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Serie: Heimat (Folge 1) : Im Irgendwo zwischen Grün und Braun

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Alles nur Lug und Trug? Für seinen Kinofilm „Die andere Heimat“ hatte Regisseur Edgar Reitz den Gebäuden des Hunsrückdorfes Gehlweiler heimelige Fassaden aus Kunststoff übergestülpt. Bild: Petra Stüning

Denken wir uns eine Familie vom Lande, zum Beispiel die Groethusens. Und schauen wir, wohin in die Welt das Schicksal und die Politik sie führen.

          Als ich groß wurde, in den kritischen siebziger Jahren, war Heimat ein Unwort. Was mit ihm zusammen erschien, war schon gerichtet: Heimatliteratur, Heimatkunst, Heimatfilm. Die Heimatvereine galten als reaktionär, die Heimatvertriebenen als revanchistisch. Zumindest in meinen Kreisen wurde man nicht mehr gefragt, wo man seine Heimat habe; allenfalls, wo man hergekommen, besser, wem man entkommen sei. Mir scheint, das Wort Heimat musste für den Missbrauch büßen, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts damit getrieben wurde. Es fiel der politischen Korrektheit zum Opfer, also der Vorstellung, dass man das Böse bannen könne, wenn man die Worte, die es benutzt hat, nicht mehr ausspricht.

          Mittlerweile hat das Wort Heimat offenbar ausgebüßt. Man gebraucht es wieder, vor allem, weil man es wieder braucht, zum Beispiel, um über Arbeitsmobilität und Migration sprechen zu können. Ich darf also wieder Heimat sagen, und ich nehme das zum Anlass, mich zu fragen, was denn dieses fremde neue Wort eigentlich bedeutet. Heimat ist sicher kein Wort wie Bett oder Schrank. Es bezeichnet weniger eine Sache und mehr ein Urteil oder ein Gefühl. Aber ich will nicht spekulieren, lieber begebe ich mich auf eine Zeitreise in die Geschichte dieses vertrackten Wortes.

          Erste Station (um 1750)

          Meine Zeitreise beginnt im achtzehnten Jahrhundert, in einer ländlichen Region Deutschlands. Der erste Mensch, den ich dort nach seiner Heimat frage, ist der Bauer Groethusen. Und siehe da - er hat gar keine Heimat! Das heißt: Das Wort Heimat benutzt er nicht, weil er es nicht benötigt. Irgendeine Fremde, von der aus er das ihm Vertraute Heimat nennen könnte, kennt er nicht. Seit Generationen lebt seine Familie auf demselben Hof; sein Lebensraum ist für ihn eine schiere Selbstverständlichkeit.

          Heimat, das ist damals ein Wort aus der Verwaltungssprache. Zugereiste Knechte beantragen Heimatscheine, weil die ihnen erlauben, später im Armenhaus zu leben. Ich lasse also den Bauern Groethusen rasch wieder allein, er kann mir ja nicht helfen. Für ihn ist alles Heimat, da ist das Wort ganz überflüssig.

          Zweite Station (um 1850)

          Nach einigen Missernten in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wandert ein Urenkel des Bauern Groethusen nach Amerika aus, ein anderer in den Osten Europas. Für beide entwickeln sich die Verhältnisse an ihren neuen Lebensorten gut, besonders für den Amerikaner. Er hat zwar den angestammten Lebensraum seiner Vorfahren verlassen müssen, aber die Erinnerung daran quält ihn nicht, denn jetzt geht es ihm wesentlich besser. Anfangs hat er sich im amerikanischen Westen ein wenig fremd gefühlt, doch alle seine Nachbarn sind ebenso Zugewanderte wie er. Wo Fremdheit der Normalfall ist, existiert sie nicht. Außerdem schützt nichts so gut vor Sentimentalität wie harte Arbeit, die guten Gewinn bringt.

          Dritte Station (um 1870)

          Die Lage auf dem alten Groethusenhof in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht gebessert. Die jüngsten Nachkommen ziehen daher in die Stadt und werden Fabrikarbeiter. Das neue Leben ist allerdings nicht nur ebenso hart und ärmlich wie das auf dem Hof; zudem fühlen sich die Groethusens jetzt auch entwurzelt. Es fehlt ihnen der Kontakt zur Natur; Selbstverständlichkeiten wie die Nachbarschaft oder die dörflichen Bräuche sind im Stadtleben verlorengegangen. So wird „Heimat“ für die städtischen Groethusens erstmals zu einem wichtigen emotionalen und zugleich negativ besetzten Begriff. Knapp gesagt: Heimat ist ihr Wort für einen existentiellen Verlust!

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