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Wanderung durch David Hockneys Welt Mit beiden Füßen in der Leinwand

 ·  Der englische Maler David Hockney hat in zahllosen, oft riesenhaften Gemälden seine Heimat Yorkshire portätiert. Heute geht man dort durch eine Landschaft, die längst zu Kunst geworden ist.

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Bishop Wilton hatte von oben verführerisch nett ausgesehen. Ein winziger Ort in einer Senke, lauter rot gedeckte Häuschen um einen ungewöhnlich hohen und spitzen Kirchturm geschart, dazu ein Bach, der in fast gerader Linie mitten durch den Weiler führt. Vieles sprach dafür, dass es einen Pub geben würde. Und außerdem hatte es auf der Wanderkarte den Eindruck gemacht, es sei nicht unvernünftig, den Hügel hinabzusteigen und dann die Landstraße zu nehmen, um auf den Garrowby Hill hinaufzukommen, auf der anderen Seite des Orts. Aber im Pub, den es tatsächlich gab, dem „Fleece Inn“, und in dem an diesem sonnigen Herbstnachmittag nur ein einziger Gast war, an die Theke gelehnt, ein halbvolles Glas Limonade vor sich - in diesem Pub also riet mir ebendieser Gast so vehement von der Straße ab, dass ich glauben musste, ich hätte Glück, wenn mich Motorräder, Rennwagen oder Schwertransporter nur in den Straßengraben drängten und nicht gleich über den Haufen fahren würden.

Es gebe auch einen Fußweg, sagte der Herr, den das halbvolle Glas Limonade nicht wirklich seriös aussehen ließ, aber vielleicht doch vertrauenswürdiger als ein fast leeres Glas Bier, diesen Fußweg würde er nehmen. Womit er natürlich meinte, dass ich ihn nehmen solle, und dann ging er mit mir vor den Pub, zurück in die grelle Sonne an dem stahlblauen Himmel dieses wunderbaren Nachmittags und streckte den Arm aus. Dort, er zeigte auf eine Reihe von Bäumen weit oben auf der Kuppe des Hügels, nahe der Stelle, von der ich gerade erst heruntergekommen war, dort verliefe der Weg in einem weiten Halbrund auf der Höhe, und dabei bewegte er den Arm ganz allmählich nach links. Ich könne ihn gar nicht übersehen. So stieg ich wieder hinauf. Dem Punkt entgegen, an dem sich Hockneys Leidenschaft für die Landschaft von Yorkshire entzündet hat.

Vogelscheuchen am Rande der Verzweiflung

Aber den Weg übersah ich dann doch irgendwie. Und stampfte mal quer über Weiden, mal an dichten Weißdornhecken entlang, die partout kein Ende nehmen wollten, später am Rand eines Getreideackers durch fast mannshohe Disteln und schließlich, aus lauter Verzweiflung, quer über ein Weizenfeld, so behutsam wie möglich, natürlich, in der Spur eines Traktorreifens. Als ich die Straße endlich erreichte, sah ich aus wie eine Vogelscheuche. Schuhe und Klamotten voller Dreck und Kletten. Doch welch ein Ausblick! Fast wie vom Rand einer Klippe aus. Ungehindert über das Land, das sich dort unten so platt, als habe man es mit riesigen Raupen planiert, im Dunst des Gegenlichts bis an den Horizont erstreckte. Nirgendwo war ein einziges Auto zu sehen.

Der Garrowby Hill ist der letzte Höhenzug der Yorkshire Wolds, dieses bezaubernden Landstrichs, in dem die Eiszeit vor zwölftausend Jahren alles zurückgelassen hat, was ein Gletscher an Höhen, Tiefen und Senken formen kann. Es ist ein Auf und Nieder, dessen Anmutung sich mit jedem Schritt ändert, in dem wie hingetupft ganz selten ein einsames Farmhaus steht und in dem wie ausgesetzt mal ein paar Schafe, mal ein paar schottische Hochlandrinder grasen. Weiden und Felder wechseln sich ab und liegen wie bunte Laken über den Hügeln ausgebreitet.

