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Ausgepackt : Das schlimmste Geschiss seit dem Eijafjallanochwas

Das war so nicht geplant: Glücklich, wer jetzt seine Rommékarten parat hat. Bild: Klein, Nora

Ob mer heut iwwerhaupt wegkomme? Das Warten zwischen lauter Hessen am Frankfurter Flughafen kann schon einmal den Charakter eines Volksbühnenstückes annehmen.

          Warten ist nicht jedermanns Stärke. Um vier Uhr früh aufzustehen und zum Frankfurter Flughafen zu fahren, um dann herumzusitzen und zu warten, dass endlich der Urlaub anfängt – das kann einen strapazieren. So sitze ich morgens um sieben inmitten einer wanderwütigen Schar, die – bereits mit Funktionskleidung angetan – dem Winter entkommen und in mildem kanarischen Klima herummarschieren will, und zwar in größeren Gruppenverbänden. Die Damengruppenverbände sitzen schnatternd zusammen, die Herrengruppenverbände zischen erste Frühstücksbierchen im Raucheraquarium. Man gönnt sich ja sonst nichts.

          Gerade will die Schar beginnen zu murren, weil wir ja jetzt eigentlich einsteigen müssten, da kommt die Durchsage: Sturm auf Teneriffa, wir können nicht landen, also ist es wenig sinnvoll, überhaupt loszufliegen. Wir warten jetzt erst einmal bis acht Uhr, dann sehen wir weiter, sagt die freundliche Dame am Gate und bittet um Entschuldigung. Die Gruppenverbände murren jetzt doch, und zwar lautstark. Was sich im Folgenden um mich herum entspinnt, hat den Charakter eines Volksbühnenstückes und unterhält mich in den kommenden Stunden nicht unerheblich.

          Der Schwager schafft ja auch beim Flughafen

          Der erste Reflex der Damengruppe: Es kann sich nur um von oberster Stelle verordnete Desinformation handeln, man muss sich also unabhängig informieren und tut das auch sofort mittels Smartphone. „Die saache des nur middm Wedder“, ist man sich kurz darauf einig, „des is nur bissi wolgisch da, die erzähle uns erschendwas.“ Sturm? Pah! Die Damen lassen sich nicht so leicht auf den Arm nehmen! Die durchschauen die Lage vollkommen. „Da is was midde Maschien“, ist man sich einig, denn der Schwager schafft ja auch beim Flughafen, und der sagt auch immer, die sagen das nur, wegen der Beruhigung, und der Schwager ist selbstverständlich absolut vertrauenswürdig, während diese Schlitzohren von der Fluggesellschaft einen nur auf den Arm nehmen und vermutlich übelste Umstände verschleiern wollen.

          Auch das Zeitmanagement wird sogleich angezweifelt, man lässt sich ja nicht verschaukeln: „Wenn des bei uns stürmisch is, dann dauert des doch aach en ganse Vormiddaach, da kammer doch net saache, inne Stund geht’s weidä.“ Sturm fällt also aus, da ist sich das unabhängig informierte Damengrüppchen sicher. Und während die Herren zum Zweitbier greifen, bis auf einen ältlichen Rheinländer, der auf und ab läuft und dabei schimpft wie ein Rohrspatz, meistens mit seiner Frau, spinnen die Damen weitere Theorien: „Jetzt hole die bestimmt e anner Maschien von Denneriffa!“ Ja, das kann dauern. Deutsche Fluggesellschaften haben in der Regel keine Ersatzmaschinen in Deutschland herumstehen, schon gar nicht am Stammflughafen. Ja, das war jetzt sarkastisch. Die Damen haben sich bestens in ihrem Theoriegebäude eingerichtet, und nichts kann sie daraus befreien. Wir haben momentan eine Verzögerung von fünfundvierzig Minuten, und die Formulierung lautet bereits „Ob mer heut iwwerhaupt wegkomme!“

          Schnuller für die Kinder, Stullen für die Großen

          Da sitzen sie also und haben recht. Nun regen sich erste Bedürfnisse: „Hier müsst emal son Frühstücksbüffeewaache vorbeikomme.“ Das andere Damengrüppchen ist entspannter und hat bereits die Rommé-Karten ausgepackt. Dem übrigen Volk bleiben orale Beruhigungsstrategien: Schnuller für die Kinder, Stullen für die Großen. Der rheinische Rohrspatz schimpft. Seine Frau zieht den Kopf ein. Da kommt die nächste Durchsage: Immer noch Sturm, warten bis elf Uhr.

          Nach anfänglichem Murren gibt man sich dem Fatalismus hin. „Ei do konnste disch dreije un wende wiede willst, wanns net geht, gehts net“, grollt ein Anorakträger mit schwerer südhessischer Zunge und dem entsprechend entspannten Gemüt. Man gönnt sich sogar wieder erste Hoffnungsschimmer: „Ei ja, um elf wendt sischs Wedder, des kennisch von dehaam so!“ Und es geht ja noch schlimmer: „Des letzte Mal is der Eijafjallanochwas ausgebroche, da habbe mer e ganz Woch uff gepackte Koffer gesesse.“ Na, da sind drei Stunden doch weggewartet wie nix. Oder man muss eben doch umkehren – aber halt! „Isch kan ned haam, die Ilse hadde Schlissel!“ Damendramen allenthalben.

          Unne isses billischä

          Damit das Volk beschäftigt ist, werden jetzt Futtercoupons ausgegeben. Tipps machen die Runde: „Örschendjemand hat gesacht, wemmer die Rolldrebbe nunnergeht, isses billischä.“ Das will ich hoffen, denn zehn Euro für ein Sandwich sind mir auch geschenkt zu viel. Der „Vautschä“, wie der Gutschein hier im Volksmund heißt, lässt sich eine Etage tiefer tatsächlich gegen ein belegtes Baguette tauschen. Die Dame, die kundtat, sie „bräuchtema ebbes Warmes“, geht wohl leer aus. Ebenso wie die Sparbrötchen, die nur ein winziges Müsli kaufen und denken, sie bekämen den Rest ausgezahlt: „Krieje mer garnix widdä?“ Enttäuschung aller Orten. „Wenn isch mei Strickzeusch dahätt, isch hätt mein Schal schon feddisch!“, befindet eine Dame und löffelt weiter in ihrem Joghurt. Und von irgendwoher weht grenzenloser Optimismus: „. . . un dann schlaafe mer im Steischeberjer Hodell!“ „Noch simmä bei elf.“ „Die hat aach grad delefoniert.“ „Noch simmä optmistisch.“

          Gerade, als das Fazit fällt – „also, so’n Geschiss hadde mer noch nie!“ – geht es doch los. Boarding! Das Volk jubelt und klatscht. Letzte Telefonate mit abwesenden Gatten: „So, mer flieje. Jetzt haste Ruh, Schatz.“ Ein bedauernder Blick aufs Rollfeld: „Mer wollde doch mit der Dischäende flieje. Die is jetzt fott.“

          Mit sechs Stunden Verspätung, ein paar Ehrenrunden und Zwischenlandung auf Gran Canaria landen wir schließlich doch noch heil auf Teneriffa. Mit der Tigerente. Die wohlinformierten Bürgerinnen mit dem Schwager vertieften ihr Theoriegebäude, dass es sich keinesfalls um einen Sturm habe handeln können, nach ein paar ordentlichen Turbulenzen übrigens nicht mehr weiter.

          Quelle: F.A.Z.

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