Er habe sich lange Gedanken darüber gemacht, ob er nicht Berufsmusiker werden sollte. Doch um mit der Musik Geld zu verdienen, müsse man sich am Geschmack des Publikums orientieren. "So aber spiele ich die Musik, die ich mag", sagt Usadel, der als Kontrabassist oft mit internationalen Jazz-Größen wie seinem Freund Albert Mangelsdorff auf der Bühne stand. Auf guten Geschmack legte Usadel als angehender Mediziner in Tübingen und Bonn noch in anderer Hinsicht wert: Weil ihm das Essen in der Mensa so gar nicht schmeckte, kochte er täglich für sich selbst. Seitdem hat er das Kochen perfektioniert. Davon zeugt neben der Freundschaft mit Spitzenkoch Johann Lafer eine Bemerkung des Universitätspräsidenten Rudolf Steinberg, dem es nach eigenen Worten etwas peinlich war, Usadel einmal zum Zwiebelkuchen eingeladen zu haben.
BRIGITTE ROTH

