10.04.2001 · In der Wüste ist Salz das weiße Gold. Seit vielen Jahren werden die schweren Salzplatten von Kamelen Hunderte von Kilometern durch die Wüste getragen. Selbst im vergleichweise bequemen Jeep wird die gleiche Reise zu einer Begegnung mit Dürre, Einsamkeit und extrem harten Lebensbedingungen in der Sahara.
Von Jens MeyerDie erste Karawane wirkt noch irreal. Keine 50 Kilometer nördlich von Timbuktu erscheint die langgestreckte Linie am Horizont wie eine Fata Morgana. Doch schon bald ist sie direkt neben uns: 80 Kamele ziehen gemächlich an unseren beiden Geländewagen vorbei.
Beladen sind die Tiere mit vier etwa 40 Kilo schweren Salzplatten, zwei links, zwei rechts. Ihre Begleiter sind sechs zumeist barfüßige junge Mauren, verwegen verhüllt in indigofarbenen Tüchern, um ihre Gesichter vor Sand und Sonne schützen. Die Neugier ist beidseitig. Schließlich hat die Karawane auf ihrem mittlerweile fast 15-tägigen Treck durch die Wüste wenige Fahrzeuge und noch weniger Touristen gesehen.
Ihr Ziel ist Timbuktu, der verstaubte Mythos am südlichen Rand der Sahara. Dort werden die Männer die Salzplatten auf dem Markt verkaufen, ihre Kamele ein paar Wochen weiden lassen und dann, im selben Rhythmus wie seit Jahrhunderten, den Weg zur Quelle des Salzes antreten: Taoudenni im Norden Malis. Auch unser Ziel.
Allerdings werden wir für die gut 700 Kilometer lange Strecke keine vier Tage benötigen - vorausgesetzt, wir finden den Weg, denn Straßen gibt es hier ebenso wenig wie Duschen oder Telefone. Immerhin sind wir mit französischen Militärkarten und modernen GPS-Geräten ausgestattet. Und wir haben Mohammed Lamin dabei, unseren maurischen Führer aus Timbuktu, der die Wüste so gut wie seinen Vordergarten zu kennen behauptet. Kein besonders üppiger Garten.
Araouane, letzter Außenposten der Zivilisation
Nach einem knappen Drittel der Strecke taucht vor uns eine kleine Siedlung auf - Araouane, der letzte Außenposten der Zivilisation vor der endlosen Wüste. Zu Kolonialzeiten musste hier ein Häuflein Fremdenlegionäre zum Ruhme der Grande Nation ausharren. Wie damals kämpfen die 200 Einwohner heute vor allem gegen den allgegenwärtigen Sand.
Am Rande des Dorfes steht das einzig größere Gebäude, doch es ist seit Jahren unbewohnt und zerfällt zusehends. Ein idealistischer Amerikaner hatte mit seinem Projekt „Bäume für Araouane“ versucht, die Wüste zum Blühen zu bringen. In den Gärten wuchsen Obst und Gemüse, ein Hotel beherbergte authentizitätshungrige Rucksacktouristen. Doch die Tuareg-Rebellion in den frühen Neunzigern machte dem Projekt ein Ende. Nach wiederholten Plünderungen gab der Amerikaner entmutigt auf. Mittlerweile ist es wieder halbwegs friedlich in Mali und in Araouane spricht man von dem Amerikaner ein wenig wie vom Messias: Nächsten Monat kommt er wieder, ganz bestimmt.
Mühsamer Salzabbau in Taoudenni
Hinter Araouane geht die Sahara richtig los. Kein noch so armseliger Baum, der dem ausgetrockneten Auge Ablenkung bietet. Nichts als Wüste - mal rot, mal gelb, mal steinig, mal dünig. Die gelegentlich in der Ferne vorbeiziehenden Salzkarawanen sind jedes Mal ein kleines Ereignis. Sonstige Lebewesen erkennt man nur auf den zweiten Blick: Wüstenmäuse und Schlangen hinterlassen kurzfristig ihre Spuren im Sand, eine erschrockene Echse läuft uns über den Weg. Das Vorankommen ist bisweilen beschwerlich. Mehrmals bleibt ein Jeep im tiefen Sand stecken und muss freigeschaufelt werden, bei einem der Autos streikt der Anlasser. Dazwischen eine sechsstündige Fahrt durch eine pockennarbige Mondlandschaft, in der die Autos nicht schneller als mit 20 Stundenkilometer vorankommen.