Viel berühmter kann man als Künstler nicht werden

David Hockney hat diese Landschaft gemalt. Er stammt aus Yorkshire. Im Jahr 1937 kam er in Bradford zur Welt. Dort ging er zur Schule, und in den Sommerferien ist er mit dem Fahrrad zu den Farmen von East Riding gefahren, um sich als Erntehelfer ein Taschengeld zu verdienen. Später studierte er Malerei. Und irgendwann zog er nach Kalifornien und malte sich mit Bildern von Swimming Pools und Blumenvasen in die erste Riege der zeitgenössischen Kunst. Es folgten Bühnenbilder, Porträts von Freunden und Landschaftscollagen, mit denen er die Fotografie gewissermaßen neu erfand. Viel berühmter als er kann man als Künstler nicht werden.

Nach Yorkshire kam er nur noch an Weihnachten, das aber jedes Jahr, jeweils für ein paar Tage, um seine Mutter zu besuchen. Erst als ein guter Freund im Sterben lag, blieb er Ende der neunziger Jahre ein wenig länger und fuhr mit dem Auto fast täglich vom Seebad Bridlington aus, wo er der Mutter direkt am Strand eine ehemalige Pension gekauft hatte, in die Nähe von York, um dort den Freund am Krankenbett zu besuchen. Irgendwann verfiel er dabei dem Reiz der Landschaft, und er malte Szenen ebendieser Autofahrt. Die Strecke durch Sledmere etwa, einen kleinen Ort, dessen markanteste Bauwerke er in dem Bild so dicht hintereinander setzte, wie man die Fahrt mit dem Wagen in der Erinnerung verdichtet, weil eben der Blick einen Moment länger auf deren Kuppeln und Spitzen haften bleibt als auf dem Rest des Orts. Oder eine Straße, die im schier endlosen Zickzack durch Wiesen in allen Schattierungen von Grün führt, immer tiefer hinein in die Wolds. Und er malte auch den Blick vom Garrowby Hill in die Ferne. Die Straße, die hinunter in die Ebene führt, hat Hockney so seltsam verbogen, wie es früher die Muskelprotze auf dem Jahrmarkt mit Eisenstangen taten, zu wilden Serpentinen. Aber dadurch spürt man die Bewegung der Autofahrt, und man begreift die Tiefe des Raums, die Maßlosigkeit dieses Flickenteppichs aus bunten Äckern und Feldern, der bis ans Ende der Welt ausgerollt zu sein scheint.

Fünfzig Leinwände für ein einziges Motiv

Man merkt den Bildern an, dass David Hockney damit nach Hause zurückkehrte, so intensiv drückt sich darin sein Interesse an der Gegend aus, so lebendig wirkt dieses stille Land bei ihm, als eine Explosion der Farben. Und so wunderte sich niemand, als er 2004 im Dachgeschoss des Hauses seiner Mutter ein Atelier einrichtete. Es wurde sein Basislager für Exkursionen in die Region. Jahrelang erkundete er fortan mit einem Geländewagen die Gegend, bei Sonne und Regen, Sturm und Schnee, um an bildwürdigen Stellen haltzumachen, seine Staffelei aufzustellen und direkt dort zu malen wie die Impressionisten und wie die Maler von Barbizon: en plein air - unter freiem Himmel. Zu allen Jahreszeiten. Immer wieder an den exakt selben Orten.

Anfangs komponierte er die Bäume, Sträucher, Landschaften ganz klassisch auf nur einer Leinwand. Später malte er die Motive über vier, sechs oder acht Leinwände hinweg, die er anschließend zusammensetzte. Am Ende bemalte er fünfzig Leinwände für ein einziges Motiv, das er Meter um Meter abtastete, stets aus einer leicht veränderten Perspektive. Hockney hatte eine Fabrikhalle von der Größe eines Flugzeughangars mieten müssen, um die Wirkung dieses Bilds zu überprüfen. Genaugenommen hat er es dort überhaupt zum ersten Mal gesehen, weil er zuvor aus Mangel an Platz nie mehr als ein halbes Dutzend Teile hatte nebeneinander hängen können.

