Was dem Frankfurter der Rheingau, das ist dem Kapstädter Stellenbosch: grüne Hügel direkt vor der Haustür und alle paar Meter ein Winzer. In den vergangenen Jahren wurden es immer mehr, der Weinanbau am milden Kap mit seinen mikroklimatischen Nischen scheint sich zu lohnen. Inzwischen zählt man etwas mehr als fünfhundert private Kellereien und achtundfünfzig Genossenschaften.
Das erste Weingut, das wir besuchen, heißt Delaire-Graff. Gut, dass es dransteht, man hätte es sonst nicht geglaubt. Wir biegen auf einen Parkplatz ein, auf dem gerade ein Rudel Polohemdträger seinen Ferraris entsteigt, was Väter in Trekkingsandalen dazu bewegt, ihre Söhne davor zu plazieren und mit der Handykamera abzulichten. Am besten, man dreht diesen Szenen den Rücken zu und schaut über die gepflegt verwilderten Rabatten ins Panorama. Das grünt in wohlgefälligen Wellen, am Horizont blaue Bergketten, im Vordergrund sitzen zwei lebensgroße Geparden in Bronze und sinnieren vor sich hin.
Stahl, Glas und übermannshohe Skulpturen
Für Laurence Graff, seines Zeichens Diamantenhändler, ist das Weingut mehr Hobbyprojekt als Einnahmequelle. Es hilft natürlich, dass er nicht aufs Geld schauen muss, aber wie sehr er nicht aufs Geld schauen muss, kann einen schon einschüchtern. An übermannshohen Gasfackeln flackern ewige Flammen sinnlos in den hellen Vormittag, dahinter der architektonisch ambitionierte Eingang in etwas, was auch bestens als Museum für moderne Kunst funktionieren würde, stünden nicht ab und an ein paar Flaschen in Wandnischen und erinnerten an den Zweck des Baus. Viel Stahl, viel Glas, hier und da sichtlich patinierte Holzplanken, die uns alle paar Meter ins Gedächtnis rufen, dass es nicht um die monströsen Fauvisten geht, die in ihrer ganzen gestischen Expressivität an der Wand hängen und optische Unruhe verbreiten, oder um die übermannshohen Bronzeskulpturen, sondern schließlich und endlich um vergorene Trauben.
Den jungen Mann mit der Schirmkappe und dem karierten Hemd hätten wir fast übersehen. Ist das der Gärtner? Nein, er ist einer der wichtigsten Menschen hier, wenn nicht der wichtigste überhaupt: Morné Very ist der Winemaker. Er ist dafür zuständig, dass neben den gut verkäuflichen, etwas langweiligen und überdesignten Weinen für die distinguierte Tafel auch ein junger ungestümer Sauvignon Blanc von 2011 seinen Platz findet. Und wer auch immer für den lokalen Käse verantwortlich ist, der dazu gereicht wird - Respekt. Ich esse den Blauschimmelkäse meines Lebens, obwohl ich Blauschimmelkäse eigentlich nicht mag.
Der Wein des Sohnes des Flugzeugpioniers
Ein paar Kilometer weiter treffen wir auf das nächste Weingut und auf einen bekannten Namen: Dornier klingt vor allem in Deutschland noch vertraut. Der Weingutbesitzer und Maler Christoph Dornier ist der Sohn des Flugzeugpioniers Claude Dornier aus Kempten im Allgäu, dessen Name bis heute mit dem Flugboot DoX verbunden ist. Christoph baute in den neunziger Jahren das Weingut im Blaauwklippental bei Stellenbosch auf und verkaufte 2002 die ersten Flaschen. Bis zu seinem Tod 2008 lebte er hier in Südafrika, inzwischen hat mit Raphael Dornier die nächste Generation die Geschäftsführung übernommen.
Seit gut fünf Jahren gibt es daneben das Restaurant „Bodega“ in einem der ältesten Gebäude von Stellenbosch, unverkennbar niederländisch barock, weiß gekalkt, mit geschwungenen Giebeln und einer großen, angenehm schattigen Terrasse. Nach dem Waskostetdiewelt-Wahnsinn von Delaire-Graff exakt der richtige Ort, um sich ein wenig zu erden, auch wenn die Weißweine eher unbemerkt an uns vorüberziehen, ohne einen besonderen Eindruck zu hinterlassen. Man sollte sich besser an die Roten halten. Und hier zu Mittag essen, denn Küchenchef Neil Norman tischt in der „Bodega“ wunderbar frisch und schnörkellos auf: Calamari, aber was für welche, Kürbisflammkuchen und kleine Häppchen aus Fisch und Gemüse. Unspektakulär anmutend, aber perfekt.
Schmiedeeisen, Butzenscheiben und Springböcke
Wir fahren weiter zum Weingut Delheim - und wähnen uns in einer gutdeutschen Weinstube, Pfalz, siebziger Jahre, dunkles Holz, gemauerte Bogengewölbe, irgendwo staubt Schmeideeisen, einfache Holzbänke und Tische. Fehlt nur noch die Busladung Ausflügler im Rentenalter. Für solche Räume wurde der Begriff der rustikalen Gemütlichkeit geprägt, der einen in der Heimat sofort Reißaus nehmen lässt, hier am Simonsberg aber geradezu rührend anmutet. Gemütlich - in Südafrika! Draußen vor diesen Butzenscheiben toben schließlich irgendwo Springböcke herum.
