Wie viele Künstlerverträge Fritz Dietrich in seinem langen Leben abgeschlossen hat? Es dürften gut 45000 gewesen sein. Wie viele Konzerte er organisiert hat? Das kann Deutschlands dienstältester Klassik-Veranstalter, der seit mehr als einem halben Jahrhundert die nach ihm benannte "Konzertdirektion Fritz Dietrich" leitet, beim besten Willen nicht sagen. Aber er kann sich an sein erstes Konzert erinnern: Mitten im totalen Krieg, am Totensonntag des Jahres 1944, hat es stattgefunden, im Dom zu Schleswig. Bach stand auf dem Programm, was sonst, Kantaten des verehrten Meisters. Bach war schon immer der Leitstern Dietrichs, damals des Fähnrichs Dietrich, der an der Marinekriegsschule in Schleswig diente, dessen Herz aber der Musik gehörte.
Ein Jahr später hat Dietrich wieder ein Totensonntagskonzert ausgerichtet, diesmal in seiner Heimatstadt Hamburg, in der Kirche in Langenhorn. Und weil er sich dafür eine Lizenz der englischen Besatzungsmacht hatte besorgen müssen, datiert dieser 21. November 1945 als Geburtstag seiner Agentur. Nach Frankfurt hat es Dietrich wegen Kurt Thomas verschlagen, des berühmten Kirchenmusikers, den er bei Rundfunkaufnahmen beim Nordwestdeutschen Rundfunk kennengelernt und dessen Management er im Folgenden übernahm. Erst im Nebenberuf - Dietrich war bei der Spedition Schenker angestellt und arbeitete später als selbständiger Vertreter mehrerer Seehäfen -, danach als Vollzeit-Impresario, der die gesamten Konzertreisen von Thomas und seiner Dreikönigskantorei etwa nach Frankreich oder Spanien verantwortete.
Fast achtzig Jahre alt - und immer noch ein Tausendsassa. Fritz Dietrich ist weiterhin nicht zu bremsen, wenn es um seine Künstler geht. Gestern erst hat er einen Saal begutachtet, danach einem Vorsingen beigewohnt, später mit einem Veranstalter einen Vertrag abgeschlossen. So geht das immer. Das ganze erweiterte Rhein-Main-Gebiet ist sein Revier, immer ist Dietrich auf Achse, macht häufig auch Abstecher nach Thüringen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz. Wen hat er in den vielen Jahren nicht alles als Agent vertreten oder als Veranstalter zu einem Konzert geholt: die Pianisten Wilhelm Kempff und Elly Ney, die Sänger Fritz Wunderlich, Hermann Prey, Dietrich Fischer-Dieskau, Agnes Giebel, die Dirigenten Karl Böhm und Wolfgang Sawallisch, den Gitarristen Andres Segovia, den Cellisten Pierre Fournier, faktisch alle großen Musiker der älteren Generation.
Und was Dietrich alles ins Leben gerufen oder mitinitiiert hat! Die Bachwoche Ansbach zum Beispiel. Dort hat er den Bankier Hermann Josef Abs kennengelernt, und der hat ihn eines Tages beiseite genommen und ihm gesagt: "Ich baue einen Saal." Dietrich organisierte daraufhin in der Deutschen Bank die Frankfurter Bachkonzerte. Vertraut haben ihm auch Politiker: Adenauer, Erhard, Helmut Schmidt. Er hat für manchen ihrer Empfänge die Musik organisiert. Schmidt etwa ließ ihn regelmäßig Konzerte im Kanzleramt ausrichten.
Aufhören? Kommt für Dietrich nicht in Frage. Gewiß: Tochter Susanne ist seit vielen Jahren in der Konzertdirektion tätig, wird auch einmal seine Nachfolge antreten. Doch weiterhin gilt: Vertragsverhandlungen, Konzerte, Vorsingen, von einem Termin zum anderen: "Das ist mein Leben", sagt Dietrich. Hans Riebsamen