Das Strahlen im Gesicht der alten Frauen

Ich war am Morgen losgelaufen, in Fridaythorpe, einer kleinen Ortschaft in den Yorkshire Wolds, deren einzige Auffälligkeit ein seltsam überdachter Steg im Dorfweiher ist, mehr Kunst als Architektur, eingerichtet mit zwei Bänken. Zwei alte Frauen saßen dort und freuten sich, als ich nach dem Wolds Way Richtung Huggate fragte. Die eine lächelte, als ging ihr etwas durch den Kopf. Dann nickte sie unmerklich und sagte: „Es ist weit, junger Mann. Sehr weit.“ Ich schluckte, denn auf meiner geplanten Rundwanderung durch die Wolds war der Weg nach Huggate nur ein erster Hopser. Aber als ich eine Viertelstunde später unter einem Baldachin von Eichenlaub spazierte, über einen Trampelpfad, der mit Gras und Moos bewachsen war und gesäumt von hohen Farnen, da begriff ich das Strahlen, das über das Gesicht der alten Frau gegangen war, und mit einem Mal sah ich sie als junges Mädchen vor mir, das mit raschen Schritten Richtung Huggate eilte, um sich auf halbem Weg in diesem Märchenwald heimlich mit ihrem Freund zu treffen. Es war eine Landschaft wie geschaffen für Liebesgeschichten. Und dann fielen mir auch gleich allerhand Romane von Jane Austen ein, die hier allesamt verfilmt werden könnten, ohne dass man viel an der Umgebung ändern müsste. Doch als ein Farmhaus am Wegesrand auftauchte und der Weg nur wenig später auf eine Landstraße stieß, musste ich mir eingestehen, dass ich fast vom ersten Schritt an in die falsche Richtung gelaufen war.

Es war später Vormittag, bis ich den Ausgangspunkt der Wanderung wieder erreicht und den Wolds Way gefunden hatte. Von Romantik konnte auf dieser Strecke keine Rede mehr sein. Sie führte zwischen Büschen und dichtem Gestrüpp hindurch direkt hinunter in ein schmales, leeres Tal, hier poetisch Dale genannt, das mit seinen glatten, nur mit Gras bewachsenen Wänden und mit seinen eleganten Windungen aussah wie ein tiefes Flussbett, nur ohne Wasser. Wie eine Rinne, die man mit dem Finger am Strand in den Sand zeichnet. Dabei so tief, dass man sich fühlt wie in einer Schlucht. Eine Verteidigungslinie der Kelten könnte man sich so vorstellen. Oder eine Rennbahn für Quad-Wettbewerbe. Oder ein Stück Land Art von Robert Smithson. Nur an natürliche Topographie mag man nicht glauben, so unwirklich erscheinen die Dales, mit denen die Karte von East Yorkshire förmlich überzogen ist. Aber es waren natürlich wieder die Gletscher, die diese Formen modelliert haben. Der Boden ist Kreide. Viel Widerstand bietet er nicht. Wasser versickert so schnell, dass man zuschauen kann. Man spricht auch von den trockenen Tälern.

Ist das da unten nicht David Hockney höchstselbst?

Wenn man Glück hat, folgt der Wanderweg den Biegungen dieser Täler. Hat man Pech, kreuzt er sie nur. Dann geht es steil hinunter und nach wenigen Schritten ebenso steil wieder hinauf. Vom Rand einer solchen Anhöhe erkannte ich zu meiner Überraschung tief unter mir David Hockney.

Er saß unter einem rotweiß gestreiften Sonnenschirm auf einem Campingstuhl. In Ringelpullover und Jeans, mit einer hellen Schirmmütze. Ein Zeichenbrett auf dem Schoß, schaute er mal in die Landschaft, mal auf das Papier. Ganz unaufgeregt sah das aus. Fast kontemplativ. Wie spricht man einen berühmten Maler an, dachte ich, bei solch einer unvermuteten Begegnung mitten in der Natur. „Bonjour, Monsieur Hockney“, dazu eine ehrfürchtige Verbeugung, oder mit englischem Understatement: „Mister Hockney, I presume.“ Es waren nur noch ein paar Schritte, Stufen hinab, die in den Berg geschlagen waren und die ich längst im Laufschritt nahm. Da musste ich erkennen, dass es doch nicht David Hockney war, sondern einfach nur ein Mann, der Zeitung las. Er sei der Streckenposten für eine Benefizwanderung, mit der irgendeine sozial tätige Vereinigung Geld für einen guten Zweck sammle. Es gebe für die Teilnehmer zwei unterschiedlich lange Runden, sagte er, beide führten durch dieses Tal. Er solle nun dafür sorgen, dass sich niemand verlaufe. Aber noch immer sei kein Mensch vorbeigekommen, obwohl es schon spät sei, und allmählich mache er sich Sorgen. Ich wusste nur zu gut, was er meinte.

