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Zürich wird hip Schluss mit der schweizerischen Lauschigkeit

Von der Subkultur zum „Wolkenkratzerli“: In Zürich-West zeigt die beschauliche Bankenhochburg plötzlich ein aufregendes, großstädtisches Gesicht.

© Volker Mehnert Neues Leben in alten Hallen: Die ehemalige Gießerei heißt jetzt Puls 5 und bietet Ausstellungsfläche, Läden und Gastronomie mit Industriecharme.

Träumer und Spinner, Studenten und Künstler, Banker und Anwälte - sie alle wissen nicht so recht, wer in diesem Teil Zürichs zurzeit das Sagen hat. Keiner zweifelt allerdings daran, dass man sich hier in einem Trendquartier bewegt, dem bedeutendsten Brennpunkt städtischer Vielfalt in der ganzen Schweiz. Züri-West, wie es die Einheimischen nennen, ist ein radikaler Ausbruch aus der lauschigen Ordnung und Heimeligkeit, den die Schweizer einfach einmal nötig hatten, ein Gegenstück zum gewohnten Konglomerat aus eleganter Bahnhofstraße, altertümlichem Niederdorf und gepflegter Parklandschaft am See. Das ehemalige Industriequartier ist Zürichs später, aber dafür umso forscherer Versuch mit einer turbulenten Urbanität.

Am frühen Abend strömen die Menschen aus ihren Büros, Ateliers und Läden, und viele von ihnen treffen sich in Frau Gerolds Garten, einer exzentrischen Freiluftkneipe aus Containerstapeln, in der tatsächlich Kräuter auf Beeten sprießen, neben der aber auch Eisenbahngleise verlaufen, auf denen im Minutentakt die Züge und S-Bahnen zum Hauptbahnhof durchfahren. Direkter Anrainer ist außerdem ein tristes Wohnheim der Heilsarmee, hinter dem wiederum die Glasfassade des Prime Towers aufragt, Zürichs höchstem Bürogebäude mit den teuersten Mieten der Stadt. Die Pfingstweidstraße, tagsüber die Schlagader des Viertels, wird nach Einbruch der Dunkelheit öde und blutleer, während die am Tage abschreckenden Betonpfeiler der Hardbrücke in der Dunkelheit durch eine Lichtinstallation erstrahlen. Unter der Brücke duckt sich der gleichnamige Bahnhof, den es vor fünfzehn Jahren noch gar nicht gab, der jetzt aber schon zu den zehn am meisten frequentierten der Schweiz gehört.

Die sächsische Kellnerin empfiehlt libanesischen Rotwein

Der Escher-Wyss-Platz ist kein Platz, sondern ein Verkehrsknoten mit drei Straßenbahnlinien, die unter einer amerikanisch anmutenden Stadtautobahn auf Betonstelzen herumrattern. Wenn hier frühmorgens aus den Clubs die letzten Nachtschwärmer torkeln, beladen die Arbeiter in den angrenzenden Lagerhäusern bereits die ersten Lastwagen. Der Turbinenplatz wiederum ist wirklich ein Platz, Zürichs größter sogar, aber er erinnert nicht nur dem Namen nach, sondern auch in seiner Anlage an einen Ort irgendwo zwischen Nowosibirsk und Wladiwostok.

Auf die Josefwiese, einen idyllischen Stadtpark, fällt am Abend der Schatten der Müllverbrennungsanlage, die als eines der letzten industriellen Relikte im Viertel gefilterten, ökologisch korrekten Wasserdampf in den Himmel pustet. Die putzigen Reihenhäuser des Schweizer Architekten Hans Bernoulli, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts für Arbeiterfamilien geschaffen, kosten jetzt eine Million Franken und beherbergen eine wohlhabende Klientel, während gegenüber in den Etagen des genossenschaftlichen „Kraftwerks“ Wohngemeinschaften alternative Lebensformen ausprobieren. Pläne für ein Asylantenheim werden von aufgeschlossenen Zeitgenossen vorangetrieben, stoßen jedoch auf Widerstand bei konservativen Ladenbesitzern und den Bewohnern von sündteuren Lofts.

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