27.10.2006 · Wer die letzte Einführung des Stadtschreibers im Festzelt des Berger Marktes miterlebt hat, kennt sie: Adrienne Schneider ist Mitglied der Jury, der in jedem Jahr das schwierige Kunststück gelingen muß, einen würdigen Preisträger zu finden.
Von Adolf FinkWer die letzte Einführung des Stadtschreibers im Festzelt des Berger Marktes miterlebt hat, kennt sie: Denn dort verlas sie den schönen Dankesbrief von Katharina Hacker, die in Berlin kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes steht und deshalb am Erscheinen hier gehindert war. Was legitimierte sie dazu?
Adrienne Schneider ist seit 1984, dem Tod ihres Vaters, Mitglied der Jury, der in jedem Jahr das schwierige Kunststück gelingen muß, einen würdigen Preisträger zu finden. Franz Joseph Schneider gilt mit Recht als der „Erfinder“ dieses originellen Preises, der der Stadt und ihren Bewohnern viel öffentliche Anerkennung und versteckt-offene Nachahmung eingebracht hat.
Adrienne Schneider lebt - nach einer geschiedenen Ehe - mit ihrer Mutter wieder im Elternhaus in der Marktstraße. Dort spielte die Literatur immer eine wichtige Rolle, denn der Vater ist Mitglied der legendären Gruppe 47 und darüber hinaus ein Genius der Freundschaft gewesen, so daß viele seiner schreibenden Kollegen, wann immer sie etwas in Frankfurt zu tun hatten - und das war nicht nur zur Zeit der Herbstbuchmesse der Fall -, bei ihm mit Freude einkehrten, auch um am reich gedeckten Tische Platz zu nehmen und heftige Diskussionen zu führen.
Arbeit im Suhrkamp Verlag
Doch einen gravierenden Unterschied zum gewöhnlichen Familienbetrieb gab es hier: Die Bücher wurden nie als Erzeugnisse eines unsichtbaren Urhebers, sondern, im Gegenteil, immer mit dem Autor als Einheit betrachtet; Literatur war, mit einem Wort, Teil des Lebenszusammenhangs. Übrigens verdankt Adrienne Schneider ihren Vornamen einer Lesung des Niederländers Adriaan Morrien auf einer Gruppentagung: Der Text erschien 1957 unter dem Titel „Alissa und Adrienne“ (den erstgenannten Namen verwandte Martin Walser für seine Tochter).
Als Adrienne Schneider 1976, wie ihre fünf älteren Geschwister zuvor, am humanistischen Gagern-Gymnasium Abitur gemacht hatte, wußte sie nicht, wie es weitergehen sollte: vielleicht Beschäftigungstherapeutin für Tiere? Der Schachpartner ihres Vaters, Siegfried Unseld, öffnete ihr den Suhrkamp Verlag, und dort arbeitet sie nach dreißig Jahren noch immer: zuständig für die Lesungen und die Veranstaltungen mit den Schriftstellern - immerhin neunzig Einzelgänger, für die sie sorgen muß. Als Problem ihrer speziellen Aufgabe empfindet sie, daß sie die Pflichten ihrer Positionen mit ihrer persönlichen Neigung zu Freimut und Nähe verbinden muß. Denn es ist keine Übertreibung zu sagen, daß - neben und nach dem Verleger und dem Lektor - sie die dritte Ansprechstation der Autoren ist.
Zu den Gründen für den Erfolg des Stadtschreiberpreises zählt sicherlich der freie Zugang zu den „Schneiders“, wo sich gut essen, trinken und reden läßt. Peter Rühmkorf, der 1975/76 in dem Domizil An der Oberpforte 4 wohnte, schreibt in seinem „Tabu I“ unter dem 8. März 1989: „Gegen 0 Uhr zu Schneiders nach Bergen-Enkheim ... Dann Suppe-Rindfleisch-Freundschaft, die nichts anderes wollte als Freund sein.“ Wer hier schon einmal war, kann es nur bestätigen.