Fröhliche Wanderer des guten Zwecks

Und ich war erleichtert, als mir zwanzig Minuten später ein Grüppchen fröhlicher Wanderer entgegenkam. Ja, ja, sie seien das, sagten sie, die, die das Geld sammelten. Für jede Meile, die sie gingen, erhielten sie von ihren Sponsoren jeweils ein paar Pence. Damit würden sie eine Organisation unterstützen, die Hörhunde für Taube kauft. Aber weder von dem Hund noch von den Tauben wollten sie jetzt erzählen und fragten bloß mit unfröhlichem Gesichtsausdruck, wie weit es zum nächsten Dale sei und wie steil es diesmal hinab- und vor allem wieder hinaufginge. Sie waren die einzigen Wanderer, denen ich den ganzen Tag über begegnete. Man ist viel allein auf dem Land in East Yorkshire.

Als David Neave am Straßenrand zufällig David Hockney begegnete, im Frühjahr 2007, war es keine Verwechslung. Vor einem roten Haus neben riesigen Bäumen, irgendwo am Rande eines Felds zwischen Burnby, Warter und Middleton, waren Hockneys Assistenten gerade damit beschäftigt, Leinwände aus dem Kofferraum eines Autos zu holen und auf Staffeleien zu stellen. Hockney selbst sortierte auf einem Tischchen seine Paletten, Spachtel und Farbtuben. In einem Eimerchen steckten so viele Pinsel, dass sie aussahen wie ein Blumenstrauß in einer Vase. Dass Hockney viel in der Gegend unterwegs sei, um zu malen, hatte sich bereits herumgesprochen. Auch hingen damals schon die ersten Drucke seiner Landstraßen und Getreidefelder in Hotellobbys und Cafés in East Yorkshire und schürten über den Umweg der Kunst den Lokalpatriotismus. Aber bis zu Hockneys großer Ausstellung in der Royal Academy of Arts in London, mit der die Landschaftsbilder aus Yorkshire, die „Bigger Pictures“, schlagartig bekannt werden sollten, war es noch einige Jahre hin.

Fluch und Segen des künstlerischen Ruhms

„You must be David Hockney“, hatte er den Maler angesprochen: Sie müssen David Hockney sein. Oder so ähnlich. Ganz genau kann er sich nicht erinnern. Dann redeten sie erst über Kunst, dann über Los Angeles und schließlich übers Rauchen, eines von Hockneys Lieblingsthemen - zumal ausgerechnet für diesen Tag der Staat den „Tag des Nichtrauchens“ ausgerufen hatte. Erst als sich die beiden kurz darauf zufällig bei einem Konzert wieder begegnet sind, tauschten sie Adressen aus, und es entwickelte sich eine Freundschaft.

David Neaves ist Lokalhistoriker. Er kennt jeden Estate in East Yorkshire, jede große Farm, jeden kleinen Ort und jeden Pub. Die alte Kirche St. James in Warter hat er gemeinsam mit dem Yorkshire Wolds Buildings Preservation Trust vor dem Abriss gerettet und darin ein kleines Museum zur Geschichte der Region eingerichtet. Die Ausstellung informiert über die frühen Siedlungen im Neolithikum. Sie erklärt die Auswirkungen des Enclosure Act gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts, mit dem die Grenzen neu gezogen, die Hecken gepflanzt und die schnurgeraden Straßen gebaut wurden, die damals exakt bis an die Grenze der jeweiligen Gemeinden führten und die man erst sehr viel später in verwegen gezogenen Linien miteinander verbunden hat. Ein Abschnitt widmet sich der Form der Dörfer und ihrer Schönheit, die mit dem ästhetischen Empfinden des Adels begründet wird - und mit dessen Wunsch nach Kontrolle über die Bewohner. Und ein Abschnitt den verwaisten Dörfern: den „deserted villages“. Außerdem liegen ein paar Faltblätter aus mit Empfehlungen für Spaziergänge mit Längen zwischen zwei und zwölf Meilen. Eine der Strecken führt an dem roten Haus vorbei, an dem Neaves David Hockney kennengelernt hat, und an dem kleinen Wäldchen daneben - „berühmt geworden durch David Hockneys Gemälde ,Bigger Trees near Warter‘“, wie es in dem Faltblatt heißt, ohne dass die Stelle explizit auf der Karte vermerkt wäre. „Die Besitzer mögen es nicht“, sagt Neaves, „wenn Fremde vor ihrem Haus parken, um die Bäume zu fotografieren.“ Mit mir ist er trotzdem hingefahren. Es war der Tag nach meiner Wanderung.

