„Erotik hat nichts mit Aussehen zu tun, man muss mit sich selbst übereinstimmen.“ Doris Lerche weiß, wovon sie spricht. Immerhin kennt sie „21 Gründe, warum eine Frau mit einem Mann schläft“, und „19 Gründe, warum ein Mann mit einer Frau schläft“, wie ihre beiden gleichnamigen Bücher beweisen. Seit Jahren hält sie die Frankfurter mit erotischen Grotesken bei Laune. Gleich ihr erster Cartoon-Band „Du streichelst mich nie“ wurde 1980 zum Kultbuch, ihre Geschichten unter dem Titel „Die Unschuld verlieren“ avancierten vier Jahre später zum Bestseller. Mit ihren Bühnenprogrammen, etwa im Stalburg Theater, tröstet sie so manchen über die ganz allnächtlichen Schlappen hinweg: „Man kann mit Liebe einander heilen oder aneinander scheitern“, sagt sie; und: „Alle Varianten des Scheiterns interessieren mich.“
So outet sich nur eine Satirikerin. Wissend lächelt Doris Lerche über das ganze Gesicht, während sie in der hellen Wohnküche ihrer Dreier-WG den Tee aufsetzt. Seit 1985 lebt die Autorin, die jeder schon von weiten an ihrer schwarzen Baskenmütze erkennt, in diesem berühmten Altbau des Ostends. Hier, in der Uhlandstraße 21, hatte Bordellbesitzer Dieter Engler damals eine Heimstatt für Frankfurter Schriftsteller eingerichtet. Gemeinsam mit ihrem früheren Lebensgefährten, dem Autor Peter Zingler, und mit dem Segen des damaligen Darmstädter Akademiepräsidenten Herbert Heckmann gründete Doris Lerche die „Romanfabrik“, die in der Kellerkneipe des Hauses logierte, bevor sie in die Hanauer Landstraße zog.
„Sex & Satire“ im Sinkkasten
Wer so viel von Liebe weiß, darf keine Angst haben. Ihr erstes Abenteuer erlebte Doris Lerche im zarten Alter von drei Wochen, als ihre Mutter mit ihr im März 1945 auf einem Pferdewagen aus dem Magdeburgischen zu Bekannten in Gütersloh floh. Drei Jahre später zog die Familie nach Münster, wo sie zuerst in einer Reiterkaserne zwischen Pappwänden hauste. Hier besuchte Doris Lerche die Volksschule und machte Abitur an einem humanistischen Gymnasium. Nebenbei lernte sie Judo. Bis heute ist noch jeder Angreifer an ihr abgeprallt, sei es in Nordafrika, Afghanistan, Pakistan, Iran, Indien oder in der Frankfurter U-Bahn. Nachdem sie als Au-pair-Mädchen in London Englisch und in Paris Französisch, zudem Spanisch und Arabisch gelernt und in Münster und Frankfurt etwas Psychologie studiert hatte, traute sie sich überall hin.
Vergeblich aber suchte sie 1968 nach einer Gruppe Gleichgesinnter. Allenthalben stieß sie auf Dogmen. Nach einem Studium der Kunstpädagogik und Buchillustration, das sie unter anderem als Porträtzeichnerin auf den Frankfurter Straßen finanziert hatte, begann sie als graduierte Designerin fremde Manuskripte zu illustrieren. Das machte ihr keinen Spaß. Sie beschloss, selbst zu schreiben. Der S. Fischer Verlag gab ihr die Chance, an einer Cartoonreihe mitzuwirken. Seitdem kommen in der Erotikliteratur auch die Frauen zu Wort. Im nächsten Jahr erscheinen neue Erzählungen von Doris Lerche, für das übernächste plant sie ihren ersten Lyrikband. Bis dahin wird sie sich auch mit ihrer neuen Performance-Reihe „Sex & Satire“ im Sinkkasten etabliert haben, wo sie zweimal monatlich mit einem Gast aus der Kulturszene satirisch zur Hauptsache kommt.