Am Nachmittag des vierten Tages werden wir schließlich aus der zunehmenden Lethargie gerissen: Vor uns liegt Taoudenni. Eingerahmt von steinernen Hügeln schimmert die mindestens 40 Quadratkilometer große Ebene rötlich im Nachmittagslicht. Nach einigen Kilometern stoßen wir auf die Salzminen.
Hier, mitten in der Sahara, wird das Salz ebenso archaisch abgebaut wie es nach Timbuktu transportiert wird. Mit Spitzhacke und Schaufeln heben die Arbeiter 20-30 Quadratmeter große Gruben aus. Bereits nach einem Meter stoßen sie auf die erste Salzschicht. Mindere Qualität. Darunter liegen zwei weitere Schichten, von denen die tiefste die besten Preise in Timbuktu erzielt. Direkt aus den Gruben oder aber aus den sich daraus anschließenden, nur behelfsmäßig stabilisierten Tunneln werden große Quader aus den Flözen gehackt und in die länglichen 40-Kilo-Platten gespalten, die von den Kamelen getragen werden können.
Nur der achte Tag ist frei
Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal. Mehrere Hundert Männer und einige Kinder arbeiten bis zu 14 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche. Der achte Tag ist frei, sagt man. Viele nutzen ihn, um auf eigene Rechnung Salz zu schlagen. Ärzte gibt es hier so wenig wie Frauen, geschlafen wird in alten Gruben, über die ein wackliges Steindach errichtet wurde. Wasser wird einige Kilometer entfernt aus einem Brunnen geschöpft, es schmeckt salzig.
Für die Knochenarbeit gibt es selten mehr als 30 Mark Lohn im Monat. Besser verdienen die Selbständigen, die ihre Salzblöcke direkt an die Karawanenführer verkaufen. Zwischen fünf und neun Mark werden je Platte gezahlt, je nach Qualität. Ein geübter Mann schafft sechs am Tag. Der Direktverkauf steht im Prinzip jedem frei, der Salzsee ist schließlich groß genug. Doch die wenigsten machen es, denn es gibt einen Haken: die Logistik. Die Patrons sorgen für das Nötigste: Mahlzeiten, Wasser und ein Dach über dem Kopf. Das auf eigene Faust zu organisieren, ist teuer.
Früher die Arbeit von politischen Gefangenen
Auch wenn hier bis vor einigen Jahrzehnten missliebige politische Häftlinge schufteten, heute sind alle Männer freiwillig hier. Warum macht ihr das, fragen wir einen etwa 30-jährigen Arbeiter. Hamadou zuckt mit den Schultern: „Was bleibt mir sonst übrig.“ Er hat eine Familie zu ernähren und in seinem Heimatdorf gibt es keine Arbeit. Zwei Monate ist er schon hier, weitere vier wird er bleiben. Dann wird er fast 400 Mark heimbringen - ein durchschnittliches Jahressalär in Mali.
Für die Halbnomaden der Sahelzone ist der Salzabbau in Taoudenni seit Jahrhunderten eine der wenigen Geldquellen. Wie damals werden sie allerdings auch heute mit einem Hungerlohn abgespeist - das Geld mit dem weißen Gold der Wüste machen die Zwischenhändler auf dem Weg nach Süden. Eine Platte, die vor Ort für neun Mark den Besitzer wechselt, erzielt auf dem Markt von Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, mit etwas Glück den fünfzehnfachen Preis. Weniger hochwertige 40-Kilo-Brocken werden von den Viehzüchtern des Sahel immer noch für bis zu 50 Mark gekauft.
Das ist zwar längst nicht mehr so viel wie im 11. Jahrhundert, als das Salz aus der Sahara noch in Gold aufgewogen wurde, ein gutes Geschäft ist es allemal. Aber nur dank der billigen Arbeitskraft. Jene der zumeist schwarzen Arbeiter in den Salzminen, aber auch die der maurischen Karawanenführer, die einen Monat für die Rundreise benötigen. Und trotzdem könnten die Tage der Salzkarawanen gezählt sein. Neben dem günstigeren Raffinade-Salz der Küste droht die Technik. So wird die Stille der Sahara immer häufiger durch das Aufheulen von schweren Dieselmotoren gestört - Lastwagen, die sich den Weg nach Taoudenni bahnen.
Auf unserem Rückweg erleben wir die gefährlichsten Momente der gesamten Reise: Keine 50 Kilometer vor Timbuktu wirkt das einsame Licht, das wir im Halbdunkel am Horizont sehen, fast irreal - hier gibt es doch gar nichts. Erst im allerletzten Moment merken wir, dass das Licht der Scheinwerfer eines LKWs ist, der uns mit Volldampf entgegenrauscht - und nur um Haaresbreite verfehlt. Abrupter Abschied aus der Welt der Karawanen.