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Auf Tuchfühlung in Zürich : Stoff für Geschichten

  • -Aktualisiert am

Jacquardpatrone, um 1939. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Seide hat die Schweiz einst reich gemacht, ohne sie wären selbst die Banken nicht das, was sie heute sind. Eine Reise in die Stadt der Weber und Händler.

          Und plötzlich ist alles bunt. Orangerote Paprikablumen liegen auf grünen Schablonen, gelben Streifen, blauen Kreisen. An der Wand hängt ein rotes Wappen – der lange Drucktisch ist übersät von Bordüren, Rosetten und Streifen aus Papier. Aus ihnen werden bald komplexe Muster für Tücher oder für ein Kissen, vielleicht auch für einen Teppich. Wir stehen im Atelier der Textildesignerin Sonnhild Kestler. An den Wänden lehnen Stoffrollen. Schränke bewahren ein Archiv aus Masken, Ketten, Vorlagen, dazwischen stehen Puppen, Maschinen, man sieht Farbtöpfchen, Reprofolien und schimmernden Stoff. Kestler ist eine der letzten Seidenhandwerkerinnen Zürichs – einer Stadt, die wegen der Seide Mitte des 18. Jahrhunderts eine der vermögendsten des Abendlandes war.

          Wir schauen aus dem Fenster. Unten im Hof verkauft einer Biowein, nebenan hat ein Elektroplaner sein Büro, oben arbeiten Architekten. Die Fabrik am Wasser im Stadtteil Höngg war mal eine Weberei. Heute ist der Alltag hier blasser. Nur am langen Drucktisch von Sonnhild Kestler nicht. „Ich verarbeite Geschichten, Erinnerungen, was ich erlebe“, sagt sie und zeigt uns ihre Dessins, die oft wie Mandalas aufgebaut sind. Da eins mit drei Farben, da eins mit sieben. Je mehr Farben, umso aufwendiger der Siebdruck. Mit jeder Farbe geht sie vier Mal über den Stoff, dann wird trockengeföhnt. Seidentwill hat etwas Papierhaftes, Crêpe de Chine verzieht sich gern. Aus etwa 60 Meter Seide entstehen 40 Tücher. Frauen aus dem Appenzell roulieren sie auch heute noch in Handarbeit. „Ich wollte nie etwas für eine Vitrine machen, sondern etwas, das in der Welt ist“, sagt sie.

          Tiefer in den Tüll tauchen

          Vor dem Landesmuseum warten Reisegruppen, der Verkehr schiebt sich geordnet am Hauptbahnhof vorbei. Es ist kalt, doch Zürich funkelt. Drinnen, im Museum, stehen zwei Frauen vor einer Vitrine mit Kostümen. Ein Cocktailkleid ist über und über mit Rosen bedruckt. Es ist von Balenciaga, der Seidenstoff stammt von der Firma Abraham. Viele berühmte Modenamen sind eng mit der Zürcher Seide verflochten: Elsa Schiaparelli, Pierre Balmain, Hubert de Givenchy oder Christian Dior pflegten jahrelang Partnerschaften mit Schweizer Lieferanten. Doch die wohl berühmteste Freundschaft war die von Yves Saint Laurent und dem Geschäftsführer des Seidenhauses Abraham, Gustav Zumsteg, dessen Mutter die berühmte „Kronenhalle“ betrieb. Ein Stockwerk über uns befindet sich ein abgedunkelter Raum, in dem mehr als 4000 Exponate lagern. Hier befinden sich Zumstegs „Scrapbooks“ mit Zeitungsartikeln, Bücher mit Stoffmustern, Modefotos, Vitrinen mit Kokons, Garnen. In den Regalen liegen Kollektionsmuster mit wundersamen Phantasienamen. Studenten, Besucher, jeder kann sich hier anmelden, wenn er tiefer in die Materie eintauchen möchte.

          Sonnhild Kestler in ihrem Reich der Farben und Formen.
          Sonnhild Kestler in ihrem Reich der Farben und Formen. : Bild: Marion Nitsch

          Die Recherche hat gerade erst begonnen. Noch immer wird im ganzen Land zusammengetragen, bis heute wurden etwa 128000 Exponate katalogisiert. Wir gehen über die Bahnhofstraße, Richtung Altstadt. Links der Limmat befand sich früher der Seidenhof, doch von den luxuriösen Renaissancebauten sieht man nichts mehr. Stattdessen Geschäfte mit Auslagen: Uhren, Schmuck und immer wieder exklusive Mode aus Tuch, aus Taft, aus Twill. Die Preise sind selbst für Münchner stramm. Das Ruinöse in Zürich ist aber nicht, dass es hier teurer ist als anderswo. Es liegt daran, dass hier alles so schön und wohlhabend ist, dass man irgendwann wahnsinnigerweise meint, man selbst sei auch so schön und so wohlhabend – und die Kreditkarte auf den Tisch legt. In der Altstadt spazieren wir über Kopfsteinpflaster durch verwinkelte Gassen. Gegenüber eines Schmuckladens betreten wir ein Fachwerkhaus, den Firmensitz von enSoie. Inmitten von goldenen Vasen und Stoffen, Düften, Schmuck, Kissen und Kleidern kommt ein Mädchen lächelnd auf uns zu. Ihre Mutter Monique Meier hat die Firma aufgebaut, und sie führt uns nun durch das verwinkelte Gebäude.

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