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Schusterkunst in Venedig : Die Leisten der Serenissima

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Nur zwei bis drei Paar Schuhe fertigt Gabriele Gmeiner pro Monat an. Zum Schnäppchenpreis sind ihre tragbaren Kunstwerke natürlich nicht zu haben. Doch es gibt ja noch den einen oder anderen Prinzen aus dem Morgenland. Bild: Karl Mühlberger

Venedig wird von Touristen überrannt, die Karnevalsmasken aus China kaufen. Doch in manchen stillen Winkeln findet man noch venezianische Anachronismen, auch wenn sie gar nicht alt und auch nicht italienisch sind - so wie bei der Schuhmacherin Gabriele Gmeiner.

          Blau oder gelb, matt oder glänzend, flach oder mit kleinem Absatz, in jedem Fall aber aus Gummi. Denn ohne Gummistiefel geht im winterlichen Venedig gar nichts. Oft steigt das Wasser über die Gehsteige in die Gassen, regelmäßig muss man damit rechnen, durch „acqua alta“ zu waten oder sein Ziel nur über größere Umwege zu erreichen. Praktisch sollte das Schuhwerk hier ohnehin immer sein. Mehr als vierhundert Brücken mit ungezählten Treppen soll es in der Serenissima geben, dazu ein labyrinthisches Gewirr an engen Straßen und Durchgängen mit krummem Pflaster. Das Gehen gehört hier zum Alltag, und Venedig hat nichts übrig für Stilettos und hochhackige Pumps. Dort, wo der Boden zu schwanken scheint, kommt man leicht ins Stolpern.

          Das weiß auch Gabriele Gmeiner. Sie ist Schuhmacherin, eine der wenigen, die es in Venedig noch gibt. Seit 2002 hat sie eine Werkstatt am Campiello del Sol im Herzen des Sestiere di San Polo. Eigentlich sei der Maßschuh, wie sie ihn definiere, nichts für eine Stadt wie Venedig, in der Stiefel und Sneakers sehr viel praktikabler seien, sagt Gabriele Gmeiner und lacht. Das sei ein Schuh für die Metropolen, für Banker aus Paris, London oder Frankfurt. Und doch: Sie hat Erfolg. Ihre Werkstatt ist eine Anlaufstelle für alle, die in Venedig das Besondere suchen.

          Hochkonzentriert in die Arbeit versunken

          Ein kleiner Platz unweit des Fisch- und Gemüsemarkts von Rialto. Alte Gebäude wachsen nach oben, einfache Wohnhäuser neben Palazzi mit gotischen Fenster- und Türwölbungen. Der Putz bröckelt, die Farben der Wände sind verwaschen. Feuchtigkeit kriecht die Mauern hinauf. Auf der Nordseite des Campiello ein Geschäftslokal, aus Backsteinen gemauert, die Fenster und Türen mit grünen Läden versehen. In seinem Inneren zwei Räume, eine niedrige Decke, getragen von alten Balken. Handwerkszeug, wohin man schaut: Hammer, Zangen und Messer in mehreren Größen, Raspeln, Spitzknochen und Ahlen. Eine Werkbank, mehrere Tische. In einer Ecke ein Lehnstuhl für die Kunden. Morgens von neun bis eins und von drei bis sieben Uhr am Nachmittag sieht man Gabriele Gmeiner in ihrer „bottega“ sitzen, hochkonzentriert und in die Arbeit versunken. Ab und zu klopft jemand ans Fenster und winkt ihr zu, Nachbarn oder Bekannte. Man habe sie immer schon neugierig beäugt und dann herzlich aufgenommen, erzählt sie. Das hat ihr schon 1997 gefallen, als sie zum ersten Mal nach Venedig gekommen ist.

          Gabriele Gemeiner ist Vorarlbergerin, 1972 in der Nähe von Bregenz geboren. Mit neunzehn zieht sie nach London, in die Hochburg der Schuhmacher. Dort besucht sie das renommierte Cordwainers College, um danach in verschiedenen Ateliers zu praktizieren, bei John Lobb in London, dem britischen Hofausstatter, und auch bei Hermès in Paris. Dann folgen Lehr- und Wanderjahre, die Walz. Sie sieht sich um und landet schließlich in Venedig, in der Werkstatt von Rolando Segalin, einem Meister seines Faches. Nach ein paar Monaten bricht sie abermals auf, diesmal nach Japan, um ein eigenwilliges, künstlerisches Projekt zu verwirklichen. Sie reist durchs Land und lernt dabei die alten Handwerkstechniken kennen, ein spannender Weg zwischen Tradition und Moderne. Man habe sich mit Händen und Füßen verständigt, erinnert sie sich, eine der schönsten Arten, mehr über Japan zu erfahren. Aus diesen Erfahrungen entstehen sechs Paar Schuhe, jedes mit einer Geschichte. Sie werden wie Kunstwerke ausgestellt, zuerst in Tokio, später in Wien und Venedig.

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