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Rezension: Sachbuch Datenflug schneller als die Jets

 ·  Software holt Fluginformationen aus Internet, Kurzwelle und VHF

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Auf dem Bildschirm ruckeln langsam Flugzeuge über die Karte Europas, des Nordatlantiks und des Pazifiks. Ein Mausklick, und es erscheinen alle ihre Daten wie Flugnummer, Position, Richtung, Fluggesellschaft sowie Typ und Kennung. Wer meint, einen Flugsimulator geladen zu haben oder in den abgedunkelten Räumen einer Flugverkehrszentrale zu sitzen, irrt. Durch die Dreiheit von Software, Internet und Funkempfänger ist eine Verfolgung vieler regionaler und interkontinentaler Flüge daheim möglich. Vor bereits vier Jahren entwickelte der Portugiese Andre Brandao die Software AirNav, deren heutige Version 3.1 alle Wünsche des Hobby-Flugüberwachers erfüllt (im Internet: www.airnavsystems.com, 70 amerikanische Dollar, eine zeitlich beschränkte Version zum Ausprobieren gibt es kostenlos).

Brandao ist Radiohörer und verfolgt auf Kurzwellenfrequenzen den Sprechfunkverkehr von Interkontinentalflügen. Auf je nach Weltgegend unterschiedlichen Treffkanälen melden sich die Flugzeuge bei den jeweiligen Bodenstationen im Einseitenband-Sprechfunk und geben ihre Flugdaten sowie die nächste Wegemarke an, von der sie sich wieder melden. Das hört sich so an: "Shanwick, Lufthansa 400, Position 56 North 10 West at 0955, maintaining flightlevel 290, estimating 58 North 20 West at 1038, next 59 North 30 West, Selcal AFCG." Damit meldet der Pilot des Lufthansa-Jets 400 seine augenblickliche Position um 09.55 Uhr, die Flughöhe in hundert Fuß, die Koordinaten des nächsten Meldepunktes mit der erwarteten Überflugzeit sowie den übernächsten Meldepunkt. AFCG ist das Selektivruf-Kennzeichen des Flugzeuges, mit dem es gezielt gerufen werden kann, so dass im Cockpit nicht der gesamte Funkverkehr mitgehört werden muss.

Auf den Frequenzen für die Atlantik-Route, aber auch über denen des Indischen Ozeans ist der Funkverkehr manchmal so dicht, dass man am heimischen Kurzwellenempfänger kaum mit dem Notieren nachkommt. Wer zudem die Flugbewegungen durch Eintrag auf entsprechenden Karten nachzeichnen will, sieht sich schnell überfordert. Also schrieb Brandao seine Software, die diese Daten nach dem Eintippen gleich wie in einer Flugzentrale grafisch auf Karten sowie in Listenform umsetzt. Schnell entsteht so ein übersichtliches Bild der tatsächlichen Flugbewegungen, die sich auf der eingestellten Frequenz mithören lassen. Auf den Kanälen der Nordatlantik-Route wie 5616 Kilohertz (kHz), 8864 kHz, 11 279 kHz oder 13 291 kHz ist eigentlich immer etwas los und regelmäßig mit einem besseren Weltempfänger aufzunehmen. Spezialisten verfolgen sogar die An- und Abflüge von Airports im Pazifik wie Nauru und Viti-Levu live in Deutschland am Radio. Wer sich nur für die Flüge in der eigenen Region interessiert, schaltet sein Radio in den VHF-Flugfunkbereich der Ultrakurzwellen, in dem die Flieger in ähnlicher Weise weitergeleitet werden. Wegen der begrenzten Reichweite dieser Wellen ist - anders als auf der Kurzwelle - hier zumeist nur der nächste Flughafen zu hören, während die Meldungen vieler Linienmaschinen einen Funkhorizont von etwa 400 Kilometer aufweisen.

