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Mönchsrepublik Athos : Der Herr erbarme sich unser

  • -Aktualisiert am

Ein Tor nicht hinaus in die Welt, sondern eher hinauf in den Himmel: Im Kloster Megisti Lavra auf Athos Bild: Alessandro Saffo/SIME/Schapowa

Es ist eine Welt wie jenseits der Welt und doch auch unser aller Zuhause: Was passiert mit einem Ungläubigen, wenn er die Mönchsrepublik Athos im Norden Griechenlands besucht?

          Es gibt Hunderte Sorten von Cola, aber nur eine wahre Cola, nämlich Coca-Cola. Nur Coca-Cola ist im Besitz der Originalrezeptur. Pepsi und all die anderen sind nur erbärmliche Imitate, schwächlicher Abklatsch.“ So erklärt uns der Mönch den Unterschied zwischen orthodoxer Kirche und den übrigen christlichen Konfessionen. Wir nicken zaghaft, nippen am Begrüßungsschnaps und nehmen uns von der klebrigen Loukomi-Süßspeise. Der Mönch erinnert mit seinen dunkel blitzenden Augen und dem struppigen Bart an Rasputin. Hinter ihm geben große Fenster den Blick auf ein schmales, sonnendurchflutetes Tal frei. Zypressen und riesige Fenchelpflanzen neigen sich mit dem Wind in Richtung der nahen Ägäis.

          Wir kommen aus Berlin, der gottlosesten Stadt der Welt. Die Gottlosigkeit unserer Stadt hat kulturgeschichtliche, aber wohl auch städtebauliche Ursachen. Das alte Kreationistenargument, nur ein intelligenter Schöpfer könne Urheber eines derart raffinierten und harmonischen Universums sein, läuft in Berlin ins Leere. Die Welt zwischen Tempelhofer Feld und Potsdamer Platz ist derart gezeichnet von Fahrlässigkeit, dass der Glaube an irgendein ordnendes Prinzip absurd erscheint. Das finden wir meistens gut so. Auf den Brachflächen dieser Stadt können wir ungestört an unseren Identitäten basteln, beobachtet nur von den gutmütigen Augen unserer Wahlverwandtschaft. Doch manchmal, wenn der Hedonismus sich schal anfühlt und unsere Liebes- oder Erwerbsbiographie einmal mehr im märkischen Sand festgefahren ist, fragen wir uns, wie eigentlich die anderen leben. Wie es sich anfühlt, eine Welt jenseits von Selbstverwirklichung und ökonomischem Sachzwang zu bewohnen. Wie es etwa sein mag, sein Leben und seinen Alltag diesem Gott zu widmen.

          Ein asketischer Sehnsuchtsort

          So stehen wir an einem Sommermorgen am Hafen von Ouranopoli im Norden Griechenlands und warten auf die Fähre, die uns zur autonomen Mönchsrepublik Athos bringen wird. Die Aussicht bestätigt unsere Überlegungen: Glaube ist nicht nur eine Frage von Einkehr und Offenbarung, sondern auch von Geographie. Der zweitausend Meter hohe Gipfel des Berges Athos ragt aus der Ägäis wie ein transzendentaler Blitzableiter und deutet auf den Himmel, von dem wir kaum glauben mögen, dass er auch hier ein kopernikanischer ist. Wir sind nicht die ersten Betörten. In ihrer tausendjährigen Geschichte hat die Mönchsrepublik immer wieder als asketischer Sehnsuchtsort herhalten müssen. Schon Lord Byron träumte mit seinem Childe Harold von einem Leben als Eremit auf dem Berg. In den zwanziger Jahren kam ein entfernter Verwandter, Robert Byron, für einen Sommer hierher und schrieb ein lesenswertes Buch darüber: „The Station“. Das fiel dem jungen Patrick Leigh Fermor in die Hände, der daraufhin seine berühmte Europa-Wanderung von Hoek van Holland bis zum heiligen Berg unternahm. Leigh Fermor sollte später die Asche des früh verstorbenen Bruce Chatwin in den griechischen Wind streuen. Dieser war kurz vor seinem Tod und nach einem Besuch auf Athos zum orthodoxen Glauben konvertiert.

          Selbst Gottesdiener brauchen manchmal eine Pause: Drei Mönche blicken aufs Wasser der Ägäis.
          Selbst Gottesdiener brauchen manchmal eine Pause: Drei Mönche blicken aufs Wasser der Ägäis. : Bild: Jan Grossarth

          Und nun wir. Die Fähre bringt uns nach Dafni, dem Haupthafen der Halbinsel, einem winzigen Ort, der nur einmal am Tag von der Fähre aus seinem tiefen Schlaf gerissen wird. Gruppen kichernder Mönche begrüßen und verabschieden sich, ein paar Pilger posieren fürs Gruppenfoto, Waren werden verladen. Dann legt die Fähre wieder ab, Pick-ups brausen davon, und in dem kleinen Café sitzen nur noch die drei Jungs von der Hafenpolizei. Wir sind nervös. Um den heiligen Berggipfel haben sich mittlerweile dunkle Wolken gelegt, es donnert in der Ferne. Wir fühlen uns plötzlich wie hilflose Hobbits, die man in Mordor ausgesetzt hat. Wird man uns und unsere gottlose Neugier hier überhaupt dulden?

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