Die Befreiung aus dem perspektivischen Albtraum

Es ist ein abgelegenes Stück Welt in diesem ohnedies sehr dünn besiedelten Landstrich. Ein einsames Haus, eine kleine Gruppe von Bäumen. Eigentlich bescheiden, fast unauffällig. Bei Hockney hingegen wirkt der Ort monumental, was natürlich auch am Format liegt. Das Bild ist viereinhalb Meter hoch und zwölfeinhalb Meter lang. Ein größeres Bild wurde in freier Natur vermutlich nie gemalt.

Lohnt sich der Besuch? Ein wenig. Denn an Ort und Stelle begreift man viel von der Art, mit der David Hockney die Dinge sieht, die Welt buchstäblich aufblättert. Die Hauswand rechts, die Straße links kann man nicht gleichzeitig sehen, sie liegen einander gegenüber. Hockney hat sich beim Malen gedreht, so, wie ein Mensch den Kopf dreht, wenn er eine Landschaft betrachtet. Von der europäischen Idee der Zentralperspektive, die er bei Gelegenheit „perspektivischen Albtraum“ nannte, hat er sich in diesem Bild völlig gelöst. Es ist ein Motiv der sich widersprechenden Perspektiven. Das ist für Hockney nicht neu. In ganz ähnlicher Manier hatte er schon seine großformatigen Fotocollagen zusammengefügt. Und es gibt sogar Gemälde von ihm, in denen er die Perspektive umkehrt und die Fluchtlinien auf den Betrachter zulaufen. Neu ist, dass man in dem Bild der großen Bäume bei Warter den Schwenk des Blicks nicht bemerkt. So behutsam nimmt er uns mit auf seinen Weg.

Alles dreht sich um die Zeit

Hockneys Motive aus Yorkshire sind ausnahmslos eindeutig zu lokalisieren, nicht alle aber so leicht wie die Spitzen und die Kuppel der Denkmäler in Sledmere. Oder die drei Bäume in der Nähe von Thixendale, wo in Wirklichkeit vier stehen, oder der Baumstumpf im Wald von Woldgate und die Baumreihe direkt gegenüber. Schließlich der Feldweg am Ortsrand von Kilham, ein paar Kilometer weiter, den Hockney „Tunnel“ nennt, weil die Bäume die schmale Piste förmlich umrahmen. Selbst Bilder von Sträuchern, Fahrspuren und Strommasten könnte man dank Titeln wie „Sledmere to Malton“, „Kilham to Langtoft“ und „Rudston to Sledmere“ verhältnismäßig leicht finden und sie zu einer kleinen Rundreise verbinden. Aber am Ende lohnte es sich eben doch nicht, die Orte zu markieren und Schilder aufzustellen, die seine Gemälde zeigen - so etwa, wie man es um Murnau herum mit den Motiven der Blauen Reiter gemacht hat. Zumal es hier in East Yorkshire auf Kilometer hinaus nicht anders aussieht und man sich wundern könnte, mit welcher Konsequenz David Hockney manchen Plätzen treu geblieben ist und sie wieder und wieder aufgesucht hat.

Aber um die Plätze geht es ihm gar nicht. Es geht um Bewegung und Veränderung - es geht um die Zeit. Darum, wie sich im Laufe des Tages die Stimmung verändert und im Laufe des Jahres die Landschaft. Dazu trägt die Landwirtschaft nicht unerheblich bei, und vielleicht hängt die romantische Vorstellung, die man mit ihr verbindet, ob zu Recht oder zu Unrecht, damit zusammen, dass hier nicht in Tagen gedacht wird, sondern in größeren Einheiten von Jahren und Jahrzehnten, was ganz von allein so etwas wie Zugehörigkeit, Verbundenheit einschließt. Und vielleicht war es ja auch Hockneys Leben im nie endenden kalifornischen Sommer, das ihn plötzlich so empfindsam gemacht hat für den Wechsel der Jahreszeiten und den Rhythmus der Natur.

Aus dem Baumstumpf wird ein Totem

Prompt sind die Winterbilder am beeindruckendsten, wenn die Baumstämme wie dürre Gesellen in Reihe stehen und es aussieht, als griffen sie mit ihren spindeligen Armen nach ihren Nachbarn. Es gibt einen Film, der Hockney im Winter beim Malen zeigt, mit dicker Mütze und dickem Mantel, die eine Hand in der Hosentasche warm gehalten, während er mit der anderen fein säuberlich die Linien der Äste so exakt wie möglich auf die Leinwand überträgt. Dass das alles so da sei, zeigt er in diesem Film, dass er das nicht erfinde, nicht einmal interpretiere.

Von Freude ist da nichts mehr zu spüren, vielmehr senkt sich eine Schwermut über die Leinwand, wie man sie ein zweites Mal bei Hockney nur noch in seinen Bildern eines meterhohen Baumstumpfes sieht - er nennt ihn Totem.

Reifenspuren der Kulturtouristen

Auch dorthin hat mich David Neaves gebracht. Es ist ein Stück Holz am Straßenrand, das Waldarbeiter vielleicht nur aus Faulheit haben stehen lassen. Aber nun hat es gute Chancen, als Sehenswürdigkeit unter Schutz gestellt zu werden: als der Hockney-Baumstumpf. Die Spuren, die um ihn herum in den Boden gefahren sind, lassen keinen Zweifel daran, dass hier schon mehr als ein Tourist auf seinem Reiseweg in die Kunst haltgemacht hat.

Natürlich nutzt das Tourismusamt von Yorkshire den Erfolg des kaum noch überschaubaren Bilderzyklus von Hockney aus. Es hat sogar eine Straßenkarte der Wolds aufgelegt, in die recht undurchschaubar ein „David Hockney Trail“ eingezeichnet ist. Die Informationen nutzen niemandem wirklich, um die Motive in der Landschaft wiederzufinden, aber der Begriff „Hockney Country“ auf demselben Stück Papier macht deutlich, welchem Vorbild man folgt: Suffolk und der Vermarktung von John Constable, dem vielleicht größten englischen Landschaftsmaler.

Eine Hügellandschaft wie eine bewegte See

Tumult freilich will nicht so recht passen, zu diesem unaufdringlichen, fast unscheinbaren Teil der Welt, der ein wenig vergessen zwischen den dramatischen Bergen und Schluchten West Yorkshires und der düsteren Heidelandschaft nur eine halbe Autostunde entfernt Richtung Norden liegt, beides populäre Ausflugsziele. In den Yorkshire Wolds und in den Dales hingegen findet man kaum Attraktionen. Eher verliert man sich hier. In dieser Hügellandschaft, in die man eintaucht und aus der man auftaucht, als sei man unterwegs auf bewegter See.

Die Attraktion der Gegend ist eine seltsame Leere. Keine Ödnis, im Gegenteil: eine farbenfrohe Flächigkeit, in der golden glänzende Weizenfelder an sattgrüne Weiden grenzen oder das dunkle Braun gepflügter Äcker himmelan steigt, bis es an das tiefe Blau des Äthers stößt. Seit zweihundert Jahren hat sich in dieser Landschaft kaum etwas verändert, und auch das spürt man: die Beständigkeit. Nur die Bäume kamen hinzu, keiner älter als zweihundert Jahre, gepflanzt erst, als die Bauern mit dem Enclosure Act erstmals die Dörfer verließen und kleine Höfe inmitten der Felder gebaut wurden. Und die modernen Hilfsmittel der Landwirtschaft: Mähdrescher und Traktoren.

Wann kommt die Tochter des Riesen?

Wie Spielzeuge sahen sie aus, in der Ferne, und es hätte mich nicht überrascht, wäre die Tochter eines Riesen gekommen und hätte sie in ihr Taschentuch gepackt, um sie als Spielzeug daheim über den Tisch rollen zu lassen. Und waren nicht Friday Thorpe und Huggate, Millington, Bishop Wilton und Kirby Underdale Orte wie vom Brett einer Modelleisenbahn. Die Wanderung durch East Yorkshire war die Wanderung durch ein Spielzeugland, fern der Wirklichkeit, und ganz ohne jedes Geräusch, wie mir jetzt erst auffällt. Genaugenommen war es gerade so, als sei ich durch ein Bild gelaufen.

David Hockneys Bilder in Köln

Die Ausstellung „David Hockney – A Bigger Picture“ ist vom 27. Oktober bis zum 3. Februar 2013 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Der opulente Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet im Buchhandel 45 Euro. Information über East Yorkshire erhält man im Internet auf den Seiten www.yorkshire.com, www.theyorkshirewolds.com sowie www.visitengland.de.

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Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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