So romantisch, wie es auf alten Fotos den Anschein erweckt, waren die guten alten Skifahrerzeiten nicht immer. Frühmorgens sind sie mit den Skiern auf der Schulter durch die Dörfer gestiefelt, haben sich in der Schlange vor dem Lift eingereiht und geduldig darauf gewartet, dass sie endlich in den klapprigen Einersessel einsteigen konnten. In gemächlichem Tempo froren sie dann bergwärts. Gegen die Minusgrade halfen die alten Anoraks und die dünnen Skihosen kaum. Mit solchen archaischen Erlebnissen müssen sich Wintersportler heute nicht mehr quälen. Morgens rollen sie mit der Limousine vor die Talstation und parken auf reservierten Plätzen. Um die Ausrüstung kümmert sich der Portierservice. Dann macht man es sich in der Premium-Gondel bequem. In der Mittelkonsole lassen sich Bildschirm und HiFi-Anlage bedienen. Champagner schwappt während der Bergfahrt gemächlich in den Gläsern, die in speziellen Behältern ruhen. Oben auf der Sonnenlounge warten die reservierten Wasserbetten und das Brunchbuffet.
Mit solchen Annehmlichkeiten können sich in diesem Winter die Gäste im Skigebiet Hochzillertal den Skiausflug bereichern lassen. Das gibt es natürlich nicht zum marktüblichen Tageskarten-Tarif. Wer den VIP spielen will, darf dafür ab 150 Euro für zwei Personen investieren. Ob sich das lohnt, bleibt eine Geschmacksfrage. Hinter dieser neuen Offerte steckt eine Kooperation zwischen dem Skigebiet, dem Südtiroler Lifthersteller Leitner und BMW. Eine Luxusgondel im Stil der Siebener-Serie von BMW soll mehr zahlungskräftige Gäste anlocken. Diese Glamourofferte unterstreicht den Trend, das Skifahren mit Mehrwert zu versehen und so aus dem recht austauschbaren Angebot zu strahlen. Moderne Bahnen besitzen oft Ledersessel, getönte Scheiben und Sitzheizung.
Testfahrten mit Luxusschlitten
Immer häufiger suchen sich Skigebiete Werbepartner wie BMW, um ihre Angebote marktgerecht aufmöbeln zu können, auch viele Hotels. So ist es bei den Kitzbüheler Fünfsternehäusern mittlerweile Standard, mit einer Premium-Automarke zu kooperieren und den Gästen Testfahrten mit teuren Geländewagen anzubieten.
Dass Seilbahnen für Schlagzeilen gut sind, zeigen Beispiele in der Schweiz. Im Skigebiet Laax in Graubünden wurde mit dem neuen Lift Lavadinas-Fuorcla Sura eine Weltneuheit angekündigt. Das bezieht sich darauf, dass der von Porsche Design entworfene Sechser-Sessellift beim Verlassen der Talstation eine 45-Grad-Drehung vollzieht, damit die Passagiere eine bessere Aussicht genießen können. Die Sitzheizung wird von einer eigenen Photovoltaikanlage versorgt. Dass in Zell am See Gondeln mit Porsche-Design im Einsatz sind, muss niemand wundern. Schließlich ist dort ein Großteil des Porsche-Clans zu Hause und ist der Autokonzern auch Anteilseigner an der Liftgesellschaft. Am Stanserhorn bei Luzern wurde im Sommer eine Cabrio-Seilbahn eröffnet. Die Kabine besteht aus einer unteren, weitgehend verglasten Etage für sechzig Personen, die mit einer Treppe mit der oben offenen Etage verbunden ist, in der weitere dreißig Personen Platz finden. Die gesamte aufwendige Konstruktion ließen sich die Schweizer mehr als 23 Millionen Euro kosten. Für Wintersportler gibt es das Cabriovergnügen derzeit nicht. Die Stanserbahn macht ab Mitte November Winterpause.
Der frühe Vogel findet das Glück
Dass die Bergfahrt zum elitären Erlebnis wird, dokumentieren die Bemühungen der Winterdestinationen, zusätzlich zum Skifahren Erlebnisse zu schaffen. Nach amerikanischem Vorbild offerieren immer mehr Skigebiete in den Alpen frühmorgendliche Sonnenaufgangsfahrten. Die „First Track“-Ausflüge, wie sie nach dem seit vielen Jahren erfolgreichen Angebot im kanadischen Whistler oft genannt werden, starten vor dem offiziellen Skibetrieb und bieten den Teilnehmern das, was der durchschnittliche Skifahrer nur noch von Werbebildern kennt: leere, perfekt präparierte Pisten. In Zermatt, Serfaus, in Alta Badia und im Zillertal, im Montafon oder auf der Turracher Höhe werden unter anderem solche exklusiven Fahrten angeboten. Das frühe Aufstehen scheint die Skifahrer ebenso wenig zu stören wie die Minustemperaturen in luftiger Höhe. „Beim Sonnenaufgang auf leeren, frisch präparierten Pisten zu fahren ist ein exklusives Erlebnis, das Einheimische und Gäste gleichermaßen begeistert. Kein Wunder, dass die Termine fast immer ausgebucht sind“, begründet Georg Hoblik, Vorstand der Silvretta Montafon Bergbahnen den Erfolg.
