20.11.2008 · An den Aktienmärkten ist keine Erholung in Sicht. Davon profitieren die Staatsanleihen. Ihre Renditen nähern sich historischen Tiefständen.
Der deutsche Aktienmarkt hat sich am Donnerstag äußerst launisch gezeigt. Nachdem der deutsche Leitindex zu Handelsbeginn seine Talfahrt vom Vortag fortgesetzt hatte, konnte der Dax nach der überraschenden Zinssenkung um 100 Basispunkte durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) seine Verluste am Mittag wieder eingrenzen. Zwar sei es ungewöhnlich, dass der deutsche Markt auf eine Zinsentscheidung in der Schweiz reagiere. Aber in diesem Fall habe wohl die Hoffnung, dass die Europäische Zentralbank bald nachziehen würde, diese Reaktion hervorgerufen, hieß es auf dem Parkett. Diese Hoffnung trug jedoch nicht allzu lange.
Am Nachmittag rutschte der Dax jedoch wieder 3,5 Prozent ins Minus auf 4200 Punkte, nachdem in den Vereinigten Staaten sehr negative Daten zu den Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe veröffentlicht worden waren. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe waren in der abgelaufenen Woche auf den höchsten Stand seit 16 Jahren gestiegen. Auch die negativen Vorgaben aus Asien trübten die Stimmung. In Japan fiel der Leitindex Nikkei um knapp 7 Prozent auf 7703 Punkte. Es war der höchste Tagesverlust seit einem Monat. Die Sorgen der Anleger für die Geschäftsaussichten der exportabhängigen japanischen Unternehmen hatten diesen Kursrutsch ausgelöst.
Tagesverlierer waren wieder einmal Finanztitel. Der Kurs der Hypo Real Estate brach um mehr als 14 Prozent ein. Händler verwiesen auf negative Analystenkommentare in den vergangenen Tagen. Die Commerzbank hatte am Mittwoch die Aktien des angeschlagenen Immobilienfinanzierers von "Reduzieren" auf "Verkaufen" gesenkt. Auch der Kurs der Deutschen Bank rutschte 9 Prozent ins Minus und die Commerzbank-Titel verloren 6 Prozent an Wert.
In Amerika haben Sorgen um die Zukunft der großen Automobilkonzerne General Motors, Ford und Chrysler sowie schlechte Konjunkturdaten die Börsen abermals belastet. Anleger befürchten, dass die Chancen auf schnelle Staatshilfen für die angeschlagenen Autobauer schwinden. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte gab im frühen Handel knapp ein Prozent auf 7900 Punkte nach. Der breiter gefasste S&P-500 verlor 1,3 Prozent auf 798 Punkte. Der Index der Technologiebörse Nasdaq sank um 0,2 Prozent auf 1384 Punkte.
Dem Ausverkauf an den Aktienmärkten stand eine Flucht in die Staatsanleihen gegenüber. Die Rendite der Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit ist auf 3,41 Prozent und damit auf das Niveau von Anfang 2006 gesunken. Noch stärker haben sich die Renditen der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen nach unten bewegt: Mit einer Verzinsung von 3,13 Prozent lag sie nur einen Hauch oberhalb ihres bisherigen Tiefs bei 3,11 Prozent im Juni 2003. Zweijährige Staatstitel rentieren nur noch mit 1,015 Prozent. "Die Enttäuschung darüber, dass sich die Aktienmärkte trotz der Leitzinssenkungen und Staatsinterventionen nicht erholt haben, hat eine erneute Flucht in die Staatsanleihen ausgelöst", sagte Eugen Keller vom Bankhaus Metzler. Unter den Marktakteuren breite sich immer mehr das Gefühl aus, dass sich die Rezession zu einem Flächenbrand entwickeln werde, von der keine Branche verschont bliebe.
Jan Holthusen von der DZ Bank rechnet mit sinkenden Renditen für zehnjährige Bundesanleihen. "Wir gehen davon aus, dass die Rendite in drei Monaten bei 3,30 Prozent liegt", sagt er. Er will jedoch nicht ausschließen, dass sich die Verzinsung noch weiter in Richtung ihres historischen Tiefs von 3 Prozent bewegt. Holthusen interpretiert die niedrigen Renditen als Vorboten einer Deflation. Auch Keller glaubt, dass viele Anleger mittlerweile mehr Angst vor einer Deflation als einer Inflation hätten und deswegen auch nicht vor einer Investition in niedrig rentierende Staatspapiere zurückschreckten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2539 | −0,28% |
| Rohöl Brent Crude | 107,26 $ | +0,38% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |