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Pyrenäen : Ein Bild sagt mehr als tausend Schritte

Das Refugio de Respomuso liegt auf 2200 Metern Höhe Bild: Stefan Tomik

Zelt oder Profikamera, das ist hier die Frage: Was man mitnehmen sollte, wenn man durch die Pyrenäen wandert und dabei gute Fotos machen will.

          Im spanischen Irún hatte es 26 Grad, es war schwül, und ich wuchtete meinen Rucksack in ein Taxi und ließ mich zum Cabo Higuer kutschieren. Hier, wo ein alter Leuchtturm auf den Küstenfelsen des Atlantiks thronte, sollte meine Wanderung durch die Pyrenäen beginnen: Sechs Wochen und mehr als 800 Kilometer später wollte ich das Mittelmeer erreichen.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Für die ersten Tage hatte ich mir viel vorgenommen, denn ich wollte die schwierigen alpinen Passagen der Tour hinter mich bringen, bevor Schnee die Pässe unpassierbar machte. Stattdessen kam ich schon auf der ersten Etappe kaum voran. Der Rucksack lag wie Blei auf den Hüften. Ich lockerte den Hüftgurt, aber sofort beschwerten sich die Schultern, weil sie nun mehr von der Last zu tragen hatten. Erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit, nach 30 Kilometern und 1100 Höhenmetern Aufstieg, erreichte ich meine Herberge in dem kleinen Basken-Ort Vera de Bidasoa. Mein Spiegelbild hatte rote Striemen an Hüfte und Schultern und fragte mich, wie ich morgen eine noch längere Etappe bewältigen wollte.

          Am Abend vor der Abreise hatte ich den Rucksack gepackt, 17 Kilo brachte er auf die Waage, und das lag vor allem an der Fotoausrüstung, einer Profikamera mit wuchtigem Objektiv und stolzen 2,8 Kilogramm Gewicht. Meine Freundin erkannte den Ernst der Lage. Ich solle doch einfach ihren Fotoapparat mitnehmen, schlug sie vor. Der mache auch ganz tolle Bilder. Der Apparat hatte ein eingebautes Zoom-Objektiv und wog nur 400 Gramm. Aber er war aus Plastik, und man hatte eine billige Linse verbaut. Ich hielt ihr einen langen Vortrag über die Vorzüge des Vollformatsensors - diese Details, diese fein gezeichneten Bilder selbst bei Dämmerung und Dunkelheit. Da ließen sich locker riesige Abzüge in Ausstellungsqualität drucken. Dass ich das noch nie getan hatte, weil ich Fotos mittlerweile nur noch am Monitor anschaute, das ließ ich unter den Tisch fallen. Für mich war die Sache klar: Lieber würde ich das Zelt, die Regenhose und die Regenhülle für den Rucksack zu Hause lassen, um Gewicht zu sparen, als bei der Bildqualität Kompromisse einzugehen. Viel Regen erwartete ich sowieso nicht in den kommenden Wochen, eher würde ich mit Hitze kämpfen. Das redete ich mir jedenfalls ein, kurz vor der Abreise.

          Der Herbst kommt früh: Neuschnee im September
          Der Herbst kommt früh: Neuschnee im September : Bild: Stefan Tomik

          Dichter Nebel umhüllte am zweiten Wandertag die Berge, gab nach Lust und Laune mal die Sicht frei und nahm sie sofort wieder weg. Es war deutlich kälter geworden. Heute hatte ich eine Etappe von neuneinhalb Stunden vor mir. Als ich gerade eine Stunde unterwegs war, begann es heftig zu regnen. Zu meinem Glück gab es hier im Nirgendwo einen verlassenen Schafstall, einen Verschlag aus drei Sorten von Wellblech, das mit der Zeit etliche Löcher bekommen hatte. Oben tropfte Regenwasser herein, unten bildeten sich Rinnsale. Draußen trommelte der Regen aufs Blech, drinnen saß ich in der Zwickmühle: Wenn ich nicht bald weiterlief, würde ich das Tagesziel nicht erreichen, den einzigen Ort weit und breit. Wenn ich aber weiterging, wäre ich sofort nass bis auf die Knochen.

          Die Fußsohlen brennen, die Knie zittern

          Nach einer halben Stunde ließ der Regen nach. Um den Rucksack mit der wertvollen Kamera zu schützen, spannte ich meine Regenjacke darüber und knotete sie fest. Das funktionierte anfangs ganz gut. Aber bevor ich den nächsten Grashang hinuntergelaufen war, erwischte mich auch schon ein neuer Schauer. Ich war ihm ausgeliefert. Mein Windstopper hielt keine fünf Minuten stand, die Wanderhose klebte an den Beinen und leitete das Regenwasser zuverlässig in die Wanderstiefel. Natürlich hatte ich auch keine Gamaschen dabei. Ich setzte all meine Hoffnung auf das einsame Restaurant auf dem nächsten Pass. Dort wollte ich mich stärken und meine Kleidung trocknen. Das Restaurant war geschlossen.

          Das Gewicht des Rucksacks wurde unerträglich. Immer öfter musste ich anhalten und absetzen. Um kurz vor drei am Nachmittag hatte ich erst zwölf Kilometer geschafft, 19 lagen noch vor mir. Ich überlegte, ob ich biwakieren sollte, aber alle Plätze, die dafür in Frage kamen, waren vom Regen durchtränkt. Es blieb mir nichts übrig, als weiterzulaufen und die Launen des Wetters zu ertragen. Wenn die Kleidung gerade wieder getrocknet war, kam die nächste Dusche. Oder ich musste mich durch dichtes, nasses Gestrüpp zwingen. Mehr humpelnd als laufend und nach einem steilen Abstieg erreichte ich am späten Abend Elizondo, ein hübsches Städtchen mit alten Steinhäusern in der Provinz Navarra. Meine Fußsohlen brannten, die Knie zitterten. Ich war gewillt, für ein Hotelzimmer mit Badewanne jeden Preis zu zahlen, der von mir verlangt würde. So abgekämpft, wie ich aussah, war ich sowieso nicht in der Position zu verhandeln.

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