Mittlerweile hat man im Montafon einen Bergerlebnis-Katalog aufgelegt mit diversen Skisafaris und abendlichen Exkursionen. Ganz offensichtlich besteht akuter Handlungsbedarf, etwas über den alltäglichen Skibetrieb hinaus anzubieten. Das klassische Skifahren auf der Piste bietet offensichtlich immer weniger die Aufregung, die für die Buchung des Winterurlaubs den Ausschlag gibt. Skifahren ist nicht nur teuer geworden, es hat sich immer mehr vom sportlichen Individualismus zum Massenbetrieb entwickelt. In den letzten Jahren wurden in vielen Orten die Infrastruktur und die Transportkapazität der Bahnen so stark ausgebaut, dass zwar die Wartezeiten deutlich kürzer wurden, dafür aber der Verkehr auf der Piste stark angewachsen ist. Der Spaß bleibt dabei auf der Strecke, was auch die Einheimischen zu spüren bekommen. In einem Zeitungsinterview hat es Willi Mathies, der am Arlberg sehr populäre ehemalige Skischulleiter, so ausgedrückt: „Letztes Jahr wollte ich eine Woche Ski fahren, bin aber am zweiten Tag wieder heimgefahren. Auf keiner Hütte hast du Platz bekommen, bei jedem Schwung hast du dich umschauen müssen, dass dir keiner in den Hintern fährt.“
Kaffee trinken in den Wolken
Dass nun immer mehr Skifahrer lieber mit Tourenausrüstung ins Gelände flüchten, ist nur eine logische Konsequenz. Skitouren sind in den letzten Wintern extrem populär geworden. Früher waren es fast ausschließlich Einheimische, die sich alleine ins unverspurte Gelände wagten. Heute tummeln sich viele unerfahrene Flachländer neben und auf den Pisten und steigen auf in Richtung Gipfel. Die Liftbetreiber waren darüber wenig erfreut, dass auf ihren Abfahrten nun immer mehr Menschen ohne bezahltes Liftticket unterwegs waren, die nun auch immer häufiger abends aufstiegen und bei nächtlichen Abfahrten nicht nur frisch präpariertes Terrain verspurten, sondern auch Gefahr liefen, sich an Seilwinden der Pistenraupen zu verletzen. Zwischen Tourengehern und Liftbetreibern gab es teils heftige Auseinandersetzungen, was sich nun etwas zu mildern scheint, da in mehreren Skigebieten eine Kompromisslösung gesucht wird. Im bayerischen Sudelfeld-Gebiet ist in diesem Winter eine spezielle Skitouren-Route ausgeschildert worden, und es wird jeden Mittwoch ein Skitourenabend angeboten, an dem keine Pistenraupen unterwegs sind.
Natürlich versuchen die Skigebiete auch auf der Piste zusätzliche Attraktionen zu schaffen. Qualitätsverbesserungen spielen eine wichtigere Rolle, nachdem aus ökologischen und politischen Gründen der Ausbau der Gebiete immer schwieriger zu realisieren ist. Neue Skigebiete gibt es praktisch nicht mehr. Dafür konzentrieren sich die Aktivitäten stärker auf den Zusammenschluss kleinerer Gebiete, wie es in diesem Winter mit der Verbindung von der Wildschönau und Alpbach in Tirol der Fall ist. „Ski Juwel“ nennt sich der neue Verbund mit 145 Pistenkilometern und 47 Liftanlagen, der mit dem Bau zweier Seilbahnen möglich geworden ist. In Tirol ist weiterhin der Zusammenschluss am Piz Val Gronda im Paznaun genehmigt. Im Gespräch sind dazu noch die Verbindung von Glungezer und Patscherkofel bei Innsbruck und Hochötz im Ötztal mit Kühtai. Auf dem Pitztaler Gletscher hat eine Achter-Kabinenbahn Premiere, die nun bis zur Bergstation der Wildspitzbahn auf 3440 Metern und dort zum höchsten Kaffeehaus Österreichs führt.
Gourmetimbiss am Pistenrand
Wie schafft man es nun, den Skifahrern wieder mehr Vergnügen auf der Piste zu bieten? Da gehen die Meinungen weit auseinander. In Alta Badia in den Dolomiten baut man seit Jahren auf gutes Essen. In den Hütten werden Gerichte von Spitzenköchen mit regionalen Zutaten aufgetischt. In diesem Winter gibt es neu unter der Bezeichnung „Slopefood“ kleine Gourmetimbisse zum Mitnehmen. Weil vor allem junge Skifahrer gefragt sind, wachsen überall W-LAN auf den Pisten, damit sich Skifahrer und Snowboarder filmen und die Videos umgehend in ihren Netzwerken posten können. Auf dem Kitzbüheler Horn gibt es neu eine Skicross-Skimovie-Route, wo sich der ambitionierte Selbstdarsteller mit Skipass und speziellem Code bei seinem Run filmen lassen kann. Auch in Scheffau und auf der Schmittenhöhe bei Zell am See warten solche Skimovie-Strecken.