Auf die Dauer wird dieses Hören und Eintippen jedoch zur Arbeit, bei der man den Stress ahnt, unter dem die Fluglotsen stehen. Deshalb lässt sich die neueste Version von AirNav zusätzlich mit Flugdaten aus anderen Quellen automatisch füttern. Wer weltweiten Flugverkehr verfolgen will, ist dabei auf das Internet angewiesen. Geht es nur um die eigene Region, so reicht wiederum ein Radio aus, das den VHF-Flugfunkbereich empfängt. Ausgewertet werden in beiden Fällen Datentelegramme, die fast jedes Flugzeug in regelmäßigen Abständen sendet. Dieses ACARS - Aircraft Communication Adressing and Reporting System - genannte System überträgt automatisch technische Betriebsdaten des Flugzeuges, Kurzmeldungen und oftmals auch Wetterberichte sowie die durch einen GPS-Empfänger an Bord ermittelte Position. Liest man ein ACARS-Telegramm in der Rohfassung, so ist es durch die Kürzel-Sprache fast völlig unverständlich. AirNav aber übersetzt das Techno-Steno in Alltagssprache, so dass nur noch jene Informationen verschlossen bleiben, die die Fluggesellschaft nicht jedermann zugänglich machen will.

Mit einer Zeitverzögerung von zehn bis zwanzig Minuten stehen die weltweiten Flug-, Wetter- und Positionsdaten auf dem meteorologischen FTP-Server einer amerikanischen Universität zur Verfügung. Etwa 300 Flüge pro Stunde fallen dabei an - ein Material, das AirNav sich schnell aus dem Internet lädt, es in wenigen Minuten aufbereitet und wie in einer Flugzentrale präsentiert. Einzelne Flüge lassen sich etwa vom Start in San Francisco bis zur Landung in Tokio ebenso verfolgen, wie man die Belegung von Luftstraßen in allen drei Dimensionen sieht. Die Aktualisierung erfolgt entweder automatisch oder manuell durch das Laden aller neuen Daten der letzten zwei Stunden. Für einen Tagesüberblick sind für das Aufbereiten der aus dem Internet auf Festplatte gespeicherten Daten etwa zwei Stunden einzurechnen.

Wer die ACARS-Meldungen der Flugzeuge wenigstens im Umkreis von etwa 500 km um den eigenen Standort herum ohne den Umweg über das Internet empfangen und auswerten will, muss sich aus diesem erst einmal die kostenlose Software WACARS laden (http://fly.to/wacars) und auf seinem PC mit Soundcard installieren. An den Eingang der Soundcard wird der Lautsprecher-Ausgang eines Radios mit Flugfunkbereich angeschlossen, das auf eine der aktiven ACARS-Frequenzen gestellt wird (131,725 MHz, 131,525 MHz oder 136,900 MHz). Schon bald schrappen die knapp eine Sekunde langen Daten-Bursts aus dem Lautsprecher des PC, werden von WACARS decodiert, in Alltagssprache übersetzt und in verschiedenen Fenstern dargestellt. Besonders eindrucksvoll ist es, wenn ein Flugzeug dabei seine Position meldet, die mit einem Symbol punktgenau auf einer Karte eingetragen wird.

WACARS hat so viel Charme, dass sich seine Daten auch in das professionellere AirNav wie von Zauberhand integrieren lassen, das damit alle Informationsmöglichkeiten vom Internet über die händische Eingabe von Kurzwellenmeldungen bis zum VHF-Flugfunk nutzt. Man kann sogar eigene Beobachtungen eingeben, indem man mit einem Fernglas die Kennzeichen überfliegender Maschinen abliest und eintippt, für ihre Verfolgung außerhalb des Sichtbereiches sich aber auf die anderen Quellen stützt. Eine lesenswerte Einführung in den "Flugfunk in der Praxis" mit Schwerpunkt Kurzwelle bietet Lufthansa-Kapitän Rolf Rehm in seinem Buch (Verlag Technik und Handwerk, 308 Seiten, 45 Mark), während Michael Marten in seinem Buch "Flugfunk" (Siebel Verlag, 384 Seiten, 34,80 Mark) den Schwerpunkt auf europäische Flüge legt. Beide Bücher bieten neben detaillierten Frequenzlisten auch eine ausführliche Erläuterung der speziellen Sprache des Flugfunks.

NILS SCHIFFHAUER

Flugfunk in der Praxis; Flugfunk

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2000, Nr. 158 / Seite T6
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