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Amerikas Westküste : Im gedopten Land

  • -Aktualisiert am

Berge wie angemalt: Painted Hills. Bild: Oliver Maria Schmitt

Im Bielefeld des Wilden Westens: Die schrägen Wunder Oregons – von der Küste bis zur Wüste.

          Es war alles total schräg: diese Farben, diese Klänge und Aromen! Kam das vom sauren Diesel? Vom Purple Tomahawk oder vom Space Candy? Hey, panta rhei: Alles floss, um mich herum Fässer, Amphoren und Tanks und mittendrin ein großer Gabelstapler. Marmeladenrot leuchteten die Wände des Probierraums, aus den Boxen wummerte Metallica, und aus Barnaby röhrten klare Anweisungen: „Probier den hier, der wirkt mechanisch!“ Er kicherte irre und schenkte mir einen orangerosafarbenen Wein ein.

          „Das ist krasser Stoff“, brüllte Barnaby und verzog seinen gefährlichen Schnauzbart, „ich hab’ ihn aus Spätburgunder, Scheurebe und Huxelrebe gemacht.“ Wir waren allein in seiner kleinen Garagenkellerei im Südosten Portlands, und ich war sein Gefangener. Fahles Nachmittagslicht troff durch die Dachluken. Auf dem Flaschenetikett waren Zahnräder zu sehen, der Wein hieß „Sprockets“ und schmeckte krass nach Orangenschale, Paprika und frischem Katzenpipi. Zuvor hatte ich seine Abfüllung „Pig & Swords“ verpasst bekommen, ein tückischer Mix aus Spätburgunder, Müller-Thurgau und Gutedel. In Deutschland wäre der Mann für so was verhaftet worden. Doch Barnaby Tuttle machte einfach, was er wollte: Wein aus deutschen Rebsorten, die in Oregon keiner kannte und niemand aussprechen konnte. Nicht umsonst hieß seine Klitsche „Teutonic Wine Company“, und was er da in seiner Garage zusammenbraute, das schmeckte so laut wie die Musik, die durch den Raum hallte.

          Haltet Portland verrückt!

          Dann schenkte er mir einen Verschnitt aus Riesling, Chardonnay und Gewürztraminer ein, das Zeug nannte er „Jazz Odyssey“. Lauernd sah er mich an. „Sagt dir das was? Das ist ein Song aus dem Film ,Spinal Tap‘, der komischsten Rockumentary der Welt! Jetzt muss was passieren, Mann!“, schrie der Rocker, sprang auf, schmiss „Spinal Tap“ in den Player und goss mir nach. „Wir sitzen hier rum, besoffen und breit, anstatt uns zu fragen: Was ist das nächste große Ding? Ich sag dir: Dieses Ding steht unmittelbar bevor, so wie Haight-Ashbury damals in San Francisco. Wein ist der neue Punkrock, Mann! Hey, hier in Portland sind viele Punks im Weingeschäft! Keep Portland weird!“

          Den Spruch kannte ich schon, es war der halboffizielle Stadtwerbeslogan. Doch hatte ich den Eindruck, dass nicht nur Portland irgendwie weird war, schräg, bizarr und ein bisschen plemplem, sondern auch der ganze Bundesstaat drum herum. Seit einer Woche war ich hier schon unterwegs, und noch immer war ich im Staun- und Kopfschüttelmodus.

          Weed, zu deutsch Gras. Der Konsum ist in Oregon legal. Weintrinken auch.

          Schon die erste Frage, die mir in Oregon gestellt wurde, war verblüffend klar und direkt: „Need weed?“ wollte ein riesiges Schild am Straßenrand wissen – ob ich Gras brauchte. Gerade hatte ich diesen mir unbekannten Westküstenstaat über eine Brücke erreicht, die so lang war, dass ich mich unterwegs fragte, ob das Benzin noch bis zum anderen Ende reichen würde. Die Astoria Bridge, ein endlos langer Stahlgitterkoloss, schwang sich kühn über den sechs Kilometer breiten Columbia River, der die Grenze nach Norden zu Washington bildet. Das erste Haus war auch gleich der Haschladen.

          Flanellhemden sind obligatorisch

          Von einem tätowierten Dicken ließ ich mich kompetent beraten und kaufte ein paar Gramm „Purple Tomahawk“, weil das gerade „alle Rapper“ rauchten, ein wenig „Space Candy“, das euphorisch und entspannt zugleich machen sollte, und „Original Sour Diesel“ wegen seines interessanten Namens. Der Dicke kriegte sich überhaupt nicht mehr ein, dass ich neu und noch nie in Oregon war. „Sei froh, dass du endlich hier bist, Mann! Hier gibt’s alles: Kunst, Kultur, Outdoor, die besten Restaurants und natürlich Portland! Oregon ist der coolste Bundesstaat, schau dir unsere sieben Wunder an! Alles ist viel billiger als in Kalifornien oder Seattle, wir haben keine Sales Tax, dafür aber legales Dope, und an der Tanke wirst du immer bedient. Und wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte einfach zehn Minuten.“

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