Vielleicht ist aber auch ein neues Angebot in Bad Kleinkirchheim in Kärnten das probate Mittel, um junge Skifahrer zu gewinnen. Dort können sich Teenager von gleichaltrigen Guides durch das Skigebiet führen und in den Snowpark zur „Party am Berg“ begleiten lassen. Und Kinder bis zu zwölf Jahren fahren für einen Euro pro Tag mit den Liften, wenn die Eltern einen Sechstage-Skipass erworben haben. Nun gibt es in den Skigebieten viele preisgünstige Angebote für den Nachwuchs, können Kinder mal bis sechs Jahre und mal bis zu acht Jahren gratis mitfahren.
Der Montag gehört den Frauen, der Freitag den Männern
Aber wirklich familienfreundlich ist das Skifahren nicht. Immer dann wenn die Kinder Ferien haben, gelten Hochsaisontarife, und die freundlich formulierten und günstigen Familienpakete sind auf Nebensaisonwochen beschränkt. Ein kleiner Trost könnte es sein, wenn zum Beispiel die Kitzbüheler Alpen für so ziemlich alle Zielgruppen vergünstigte Tarife an besonderen Tagen offerieren. Da gibt es den Lady-Montag, den Dienstag und Donnerstag für die Generation 60plus, den Student’s Day am Mittwoch, den Men’s Day am Freitag und für den Nachwuchs das Junior’s Special an Samstagen und Sonntagen.
Während das Partyvolk wie gewohnt zu den einschlägigen Eventorten wie Ischgl, Saalbach, Obertauern und Sölden pilgert, suchen immer mehr Skifahrer eher stressfreie Reviere. Das unterstreicht auch der bereits seit einigen Jahren anhaltende Trend in der Hotellerie: weg von großen Häusern, hin zu kleinen individuellen Quartieren. Ganz auf diesen Trend zum individuellen Urlaubs-Logis baut auch das wahrscheinlich spektakulärste Hotelprojekt dieses alpinen Winters. Im Dezember eröffnet in Kals am Großglockner das Gradonna Mountain Resort auf 1350 Metern Höhe direkt an den Pisten. Zu der Viersterne-Superioranlage direkt an der Skipiste gehören 39 Chalets mit 150 Quadratmetern sowie drei Deluxe-Chalets 250 Quadratmetern Fläche sowie Sauna und Frischluftatrium. Das Resort bietet zudem noch ein Hotel inklusive Naturkostladen. Das spektakuläre 50-Millionen-Euro-Projekt hat nicht nur Freunde. Während die Touristiker der Region die Bereicherung der hiesigen Hotellerie begrüßen, wettern Osttirols Grüne gegen das mächtige Bauwerk in dem bislang idyllischen Dorf. Reagiert hat auch der Österreichische Alpenverein (ÖAV) - und Kals aus dem Netzwerk der ÖAV Bergsteigerdörfer ausgeschlossen.
Ein Hotel ganz aus Strohballen
Luxuschalets am Berg sind nicht die einzige Option, die wachsende Sehnsucht der Menschen nach Urlaub nah an der Natur zu bedienen. In der Schweiz eröffnete am Skigebiet Télé-Mont-Noble im Val d’Hérens ein Strohhotel, in dem nicht, wie in solchen Häusern üblich, im Stroh geschlafen wird. Das Maya Guesthouse in Nax ist landesweit das erste Hotel, das aus Strohballen erbaut wurde.
Wem das nun immer noch nicht genug Natur ist, der kann sich auch auf eine Winterreise zu den Inuit im Norden Kanadas machen. „Living the Inuit Lifestyle“ heißt die ganzjährige Offerte, eine Woche lang am Dorfleben in Kimmirut teilzunehmen und beim Eisfischen mit den Einheimischen dabei zu sein.
VIP spielen im Hochzillertal, Informationen unter www.ski-optimal.at.
Skitourenroute und Skitourenabend gibt es im Gebiet www.sudelfeld.de.
Zusammenschluss von Wildschönau und Alpbach zum „Ski Juwel“, www.skijuwel.com.
Die neue Kabinenbahn, die zum Kaffeehaus auf 3440 Metern führt: www.pitztaler-gletscher.at.
Die Skimovie-Route befindet sich am Kitzbüheler Horn, Informationen unter www.kitzalps.com.
First-Track-Ausflüge gibt es in www.zermatt.ch, www.altabadia.org, in www.montafon.at zusätzlich Skisafaris und Erlebnistouren.
Jugendliche führen Jugendliche in www.badkleinkirchheim.at.
Die Luxuschalets in Kals am Großglockner: www.gradonna.at.
Das Strohballenhotel findet man unter www.maya-guesthouse.ch.
Am Inuit-Dorfleben teilzunehmen ist in Kanada möglich: www.meinkanada.com.