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Weinstadt Worms : Siegfrieds Wein und Kriemhilds Schuld

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Heiliges Gesetz der Lagenlehre: Überall dort, wo eine Kirche oder Kapelle nicht weit ist, wächst hervorragender Wein - so auch auf dem Wormser Klausenberg. Bild: Volker Mehnert

Worms hat mit seiner Liebfrauenmilch ein zwiespältiges Kapitel deutscher Weinbaugeschichte geschrieben. Vielen ist jedoch nicht bewusst, dass die Stadt schon längst auf dem Weg zu einer neuen Weinkultur ist.

          Weintrinker, die etwas auf sich halten, erschauern bei der Erwähnung von Liebfrauenmilch. Als fade, süße Plörre ist der Wein verschrieen, der viel zu lange das Bild des deutschen Weinbaus geprägt hat. Vor zwei Jahrzehnten noch wurde die Hälfte der hiesigen Weinausfuhr unter dem Etikett Liebfrauenmilch vermarktet. Jetzt ist das liebliche Tröpfchen in Deutschland praktisch ausgestorben, und auch auf den einst boomenden angelsächsischen Exportmärkten spielt es fast keine Rolle mehr. So scheint es an der Zeit, dem einst ebenso beliebten wie geschmähten Schoppen ein wenig vinologische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Zu diesem Zweck ist eine Reise nach Worms angebracht, denn am Rande der Innenstadt liegt der Rebgarten, dem sich dieses Kapitel der deutschen Weinbaugeschichte verdankt.

          Dort arbeitet Tilman Queins als Kellermeister des Weinguts Liebfrauenstift. Er ist ein modern denkender Önologe und dennoch ein Verehrer der Liebfrauenmilch - allerdings einer ganz besonderen. Stolz präsentiert er eine Flasche „Liebfraumilch 1907“, zufällig wiedergefunden auf einem Dachboden in Chicago. „Das ist der Wein“, sagt Queins, „der dieses Weingut und den Wormser Wein in der Welt berühmt gemacht hat. Er stand sogar auf der Weinkarte des Ritz-Carlton in New York.“ Man mag es kaum glauben, aber die Liebfrauenmilch aus dem Wormser Weingut wurde auch am englischen und schwedischen Hof kredenzt und erzielte damals ähnlich hohe Preise wie die berühmten Châteaux aus Bordeaux.

          So süß wie die Milch Unserer Lieben Frau

          Dieses Ansehen weckte den finanziellen Appetit anderer Weinbauern. Zwar galt eigentlich die Regel, dass Liebfrauenmilch nur von Reben stammen sollte, auf die der Schatten der Wormser Liebfrauen-Kirchtürme fiel – eine frühe inoffizielle Form der Herkunftsbezeichnung.

          Die Namensgebung stammte von christlichen Pilgern, die dem Wein des Liebfrauenklosters auf der Durchreise kräftig zusprachen: „So süß wie die Milch Unserer Lieben Frau“ kam er ihnen vor, das höchste Lob in einer Zeit, als deutsche Weine vermutlich überaus sauer aus den Holzfässern plätscherten. Sie konnten nicht ahnen, wozu ihre Madonna später herhalten musste. Denn die bauernschlauen Winzer aus dem benachbarten Rheinhessen betätigten sich bedenkenlos als Trittbrettfahrer der berühmten Lage und stibitzten den Begriff Liebfrauenmilch.

          Bevor sich die Herren am Liebfrauenstift versahen, hatten schon so viele Winzer aus anderen Weinbauprovinzen den Namen okkupiert, dass an einen Einspruch nicht mehr zu denken war. Ein Weinbaugesetz aus dem Jahr 1908 definierte dann lediglich die absurd weit gesteckten Grenzen, nach denen eine Liebfrauenmilch nur aus den Weinbaugebieten Rheinhessen, Pfalz, Nahe und Rheingau stammen dürfe, wobei mindestens siebzig Prozent aus den Traubensorten Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau und Kerner bestehen müsse.

          Einst so teuer wie die besten Flaschen aus Bordeaux: Liebfrauenmilch aus dem Weingut Liebfrauenstift.
          Einst so teuer wie die besten Flaschen aus Bordeaux: Liebfrauenmilch aus dem Weingut Liebfrauenstift. : Bild: Volker Mehnert

          Die Spuren eines mittelalterlichen Brands

          Damit hatte die Wormser Erfolgsgeschichte deutsche und internationale Dimensionen erreicht, die keine Rücksicht mehr auf ihren Ursprung nahmen. Aus dem fünfzehn Hektar großen Wormser Weinberg konnte die weltweit nachgefragte Menge süßlichen Rebensaftes natürlich nicht stammen. Stattdessen schrieb jeder, der wollte, Liebfrauenmilch auf seine Etiketten. Qualität spielte immer weniger eine Rolle, der Name allein sorgte für ausreichend Absatz. Der edle Wormser Terroirwein hatte sich in einen minderwertigen Markenwein verwandelt und gaukelte die Lagenbezeichnung nur noch vor. Das Weingut an der Liebfrauenkirche wehrte sich und bezeichnete seinen Wein fortan als Liebfrauenstift-Kirchenstück, versank damit aber im Meer der lieblichen Allerweltstropfen.

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