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125 Jahre Frankfurter Hauptbahnhof Von eiserner Gesundheit

Der Frankfurter Hauptbahnhof wird nicht abgerissen, er wird nicht für Fernzüge untertunnelt, und das Gleisvorfeld wird nicht planiert. Vielmehr wird gefeiert, dass der Hauptbahnhof auch nach 125 Jahren bleibt, wie er ist: das perfekte Gegenstück zu Stuttgart 21.

© Cunitz, Sebastian Vergrößern Wie annodazumal: Anlässlich der 125-Jahres-Feier fuhr wieder eine Dampflok den Frankfurter Hauptbahnhof an

Ausgerechnet in Frankfurt, wo sonst alles nur auf Zeit gebaut wird. Wo die Steine der ersten Hochhäuser, Zeichen der aufstrebenden Metropole im Wirtschaftswunder, längst geschreddert sind. Wo die Innenstadt scheint wie eine Grundplatte von Lego im Kinderzimmer, auf der heute aufgebaut wird und morgen abgeräumt, dass es eine Freude ist für die Investoren und ein Schrecken für die Denkmalschützer. Ausgerechnet in dieser Stadt, von der Google Earth immer nur die Vergangenheit zeigt, deren Ansichtskarten beim Druck veraltet sind, ausgerechnet dort ruht der Hauptbahnhof, als wäre er die Sphinx im Staube Ägyptens.

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Prunkvolle Fassade, breiter Querbahnsteig, fünfschiffige Halle. Kaum jemand von denen, die heute leben, hat ihn je anders gesehen. Die letzte Erweiterung, die das Bild verändert hat, liegt 89 Jahre zurück. Damals wurden den drei großen Hallenschiffen zwei kleinere hinzugefügt, eins links, eins rechts. Und nichts deutet darauf hin, dass sich dieses Bild ändert. Zwar verlegten die Ingenieure in den siebziger Jahren für die S-Bahn vier Gleise in den Untergrund. Doch die Pläne aus der Zeit der Jahrtausendwende, Hand anzulegen an den Bau von 1888, ihn zu einem futuristischen Frankfurt 21 nach dem Vorbild Stuttgarts zu machen, mit Hochhäusern anstelle des Gleisvorfelds und einem ICE-Tunnel quer durch die Stadt, sind zu den Akten gelegt. Niemand muss auch fürchten, dass die Richtung der Gleise, die auf den Bahnhof zuführen, um 90 Grad gedreht wird, wie es in der Hauptstadt Baden-Württembergs geplant ist.

Kostspielige Verneigung

Von einem riesigen Einkaufszentrum unter dem Querbahnsteig wie in Leipzig ist in Frankfurt ebenfalls nicht die Rede. Sogar die Sorge, die Fernzüge hielten künftig nicht mehr im Hauptbahnhof, sondern auf der anderen Mainseite in Sachsenhausen, scheint gebannt. Der Südbahnhof dort liegt zwar an Frankfurts Rand, aber direkt an den Hauptachsen der Eisenbahn, was die Reisezeiten deutlich verkürzen würde. Doch wie eh und je nehmen jeden Tag Hunderte Züge auf ihrem Weg quer durch Deutschland kilometerlange Umwege, zuckeln über schmale Brücken und durch enge Kurven, nur um im Hauptbahnhof kehrtzumachen und auf dem gleichen Weg wieder hinauszuschleichen, bis sie weit hinter der Stadtgrenze endlich Fahrt aufnehmen.

Es ist eine kostspielige Verneigung vor der kleinen Weltstadt am Main, für die noch kein Lokalpolitiker den Managern der Deutschen Bahn je gedankt hat. Aber der Hauptbahnhof ist eben kein Thema im Rathaus. Er ist auch nicht Stadtgespräch. Bei Architektenkongressen wird ihm keine Sektion gewidmet, Wutbürger wissen mit ihm nichts anzufangen. Er ist einfach da, von eiserner Gesundheit, wird täglich von 350.000 Menschen durcheilt und von 2000 als Arbeitsplatz angesteuert, er wird benutzt, ohne nachzudenken. Wie ein altes Fahrrad oder ausgeleierte Jeans.

Täglich auch nach Moskau

Festtagskleidung hingegen trägt er nur noch alle 25 Jahre, wenn ein Jubiläum gefeiert wird wie an diesem Wochenende. Sonst gibt es schon lange keinen großen Bahnhof mehr im großen Bahnhof. Vorbei die Zeiten, als hier noch für Reichs- und Bundespräsidenten der rote Teppich ausgerollt wurde, als hier Thomas Mann vom Abteil aus mit dem Oberbürgermeister plauderte. Das jüngste Foto im Archiv zeigt einen gutgelaunten Walter Scheel, wie er vom hessischen Ministerpräsidenten Albert Osswald am Bahnsteig begrüßt wird. Noch länger sind die Zeiten der Royals und Revolutionäre vorbei. Italiens König Umberto I. reiste 1889 an, ein Jahr nach der Eröffnung. Lenin nahm 1917 auf seiner legendären Reise nach Moskau den Weg über den Frankfurter Hauptbahnhof.

In die russische Hauptstadt können Menschen mit Sitzfleisch auch heute noch täglich fahren. Es dauert halt zwei Tage, bis sie dort sind. Paris hingegen erreicht der TGV in weniger als vier Stunden, das Mittelmeer bei Marseille ist nur acht Stunden entfernt. Und falls Siemens doch noch einmal neue ICE ausliefert, mit denen alle zufrieden sind, wird man damit sogar, ohne umzusteigen, bis London reisen können. Eigentlich sollte das schon zu den Olympischen Spielen 2012 klappen. Doch bis auf weiteres bleibt es ein Traum.

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