Die drei jungen Frauen wirkten etwas orientierungslos, als sie sich im weiten Rund des Münchner Olympiastadions umsahen. Kim Kulig, Lira Bajramaj und Ali Krieger hatten einige Mühe damit, ihre Plätze in der mit mehr als 50.000 Zuschauern gefüllten Arena zu finden. Pünktlich zum Anpfiff des Champions-League-Endspiels gegen Olympique Lyon am Donnerstag saßen aber auch die verletzten Spielerinnen des 1. FFC Frankfurt dort, wo sie hinwollten.
Auf dem Rasen, beim 0:2 gegen die deutlich überlegenen Französinnen, versuchten sich vor ihren Augen elf Kolleginnen, die in dieser Saison und in dieser Zusammensetzung höchstens noch zweimal zusammenspielen werden: Am Sonntag beim VfL Wolfsburg und eine Woche später gegen den FCR Duisburg muss der FFC in der Bundesliga noch antreten, dann wird sich die Mannschaft in die Sommerpause verabschieden - und ein anderes Gesicht bekommen. FFC-Manager Siegfried Dietrich spricht hoffnungsvoll von einer „neuen Mischung“, die sich in der nächsten Spielzeit daran versuchen soll, woran der jetzige Kader in allen Wettbewerben gescheitert ist: Titel zu gewinnen. „Vielleicht“, sagte Sandra Smisek, „können wir einfach nicht mehr geben. Das müssen wir hinterfragen.“ Ähnlich wie die 34 Jahre alte Mittelfeldspielerin hatte schon Dietrich nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale argumentiert: Die Niederlage in der Woche zuvor gegen den Außenseiter FC Bayern München sei keine Sache des Wollens gewesen, vielmehr eine des Könnens.
„Das sind echte Führungsspielerinnen (...)“
Fast schon konsequent schien es, dass der über die gesamte Saison erschreckend labile FFC mehreren überzeugenden Spielen im März und April nun wieder eine Phase folgen ließ, in der schiefging, was schiefgehen konnte. In nicht einmal zwei Wochen hat die Mannschaft alle Titelchancen vergeben, in der Bundesliga gegen Potsdam, im nationalen Pokal gegen die Bayern, in der Champions League gegen Lyon - dass dies genau in jenem Saisonabschnitt geschah, der Gegner auf Augenhöhe vorsah, kann kein Zufall sein. An guten Tagen fertigt der FFC individuell unterlegene Gegner ab, wie beim 7:0 in der Bundesliga gegen den SC Freiburg. An schlechten kann ihn jede Mannschaft in Bedrängnis bringen, die ernsthafte Gegenwehr leistet und sich nicht von den großen Namen des Frankfurter Starensembles beeindrucken lässt.
Dietrich erwartet für die nächste Saison - voraussichtlich ohne internationale Spiele - „ein Jahr der Konsolidierung“, in dem er die satt wirkende Mannschaft in allen Mannschaftsteilen (mit Ausnahme der Torhüterposition) mit frischen Kräften verstärken will. Denn auch im nächsten Jahr wird der Verein zumindest deutschlandweit die besten Rahmenbedingungen zur Verfügung haben. Sollte der FFC tatsächlich die Qualifikation für die Champions League verpassen, hätte das zwar einen weiteren sportlichen Imageschaden zur Folge - aber keine finanziellen Konsequenzen. Der Etat nahe der Zwei-Millionen-Grenze sei in jedem Fall gesichert, wie Dietrich mit einigem Stolz sagte. Dank der finanziellen Möglichkeiten konnte der Verein drei hochklassige Neuzugänge locken.
„Babett kann ein Spiel aus der Tiefe gestalten“
„Das sind echte Führungsspielerinnen, die bei uns wichtige Rollen übernehmen können“, sagt Dietrich über die unter Vertrag genommenen Babett Peter, Bianca Schmidt (beide Turbine Potsdam) und Simone Laudehr (FCR Duisburg). Dringender als die Verpflichtung zweier Abwehrspielerinnen und einer Mittelfeldkraft wäre die einer Stürmerin von internationalem Format, denn das besitzt seit dem Karriereende von Birgit Prinz keine Angreiferin im Luxuskader des FFC. Wer die Vakanz im Sturmzentrum beheben soll, wird die spannendste Frage in der Sommerpause sein. Noch macht Dietrich ein großes Geheimnis um seine vier bis fünf Namen umfassende Kandidatenliste, einzig das Interesse an Nationalstürmerin Célia Okoyino da Mbabi (SC Bad Neuenahr) ist verbürgt.
Große Auswahl wird Sven Kahlert bei der Besetzung des Mittelfelds haben: Bleibt der FFC-Trainer beim bisher bevorzugten 4-3-3-System, würden sich gleich sechs Spielerinnen um drei Plätze streiten. Sandra Smisek, Saki Kumagai, Melanie Behringer und Dzsenifer Marozsan heißen die jetzigen Kandidaten für die Zentrale, hinzu kommen die langzeitverletzte Kim Kulig und Simone Laudehr. Als „sehr emotional“ hat Dietrich die Nationalspielerin aus Duisburg in den vergangenen Jahren schätzen gelernt; er konnte sie mit der Aussicht nach Frankfurt locken, zusammen mit Kim Kulig die in der Nationalmannschaft bewährte „Doppelsechs“ vor der Innenverteidigung zu bilden. Gemeinsam mit Babett Peter sollen sie das stockende Aufbauspiel beleben. Für die Potsdamerin, die beim Tabellenführer der Bundesliga die Liberoposition hinter zwei Verteidigerinnen hat, ist eine zentrale Rolle in der FFC-Abwehr vorgesehen. „Babett kann ein Spiel aus der Tiefe gestalten“, sagt Dietrich - genau diese Fähigkeit wurde gegen Lyon schmerzlich vermisst.