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Veröffentlicht: 15.06.2017, 10:29 Uhr

Zu Gast im Waldkloster Die zappeligen Affen in unseren Köpfen

Schweigen, Meditieren, Toilettenputzen: Das Kloster Wat Tam Wua in Thailand lockt Touristen mit der Aussicht auf Einsicht. Aber längst nicht alle Gäste finden ihr inneres Gleichgewicht.

von Anna Gyapjas
© curlsandcoconuts.com Frauen bitte nach hinten! Sonst kommt man mit seinen Klischees im Waldkloster Wat Tam Wua allerdings nicht sehr weit.

Als mich der Bus ausspuckt, dämmert mir, dass Wat Tam Wua möglicherweise gar nicht das Einsiedlerdomizil ist, das ich mir ausgemalt habe. Zum einen wäre da ein werbetafelhohes Schild mit Holzdach. „Wat Tam Wua welcomes you to practice Vipassana“, verkündet es geradezu großbetrieblich. Zum anderen geht links davon der Weg zum Waldkloster ab, Fahnenstangen mit rot-weiß-blauen Tüchern säumen die zweispurige Betonstraße.

Nach anderthalb Kilometern Marsch zu Füßen majestätischer Berge schälen sich weitläufige, mit Kacheln ausgelegte Hallen ohne Wände aus dem Dunkel. Zunächst scheint alles verlassen auf dem Klostergelände, dann entdecke ich weißgekleidete Gestalten zwischen den Unterständen. Sechs Dutzend weitere von ihnen sitzen in der Dhamma Hall, der Haupthalle von Wat Tam Wua. Niemand rührt sich, alle schweigen, nur die Ventilatoren surren vor sich hin. Als schließlich die Lichter angehen, stimmt die Gruppe einen buddhistischen Choral an.

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Kurz vor acht Uhr erheben sich die barfüßigen Meditationsschüler. Selig lächelnd nehmen sie ihre Gesangsbücher, Sitzkissen und Yogaklötze und türmen sie am Ende der Halle auf. Eine feingliedrige, modisch gekleidete Frau löst sich aus der Gruppe und eilt mir entgegen. Miss Sue verantwortet die Abläufe im Wat und das Wohlergehen der ausländischen Gäste. Dafür hat sie eigens ihr Berufsleben in Bangkok aufgegeben. Wat Tam Wua ist neben seinem lockeren Regelwerk dafür bekannt, dass Tempeltouristen so anreisen können, wie es ihnen passt. Aber Miss Sue ist acht Uhr zu spät.

Der Gong scheppert zum Morgengruß

Mit strenger Miene notiert sie meinen Namen und die Passnummer, das Geklimper silberner Armreifen begleitet ihre energischen Bewegungen. Dreimal zwei Stunden Meditation, eine Stunde Nützlichmachen, das letzte Mahl zur Mittagszeit: Während wir zu einem der Gemeinschaftshäuser hasten, gibt Miss Sue einen Schnellkurs in Sachen Tempelalltag. Im Frauenschlafsaal angekommen, drückt sie mir eine dünne Baumwollmatte, Bettdecke und ein Kopfkissen in die Hände. „At six thirty we meet for rice offering“, mahnt sie an, dann verlässt sie die Hütte. Außer mir ist niemand im Saal. Ich schlage mein Lager auf, stelle den Wecker und knipse das Licht aus. Noch empfinde ich die harten Holzdielen als angenehm. Aus dem Bad höre ich die Geckos gackern. Ich werde die Nacht nicht durchschlafen. Keine meiner neun Nächte in Wat Tam Wua. Der Schlafmangel fällt aber kaum ins Gewicht: Die Tage atmen tief und gleichmäßig den Geist der Gegenwart. Sie beginnen für uns Laien wie für die Mönche des Tempels mit dem Morgengrauen.

46970517 © Anna Gyapjas Vergrößern Auch gehen ist Meditation: Weißgewandete Gäste im üppigen Grün des Tals.

Über dem Schulterschluss zweier Berge blinzelt der Morgenstern herüber, als ich mich am nächsten Tag auf den Weg zur Dhamma Hall mache. Dort händigt Miss Sue schon geschäftig Blechschüsseln aus. Dann weist sie uns an, auf dem Boden Platz zu nehmen, schon scheppert ein Gong, der Morgengruß. Sein Klang scheucht die letzten Nachzügler auf ihre Plätze, viele tragen noch Fleecejacken und Strickmützen über ihren weißen Gewändern. Als fünf Männer in ziegelroten Roben an der Schwelle zur Haupthalle erscheinen, breitet sich erwartungsvolles Schweigen aus.

„Superman, where are you?“

Wortlos schreiten die fünf Mönche an den Anwesenden vorbei. Wir wiederum schaufeln jedem der Mönche etwas Reis in seine Almosenschale, einem basketballgroßen Gefäß aus Metall. Üblicherweise speist die buddhistische Bevölkerung die Repräsentanten des Dhamma – der buddhistischen Lehre –, wenn diese beim Binthabat durch die Straßen ziehen. Dabei geht es nicht nur um Respekt, sondern auch darum, sich um gutes Karma verdient zu machen. So dankbar, wie Buddhisten wohl für solch eine Gelegenheit sind, bin ich nicht, zu neu ist das Ritual, zu aufregend. Trotzdem übe ich mich in Demut, vermeide Augenkontakt mit den Mönchen und senke meinen Kopf, wenn sie an mir vorüber ziehen.

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