Und erst recht versöhnt ist man, wenn Nora Sperling in Begleitung der nudeldicken Haushunde in den Raum kommt und in fast akzentfreiem Deutsch und mit einiger Selbstironie die Familien- und Firmengeschichte zum Besten gibt. Diese ist so etwas wie eine Geschichte des modernen Weinbaus in Südafrika und beginnt mit einem Deutschen namens Hans Otto Hoheisen, der hier in den dreißiger Jahren mit einigem Pioniergeist, aber leider nur wenig Grundwissen den Weinanbau begann. Seine Methode bestand vor allem aus Versuch und Irrtum, man sah ihn des Öfteren mit einem Önologie-Grundlagenwerk über dem Weintank hängen. Kriterien wie die Wahl der Reben nach Bodentyp oder Säuregrad wurden schlicht nicht beachtet, und in den Kriegsjahren füllte er seine Weine mitunter aus reiner Not in Bierflaschen ab. Umso erstaunlicher, dass sein Cabernet und sein Muscat Dessert bald kleine Verkaufsschlager waren.
Das hässlichste Etikett des Jahres 1970
Eigentlich wurde schon im Jahr 1659 der erste Wein am Kap gepresst, damals für die niederländische Handelskompanie, die hier ihre Schiffe mit neuen Vorräten auffüllen wollte und deswegen einen Gemüse- und Weingarten bestellte. Hugenottische Flüchtlinge brachten aus Frankreich einiges an Wissen mit und machten den südafrikanischen Wein in ganz Europa populär. Doch eine Reblausplage und der Burenkrieg sorgten für den Niedergang der Produktion im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert. So kam es, dass von den frühen Glanzzeiten wenig übrig war, als Hans Otto Hoheisen seinen Weinberg anlegte.
Im Jahr 1951 wurde Hoheisen abgelöst durch den Neffen seiner Frau, Michael Sperling, genannt Spatz - zunächst mit bescheidenem Erfolg. Eine seiner frühen Abfüllungen wurde von einer Bekannten mit dem Satz „Spatz, das ist aber nun wirklich Dreck!“ abgetan, was Sperling nur weiter anspornte. Der Weißwein erhielt den Namen „Spatzendreck“, sein Etikett mit dem goldenen, auf ein Fass kackenden Spatz wurde zum offiziell hässlichsten des Jahres 1970 gekürt.
Pinotage, das heikle heimische Gewächs
Doch all das tat dem Erfolg dieses Chenin Blanc keinerlei Abbruch, mit dem Spatzendreck lernte eine ganze Generation Südafrikaner das Weintrinken. Er schmeckt süß und schwer nach rustikaler Gemütlichkeit und Butzenscheiben und verkauft sich laut Nora Sperling heute besonders in China gut, weil man dort vor allem nach dem Etikett kaufe und, freundlich gesagt, andere ästhetische Kategorien habe.
Inzwischen haben die Delheims deutlich mehr zu bieten. Das traditionelle Weißweinland Südafrika ist mittlerweile bei den roten gleichauf, und so empfiehlt sich beispielsweise der rote Cabernet Sauvignon - ein angenehmer Tafelwein, der auch in deutschen Kaufhäusern erhältlich ist. Auch an die südafrikanische Besonderheit Pinotage, die in den zwanziger Jahren an der Universität Stellenbosch gezüchtet wurde, hat man sich vor kurzem herangewagt. Das war, bekennt Nora Sperling, wieder mit viel Versuch und Irrtum verbunden, denn diese Kreuzung aus Cinsault und Spätburgunder, immerhin die zweitwichtigste Rotweinsorte am Kap, benötigt eine besonders behutsame Behandlung. Auf den gelungenen Jahrgang 2010 - Lichtjahre entfernt vom guten alten Spatzendreck - ist man daher mit Recht stolz. Und zeigt, welche Entwicklung der südafrikanische Wein in den vergangenen Jahren genommen hat: mehr exportfähige Tafelweine, mehr Rotwein, weniger Weißwein und mehr Qualität und Vielfalt. Die Etiketten sind inzwischen, China hin oder her, auch eher schlicht.
Weingut Delaire Graff Estate, Helshoogte Pass, Stellenbosch. E-Mail: info@delaire.co.za, Internet: www.delaire.co.za. Das Hauptrestaurant hat täglich von 12 bis 14.30 Uhr geöffnet, Mittwoch bis Samstag auch abends von 18.30 bis 21.30 Uhr. Reservierungen unter reservations@delaire.co.za. Das Restaurant „Indochine“ hat täglich von 12.30 bis 14.30 Uhr und von 18.30 bis 21.30 Uhr geöffnet, Reservierungen unter concierge@delaire.co.za.
Dornier Wine Estate, Blaauwklippen Road, Stellenbosch. Weinproben finden täglich zwischen 11 und 16 Uhr statt. Das Restaurant „Bodega“ bietet Mittagessen von 12 bis 16 Uhr an, Dienstag ist Ruhetag. Reservierungen und Anmeldungen für die Weinprobe telefonisch unter 0027/21/8800557, Internet: www.dornier.co.za.
Weingut Delheim, Knorhoek Road, Stellenbosch. Täglich geöffnet von 9 bis 17 Uhr, Kellerführungen finden täglich um 10.30 und um 14.30 statt. Eine Anmeldung ist nur für Gruppen ab zehn Personen erforderlich. Das Restaurant mit deutscher und südafrikanischer Küche ist täglich von 9 bis 16.30 Uhr geöffnet. Buchungen unter delheim@delheim.com oder telefonisch unter 0027/21/8884600, im Internet unter www.delheim.com.
Allgemeine Informationen zu südafrikanischen Weinen bietet die Website www.suedafrika-wein.de.
Warum in die Ferne schweifen,
Matthias Unger (ungermat)
- 01.06.2012, 10:31 Uhr
Dazu kann ich nur einen Gesichtspunkt beitragen
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 30.05.2012, 18:20 Uhr